Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE XaXE LT 451 Kein Denkmal aus Marmor noch aus Erz kann die Formen finden, welche die legendenbildende Phantasie schafft, wenigstens nicht in ihrer ruhigen Größe. Der Ostjude wird sich noch lange von den äußeren Zeichen, mit denen der Westeuropäer das Gedächtnis an Herzl festhalten möchte, unbefriedigt abwenden. Kr braucht diese nicht. Trügt er doch eine gauzo Herzl-Legende im Herzen . . . Und wunderbar. Gerade im westlichen Europa, wo man so viel von einer jüdischen Mission spricht, glaubt man so wenig an eine Sendung.' Für den Westeuropäer gehört Herzl mit dein von ihm geschaffenen Zionismus in eine soziologische Kategorie. Nicht mehr. Für den Ostjuden ist er aber weit mehr; eine Sendung zugleich, wenigstens eine Verheißung. * * % Das, was dem Westjuden abgeht, hat der Ostjude in Fülle; den Resonanzboden einer jüdischen Massenseele. Gerade die Ober- und Untertöne, welche die sonore Physiognomie einer jeden Mnsse so geschmeidig machen, fehlen dem westeuropäischen Judentum. In Westeuropa haben wir jüdische Individuen. Sie schmelzen aber selten zu einer kollektiven Ganzheit zusammen. Der Ostjude mag dem Zionismus huldigen oder nicht, innner lebt in ihm die Vorstellung von einer historisch hervorragenden Herzigestalt, die den Wagemut besaß, das nationale Bewußtsein des zerstreuten Judentums zu erwecken. Herzl hat unbewußt, bloß durch seine sich nie mehr wiederholende Persönlichkeit, die ji'r discho Volksseele rhythmisiert. Wir kennen in der Geschichte des Judentums nur wenige Bewegungen, die der Judenseele ein Attraktionszentrilm gaben. Der all weltliche Zionismus ist die letzte derartige Bewegung, und er ist undenkbar ohne die Herzische S cl ii cksal sgest al t . Herzls urplötzliches Kommen, sein erschütterndes, ebenso plötzliches Gehen; sein jäher Bruch mit seiner normal europäischassimilatorischen Vergangenheit; seine elementare Gewalt über jüdische Menschenseelen jedweden Standes und Alters; sein intuitives Streben nach Palästina, das auf dem Uganda-Kongreß sich in den Worten: uiym HStCM D^ttf."V ~n3&'N-üN«> kundgab; seine felsenfeste Sicherheit in der Verfolgung des einmal gesteckten Zieles; sein Vermächtnis in bezug auf seinen Sohn und sein mystischer Wille vor dem Tode, — seine Gebeine einmal nach Palästina überführen zu lassen, — zeugt nicht dieses alles von einer großen Schicksalsgestalt? Weder das Ostnoch das Westjudentutn kann sich den ganzen Herzl als Sproß seines eigenen Daseins zuschreiben. Als vollkommener Europäer ist er ebenso weit von seinen Brüdern im Osten wie als rein jüdisch-mystische Gestalt mit Messinsahnintgen von seinen modernen, überaus nüchternen Brüdern des Westens entfernt. Jedoch eine Seele wie die seine wird sich immer dort wohl fühlen, wo das Alltägliche sich unter dem Einflüsse einer jüdischen Massenpsyche abspielt. Und noch bevor Herzls irdische Reste nach Erez-Israel überführt werden, hat er schon seinen ewigen Ruhmesplatz in den großen rätselhaften Herzen der jüdischen Masse gefunden. Kellereien in Rischon 1c Zion Totalansicht GALILÄA Von Franz Oppenheimer, Berlin. In den Hügeln von Galiläa wächst ein neues Geschlecht, — vielleicht der Keim eines neuen Volkes: starke, mutige Männer. Städter sind es gewesen, Handwerker, Gymnasiasten, Studenten, Lehrer, nervöse, trippelnde, bleiche Kreaturen. Aber sie fanden den Weg zurück zur Mutter Erde, die den Wandelnden immer neue Kraft gibt, — und nun schauen sie aus ruhigen, kühnen Augen, und ihr Schritt ist lang und schnellkräftig wie des Panthers Schritt. Ich habe sie an der Arbeit gesehen, mit unermüdlichen Armen schwangen sie die schwere Pflanzerhacke; ich sah sie hinter Pflug und Sämaschine im Sonnenbrande; von ihren braunen Stirnen troff der Schweiß. Ich sah die Wächter auf ungesattelten Rossen durch die Nacht jagen, die Büchse im Arm, den Patronengurt um die Hüften; ich sah sie, wie sie die Hengste in den Tiberiassee ritten, nackt, in kraftvoller Schönheit, der schlanke Körper wie aus Bronze gegossen, die Sehnen wie aus Stahl geschmiedet, und mein Herz schlug höher. Wenn wenige Jahre harter Bauernschaft hinreichen, um den Sklavenstempe! zweitausendjähriger Schmach^ und Knechtschaft auszulöschen, - was kann aus dieser Rasse werden!? Wie wird erst das Geschlecht dreinschauen, das jetzt in diesen Dörfern aufblüht. Ich habe sie gesehen, Jiese Kinder der Kolonien, die Kinder der Sonne und der Freiheit: blitzende Augen in rosigen Gesichtern, schlanke, stolzgetragene Körper auf zierlichen, nackten Füßen, die hurtig zu springen verstehen, junge Stämme, die kerzenschlank aufschießen, weil sie im Heimatboden wurzeln, weil sie als Herrengeschlecht über den eigenen Boden schreiten. Sie lernen das Ducken und Kuschen nicht, die jungen Grenzer, aber zu reiten lernen sie fast eher als zu gehen und die Flinte ist ihnen jungvertraut. Büblein sah ich jauchzend durch die Gassen galoppieren, die sich nur mit den nackten runden Beinchen am Halse des Pferdes hielten, — und schon gibt es einige Wildfänge, die selbst den stolzen Beduinen der Wüste als ihresgleichen gelten, solche Reiter und Schützen sind sie! Was tut es, wenn einmal, einer aus diesem Geschlecht der arabischen Blutrache als Opfer fällt? Das ist Grenzerleben! Die andern werden nur um so wehrhafter. Und was braucht die Rasse mehr als Wahrhaftigkeit? In jedem Hause, das ich betrat, hängt Theodor Herzls Bild. Er ist der ungekrönte König dieses werdenden Jungvolkes, dem er den Willen zum Werden gab, für das er starb, und dem er doch weiterlebt: als Erzieher zum Volkstum und Vorbild einer starken und schönen Persönlichkeit. Viele bunte, duftende Blumen wachsen auf Galiläas grünen Hügeln, die schönsten auf dem Grabe des Unvergessenen, Unverlorenen.