Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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unter die Persönlichkeit geschieht von selbst, instinktiv. Das ist der fast mystische Zauber, der von der Persönlichkeit ausstrahlt. * * * Habe ich hier einen abstrakten Begriff analysiert oder stand mir ein lebendiges Bild vor der Seele? Gewiß, ich sah vor mir die bezauberndste und prachtvollste Persönlichkeit, die mir je entgegengekommen ist. Ich sah vor mir — Theodor Herzl! Ich bin sicherlich in meinem Leben bedeutenden Menschen begegnet, die auf jedem der Einzelgebiete, auf denen sichThecdor Herzl betätigt hatte, Großartigeres zu leisten vermochten. Aber einer Persönlichkeit von Herzls wunderbarer Ausgeglichenheit, von seinem prachtvollen Ebenmaß, von seiner lückenlosen Ganzheit, von seiner bezaubernden Vornehmheit, von seinem aufrechten Stolz, von seiner suggestiven Willenskraft, — nein, einer solchen Persönlichkeit bin ich in meinem Leben nicht begegnet. Herzl war gewiß ein Dichter von glänzender Begabung, ein Stilist von entzückender Geschliffenheit, ein Beobachter von tiefblickender Schärfe, ein Philosoph von seltener Klarheit, — aber die Summe aller dieser Begabungen ergibt noch keinen Herzl. Er war unendlich mehr als die Summe seiner Begabungen, unendlich mehr als die Summe seiner Objektivationen, er war eben eine Persönlichkeit. Ich habe große Schriftsteller und Künstler kennen gelernt, deren Größe — entgegen allen physikalischen Gesetzen — in geradem Verhältnis wuchs zu ihrer Entfernung, die also umso größer schienen, als sie ferner waren. Kamen sie aber in unmittelbare Nähe, so verschwanden sie hinler ilirem Werke, hinter ihrer Leistung. Herzl aber war größer als sein Werk, größer als seine Leistung, und er wuchs und wuchs, je näher er kam. Das ist das dynamische Gesetz der „Persönlichkeit". Und ist nicht ein großer Teil der fabelhaften Erfolge und Triumphe der letzten acht Lebensjahre Herzls auf Rechnung der „Persönlichkeit" zu setzen? Wir Zionisten würden uns gewiß schwer versündigen gegen den eigenen Glauben an unser Ideal, wenn wir die ganze Werbekraft des Zionismus bloß auf die Persönlichkeit Herzls zurückführen möchten. Aber das Tempo seiner Welteroberung, sozusagen den Elan seines Erfolges, verdankt der Zionismus zweifellos der Persönlichkeit Herzls. Es war der Schwung seiner Seele, den er in die Bewegung hineinbrachte, es war seine persönliche Größe, die er der zionistischen Organisation einhauchte. Er kam aus der Fremde und wurde unser Führer, — durch welche Kraft? Bloß durch die Macht seiner Persönlichkeit. Man unterordnete sich seiner Führung — instinktiv. Und Herzl zwang uns seinen starken W7illen auf. Seinen Willen, der weit entfernt war von Starrsinn und platter Herrschsucht. Im Gegenteil, sein Wille blieb stets weit geöffnet, um in sich Anregungen und Anstöße aufzunehmen. Er kam zu uns als Territorialist und ist bei uns und durch uns ein Zionist geworden. Er kam zu uns als ein europäischer politischer Freiland-Gründer und ist bei uns und durch uns ein treuer und voller Nationaljude geworden. Er ist auch sonst bei uns gewaltig gewachsen in den acht Jahren seines zionistischen Daseins, auch als Dichter, auch als Denker, sogar als Stilist. Eines aber blieb von allem Anfang an bis zu Ende sein ureigenstes Gut, sein ureigenster machtvoller Zauber über Groß und Klein, Hoch und Niedrig, Arm und Reich, Einzelne und Mengen, seine ureigenste, königliche Herrscherkraft über eine Welt von Menschen, — seine Persönlichkeit. Gedenkblatt zu Herzls 50. Geburtstag Von Dr. J. Eliaschoff, Kowno Bald sind sechs Jahre verflossen, seit Herzls seelenvoller Blick zum Abschied auf uns ruliti*. Die irdische Hülle zerfiel. Ks blieb uns ein astraler Rest, der vielleicht noch mehr als der irdische im Gedächtnis des jüdischen Volkes zerfloß und sich allmählich zu einem idealen Wecen harmonisierte. Und da. (bis jüdische Volk sich in ein Ost- und Westjudentum teilt, so sind wir im Besitz zweier idealer Herzlgestalten: einer monumentalen und einer legendären. Der Westjude, der auf dem Boden der europäischen Kultur steht, hat aufgehört ein Legenclenschaffender zu sein. Die größte Entfaltung aller rein humanistischen Fähigkeiten und ihr harmonischer Zusammenklang ist das zu Erstrebende eines jeden guten Europäers geworden. Er will den Übermenschen, monumentale Dimensionen, eine ideale Steigerung der Art. . . Anders ist es beim Ostjuden. . . . Zuerst bei den Gebildeten. Bei den modernen, mystisch veranlagten Russen wiid immer der prinzipielle Gegensatz zwischen Slawentum und Europäertum scharf ho-vorgehoben. Beiden Kulturkreisen ist ein inbrünstiges Gottsucher gemeinsam. Der eine sehnt sich nach dem menselige wordenen Gott (Nietzsche, Übermenschen tum); der andere nach dem gottgewordenen Menschen (Tolstoi, Dostojewski, geläutertes Christentum). Und da der gebildete Ostjude im Banne der slawischen Seele steht, so wäre es nicht verfehlt, zu behaupten, daß er auch seine hervorragenden Persönlichkeiten mit anderm Auge als sein Bruder, der Westjude, mißt. Nicht die hervorragende Herzens- und Geistesbegabung, sondern das M e s s i ani sch e im Menschen, die S e n d u ng, wirken auf ihn. Herzl als herrliche Mannesgestalt, als vollkommene Verkörperung eines guten Europäers mit einem warmpochenden Herzen für seine Stammesgenossen ist bloß der äußere Ausdruck einer rätselhaften göttlichen Erscheinung. Und das Außere der Erscheinung tritt zurück, sobald es messianische Ahnungen mit einem mystischen Nebel umhüllen. * # * Viel tiefer ist die Kluft, wenn man den Volkstypus des Ostjuden betrachtet. Er braucht schon nicht im Banne der slawischen Seele zu sein, um Herzl ganz anders zu empfinden als der Westjude. Schon das Fremdartige und doch rührend Verwandte in Herzls Wesen wühlt das Innerste seiner Seele auf. Gerade das, worüber der Westjude mit Achselzucken hinweggeht, regt seine legendenbildnerische Phantasie an. Herzl betend am Grabe seines Vaters vor der Ugandaentscheidung; Herzl als zärtlicher Sohn mit seinem Mütterchen in den Baseler Straßen; Herzt Aug' in Aug* mit dem langröckigen polnisch-jüdischen Rabbiner; Herzl gramgefurcht, fast gebeugt, unter der unsichtbaren tausendjährigen Last eines Volksschmerzes; dem Könige und Fürsten ihr Ohr neigen, dessen Anblick einen mächtigen Herrscher sein trabend Pferd anzuhalten zwingt; Herzl, der wie ein glänzender gottgesandter Meteor plötzlich den jüdischen Himmel eine Zeitlang beleuchtet und wie mit einem Zauberschlag ein so mächtiges Hoffen in den bis dahin resignierten jüdischen Herzen entflammte, — alles dies wirkte auf den Ostjuden mit elementarer Gewalt und half ihm am Webstuhl des Volksmythus eine neue legendäre Gestalt bilden.