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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 20 -DIEg Feuilletonist, ein schwermütiger, kluger, mondäner Causeur, ein nie zu Widerspruch reizender Spötter geblieben. Aber er hat Paris kennen gelernt, ist in den Strudel dieses brandenden Meeres geraten, hat heißen Kampf gesehen, hat Pulver gerochen. Paris ist für Herzl eine Offenbarung gewesen. Er hat da das Werden der Dinge, das Hämmern und Schmieden des öffentlichen Lebens, das Beherrschen und Führen der Menschen gesehen. Das sieht man nirgends so klar, so sinnlich erfaßbar wie in Frankreich. Für den Franzosen ist das WTort selbst eine biotische, ich möchte fast sagen, eine kinetische Äußerung. Es ist ,;le Verbe", das nach Tatwerdung strebende Wort. Wäre nun Herzl eine logisch-rationalistisch veranlagte Natur gewesen, ein Abwägender und Wählender, so hätte er vielleicht die ihm zu Bewußtsein gekommene Energie in den Dienst der Tagespolitik, vielleicht der Umgestaltung des sozialen Gefüges gestellt. Denn dafür sprachen ja alle äußern Umstände, Es war ja damals ein recht günstiger Boden dafür — sogar in Österreich. Doch bei ihm herrschte das metalogische Element vor. Wie bei allen großen Juden, deren Streben immer unklare, weite, von ihnen selbst nicht gekannte Horizonte hat. Der Jude legt das ganze Pathos seines Wollens in das Unermeßliche. „Und es wird sein am Ende der Tage." In jedem historisch überlieferten jüdischen Streben liegt etwas eschatologischeis. Delitzsch definiert das Wesen des Juden als das Zielstreben, — sogar das Wort „El" bedeute Ziel. Aber dieses Ziel ist kein sinnlich-empirisches. Es scheint über Raum und Zeit und über die Grenzen des Möglichen hin ausgerückt. War der religiös-metaphysische Gehalt des Judentums bei Herzl beinahe ganz ausgemerzt, so blieb die psychische Grundnote, die Tendenz. Und gerade, weil diese tendierende Kraft sich selbst einen Zweck schaffen mußte, wurde sie so mächtig und intensiv. Gewiß war sich Herzl seiner eigenen Motive nicht ganz bewußt. Er glaubte, die Judennot, die Affaire Dreyfus, Stolz und Mitleid hätten ihn zum Judentum zurückgeführt. Das allein hätte kaum genügt, um ihn zu dem zu machen, was er geworden ist, zum Wiedereröffner der jüdischen Geschichte. Aus Mitleid allein wird man kein Führer. Reinach und alle die andern führenden französischen Juden haben wohl am unmittelbarsten die Folgen des Dreyfusprozesses zu spüren bekommen — und sind doch die alten geblieben. Herzl aber fühlte in sich das innere Bedürfnis, das Schicksal des Judentums zu seinem eigenen zu machen, die jüdische Geschichte, die man schon für abgeschlossen erklärte, von neuem zu eröffnen. Und nicht dies allein, er fühlte instinktiv, daß die ganze jüdische Geschichte in der Diaspora eine Geschichte der Passivität sei, ein Warten, daß der Tätige, der Erfüllende der Sehnsucht noch nicht gekommen ist. Er hat nichts neues in das Judentum hineingebracht. Weder die Idee, noch die Mittel waren den Juden unbekannt. Aber er hat etwas entschieden neues in das jüdische Leben hineingebracht — die aktive Persönlichkeit. Und noch mehr als das, er hat den Weg gezeigt, wie die jüdische Persönlichkeit restlos, objektiv sich ausleben könne. Die großen jüdischen Persönlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts kannten diese Restlosigkeit nicht. Weder Disraeli noch Lassalle hatten das Einfache, Wurzelstämmige, Selbstverständliche eines Volkshelden, eines Garibaldi, eines Mazzini. In ihrem Innersten wußten gE LT 453 sie doch, das sie von den Massen, die sie führten, eine unüberbrückbare Distanz trennt. Im letzten Grunde waren auch sie Ironiker. Wer aber iür sein eigenes Volk arbeitet, seine eigene Zukunft aufbaut, kennt keine Dissonanz, täuscht sich und den andern nichts vor. Und das war es, was Herzl instinktiv empfunden. Das war sein Weg zum Judentum ... Herzl brachte dem Judentum die Erlösung vom Geiste. Wir hatten ja nirgends mehr einen festen Boden als in der Welt des Imaginären. Und sind selbst imaginäre Menschen geworden. Menschen, deren Denken und Leben auseinandergehen, die nichts aus sich schaffen, die allen Dingen fremd und lächelnd gegenüberstehen — und kein Ziel mehr haben. Die Stärke des Juden von ehedem war, daß er sich selbst ein Zweck war. Er war sich selbst heilig, weil er sich als Träger einer Idee, als Gefäß der Wahrheit dachte. Aber nun begann die Wahrheit an sich selbst zu zweifeln. Der Sinn des Soseins, des Unterschiedenseins von der Umgebung verflüchtigte sich und den Juden überkam das Gefühl der Leere, die durch nichts auszufüllen war. Diese Leere suchte er nun durch Geist und Scharfsinn auszufüllen. Und erweiterte noch mehr den Riß. Und wurde immer halt- und wurzelloser. Der Geist erdrückte den Willen und die ergänzende, ausführende, rechtfertigende Tat blieb aus. In allen Schichten der Judenschaft war diese Spaltung des Bewußtseins, diese Überwucherung des Formalen, des Geistes bemerkbar. Es war nur hier um einen Grad mehr, dort weniger. Herzl aber hat diesem Insblauestürmen des jüdischen Geistes Einhalt geboten. Weil er selbst an der Wurzel intakt war. Er war kein Virtuose des Geistes, aber wie Nietzsche sagen würde, ein Virtuose des Herzens. Oder besser ausgedrückt, der Intuition. Mehr als er sagte und wußte, ahnte er. Begriff die eigene Intuition oft nicht. Und legte sie oft falsch aus. Aber der Grundton war richtig . . . Herzls Tätigkeit ist viel kritisiert worden. Vielleicht fehlte ihm für viele Fragen des Judentums das Verständnis. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit ihm über den;,Reformjudaismus" des Mr. Claude Montefiore geführt hatte» In der Stellung zu dieser Frage war mehr als Abneigung gegen Fragen spekulativer Natur, dazu noch aus einem Gebiete, wo Phantastik von logischem Denken schwer zu scheiden ist. Herzl war völlig indifferent, unzugänglich diesen und ähnlichen Fragen gegenüber. Es war fast etwas naives in seinem Verhältnis zur jüdischen Kultur. Er nahm sie an und kümmerte sich nicht weiter um sie. Er hörte ruhig die begeisterten Ausrufe und die enthusiastischen Übertreibungen der Anhänger und lächelte nicht. Er empfand gewiß manchen Mißton im Chor, den er führte, aber er glitt darüber hinweg. Denn es handelte sich ihm nicht um den Chor, nicht um den Beifall der Hörer, sondern um das Motiv, um das Ziel. Deshalb vermochte er die merkwürdige Tat zu vollbringen, die disparaten Teile des Judentums wieder in Fühlung zu bringen. Und nicht bloß in mechanischem Kontakt, wie ihn die kultuellen und philanthropischen jüdischen Organisationen bewerkstelligen, sondern in einem organischen Miteinandersein, Miteinanderstreben. Manche unserer eigmproduzierten Historiosophen sprechen sehr gerne von einer immanenten Notwendigkeit, von der Unabwendbarkeit des Zionismus. Sie beweisen es auf rein ideologische, aber auch auf „empirische* Weise — nach der Schablone der Marxisten. Wollte

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