Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316426--53231-3347005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DAS THEMA DER TAT Von Dr. A. Coralnik In seinem bekannten Lassalle Roman „The .tragic Comedians* hat der englische Dichter George Mcredith eine glänzende, in ihrer Prägnanz unübertroffene Schilderung des genialen Kampfheroldes gegeben: „Er hatte ein edles Profil, ein Gesicht wie aus Elfenbein geschnitten und leuchtende Augen. Vielleicht war er von sephardischem Geblüt, ein Adliger. Kein Adel hat soviel Erhabenheit und Würde wie die Elite der Juden. Der adelige Jude ist ernst und gravitätisch im Alter, in den jungen Jahren ist er der Köcher für die Pfeile seines ungestümen orientalischen Blutes, im Mannesalter aber ist er eine stolze, hochragende Gestalt. Das Feuer ist Geist geworden und vom Intellekt gezähmt. ... Die Gaben der Beredsamkeit, der Unternehmungslust und der Entschlossenheit waren in seinen Zügen und seiner Haltung ausgeprägt. Über allem lag aber ein feiner Hauch seigneurialer Güte. ... Er sprachs, und man konnte ihn nicht überhören. Es bestand nur die Gefahr, daß man zu tief in den Zauberbann seiner Stimme gerate. Seine Stimme war ein ganzes Orchester in einem einzigen Instrument. . . . Und sein Thema war die Tat; die Tat, die Leben ist, Kraft erzeugt, Energien befreit, Größe schafft. ..." Theodor Herzl hat noch seinen Dichter nicht gefunden. Er hat die großen Kreise der Menschheit'nicht in dem Maße aufgerührt, daß er im Gedächtnis der Völker legendarisch weiterlebt. Sogar das jüdische Volk, für welches Herzl ein immenses, unvergeßliches Erlebnis war, hat seine Bedeutung noch nicht ganz erfaßt. Vielleicht -aus Mangel an Distanz. Vielleicht, weil er noch so frisch in der Erinnerung ist. Sollte sich aber dereinst die legendenbildende, schönheitsverklärende Phantasie des Dichters oder des Volkes die historische Gestalt, das innerste Wesen Herzls wiederbeleben wollen, so werden ihr die zitierten Worte George Merediths als Leitmotiv dienen können. Ist denn diese Charakteristik nicht ein getreues Bild Theodor Herzls? Alle, die ihn kannten, waren von seiner imponierenden, anliken Schönheit, der Schönheit eines orientalischen Königs, hingerissen, waren im Banne seiner weichen, träumerischen, in die Seele schauenden Augen. Seine Stimme war seine Dialektik. Gegen die innere Melodie, den tiefen Rhythmus seiner Worte konnte die prosaische, trockene, zerteilende Logik nicht aufkommen. Was er immer sagte, es war ein Hauch von Größe, metallene Kraft, innere Schönheit in seinen Worten. Es war eben etwas irrationelles, metalogisches in seinem Wesen, in seiner Art, die Welt zu erfassen, zu den Dingen zu kommen. Was er immer sprach, — und er redete schlicht, ohne Pathos, mit möglichst geringem Aufwand tönender Worte, mit der größten Einfachheit des geborenen Grandseigneurs — hatte eine mächtige, nachhallende Note, eine unentrinnbare Wirkung. Denn allen seinen Worten lag ein Thema zugrunde. Und dieses Thema war — Tat. Sein Leben war ein einziges Streben, sich sein eigenes Leitmotiv zum Bewußtsein zu bringen, das Bewußtgewordene harmonisch durchzuführen. ... Was ist ein großes Leben? Wir kennen das Wort: der Traum der Jugend, durchgeführt im Mannesalter. Wenn aber die Jugend keine Träume hatte? Wenn sich das Ziel des Lebens erst später, nach langem und vergeblichem Suchen einstellte, wie eine späte Liebe, wie eine letzte Sehnsucht? Lassalle hat sein Leben mit einer großartigen Geste begonnen. Er setzte mit dem Kampf gegen die Gesellschaft ein, kaum daß er an die Schwelle des Jünglingsalters getreten war. Und der Kampf wurde immer intensiver, zielsicherer, bis er ein Ringen um Macht wurde. Theodor Herzl hat als Skeptiker, Ironiker, Müder begonnen. War es nicht seltsam? Ein junger, mit allen Gaben ausgerüsteter Mann, ein erstklassiger Stilist, ein Selbstbewußter und Stolzer, trat er in die Literatur ein. Und er fand nichts im Leben, was ihn begeistern, hinreißen konnte. Zur abgeklärten Weisheit gelangt man erst durch den Hochofen der Leidensehaft, des mächtigen Lebensdranges, des Irrens und der ungestillten Sehnsucht. Jeder echte Künstler, jeder begnadete Schriftsteller hatte seine Jahre des heißen Glaubens. Herzl aber kam als ein Abgekühlter, als ob er nie jung gewesen wäre. Er kam als ein Resignierter, wie wenn er nie und nichts gewollt hätte. War es Pose, war Herzls Kunst une.cht? Diese Müdigkeit, woher kam sie? Wir haben gelernt, dies philosophische Über-den Dingen- Stehen der jungen Schriftsteller nicht allzu ernst zu nehmen. Wir wissen, daß dahinter oft nichts anderes als Affektation und Gewolltheit steckt. Aber beiHerzl versagte -die Methode. Man sah, dieser Mann kann nicht unecht sein, ist kein Poseur. Man sah es seinem Stil an, seinen Stoffen. Er plauderte nicht Philosophie, stilisierte nicht Ad hoc- Stimmun^en. Er könnte sonst nicht so einfach, nicht so durchgeistigt sein, nicht so liebenswürdig. Ein Schriftsteller, für den das Wort Selbstzweck, der Klang der Phrase die Achse aller Weltbetrachtung ist, liebt nichts außer dem eigenen, Worte projizierenden Ich. Es ist keine Wärme, kein Puls in diesen Worten. Bei Herzl aber empfand man das Kalorische seiner Sätze, das Pulsierende seines Rhythmus. Es war nicht Koketterie in seiner frühgewonnenen und scheinbar unbegründeten blasierten Müdigkeit und Entsagung. Es war nicht bloß eine schöne Geste. Man spürte wirkliche Sehnsucht, verhaltene, tiefe Wehmut hinter der fein polierten Oberfläche, man ahnte Tiefen und Abgründe hinter dem graziösen Wellenspiel seiner Worte. Wonach sehnte er sich? NachkunstwerklichemSchaffen, nach der intensivem Ichprojektion? Er wußte es selber lange nicht. Und er versuchte sich zu wiederholten Malen und suchte sich. Und er fand sich nicht, denn nicht die Kunst, nicht das Subjektive war sein Element. Er war der Mensch des Objektiven, des Sichausscheidens, des Aufgehens im Gegenständlichen. Er war ein Mann der Tat, und die Gebundenheit quälte ihn Die alten Volkslegenden haben uns den Mythos der gefesselten Kraft erhalten. Nicht nur der bereits zum Ausdruck gekommenen und wiedergehemmten, sondern der nur dumpf sich fühlenden, innerlich unfreien, noch nicht erlösten. Der Bann kann nur durch ein plötzliches Ereignis gebrochen werden, durch ein Wunder. Dieses Ereignis ist für Herzl Frankreich geworden. Ein Erlebnis, bei dem er den Weg zu sich gefunden hat. Wäre Herzl immer in Wien geblieben, in diesem xMilieu, wo er so fremd war, in dem er gar keine seelischen Wurzeln hatte, noch haben konnte, in dieser Stadt, wo auch die Träume auf Vergänglichkeiten gerichtet sind und auch die Sehnsucht eine verzuckerte ist, vielleicht wäre er nie aus seiner Gefesseltheit erlöst. Er wäre ein