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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 20 DIE^ELT 449 VON DER „PERSÖNLICHKEIT Von Dr. O. Thon, Krakau „...das höchste Glück der Erdenkinder bleibt doch die Persönlichkeit." Nämlich nicht nur für den Menschen, der das Qlück hat, eine Persönlichkeit zu sein, sondern auch für all diejenigen, die das Qlück haben, in die Nähe einer Persönlichkeit zu kommen, von ihr angeregt und beeinflußt, gehoben und geführt zu werden. Aber was ist das eine Persönlichkeit? . Sicherlich wird jeder auch nur halbwegs intelligente Mensch mit einem einigermaßen geschärften Blick sofort von einer Persönlichkeit den ihr adäquaten Eindruck empfangen. Ohne jede Reflexion und Analyse wird die erste Begegnung mit einer Persönlichkeit in ihm die sichere Empfindung auslösen: hier steht vor mir ein Men?ch, der anders ist, als die Vielen, die man überall haufenweise trifft, in der Bierstube und am Markt, im Theater und im Konzert, in den Lehrsälen und in den Redaktionsstuben, in Vereinen und Parlamenten. Die Empfindung des Andersseins ist durchaus bestimmt, der Eindruck der Eigenartigkeit ist durchaus untrüglich. Und doch: Was ist das eine Persönlichkeit? Konstruktiv ist es ungeheuer schwer, diesem Begriffe beizukommen. Zunächst darum, weil sich in die Konstruktion unwillkürlich Inhaltselemente einfügen, während der Begriff nur formal zu fassen ist. Nämlich nicht, was einer tut und ist, bestimmt die Persönlichkeit, sondern wie er es tut und ist. Das „Was" kommt aus dem Milieu, der Klasse, der Gruppe, dem Berufe; das „Wie" aber ist das Eigene. Das „Was" ist das Erworbene, das „Wie" ist das Angeborene. Ohne den Begriff der Persönlichkeit vollständig zu konstruieren, will ich versuchen, einige seiner essentiellsten Merkmale festzustellen. Um mit dem Allgerneinsten anzufangen: Zur Charakteristik der Persönlichkeit ist zunächst nötig — die vollständige innere Geschlossenheit. Die Persönlichkeit macht nämlich den Eindruck eines organischen Systems von Eigenschaften, die fest ineinander gefügt sind. Gewiß kann man dieses System sozusagen zerlegen, aber bei aller Zerlegbarkeit bleibt es doch immer ein Ganzes. Selbst bei sehr prominenten .Menschen, die aber eben nicht das besondere Gepräge der Persönlichkeit haben, findet man dieses feste Gefüge von Eigenschaften nicht. Hypertrophieen auf der einen Seite und Atrophieen auf einer andern, hat man vor sich am häufigsten Eckigkeiten und Unebenheiten, Widersprüche und Unausgeglichenheiten. Das mögen wohl ganz und sogar sehr bedeutende Menschen sein, Persönlichkeiten mit dem Zauber, den eben nur Persönlichkeiten haben, sind sie nicht. Es verhält sich damit ungefähr so wie mit der menschlichen Schönheit. Den unmittelbaren Eindruck der menschlichen Schönheit empfangen wir nur von einem edlen Ebenmaß. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß man z. B. ein Paar wunderbare Augen in einem ganz und gar unschönen Gesicht leuchten sieht, wie man sie bei tausend vollendeten Schönheiten nicht findet. Nun, dann sind es eben ein Paar schöne Augen, aber keine Schönheit. Diese entsteht erst aus einem geschlossenen System von schönen Einzelzügen, von üenen jeder einzelne nicht notwendig das Ausgezeichnetste in seiner Art sein muß. Die Einzelbegabungen und auch die ethischen Eigenschaften, die eine Persönlichkeit zusammensetzen, müssen freilich jede für sich von Bedeutung sein, aber sie müssen durchaus nicht das Ausgezeichnetste in ihrer Art darstellen. Ihr heller Zusammenklang macht das Wesen der Persönlichkeit aus. Die Eigenart der Kombination ist es, die unmittelbar den Eindruck auslöst: hier steht eine besondere Menschenexistenz, die man nicht mit einer Nummer versehen kann. Hier ist eine Persönlichkeit und nicht eine statistische Zahl..... Fassen wir den Begriff der Persönlichkeit von seiner intellektuellen Seite, so führt uns die nächste Analyse schon auf das Merkmal des Schöpfen sehen. Das Eigenartige hat es eben ganz obenauf in seinem Begriffe, daß es aus den Schienen fallen muß. Die Schienen sind ja nur für das Normaispurige gemacht. Was eigene Maße hat, das muß auch eigene Bahnen haben, und die muß man sich eben allein und selbst ebnen, denn den Allerweltsingenieuren fehlen die Maßstäbe für Einzelne, für Einzige. . Ich glaube, Georg Brandes erzählt einmal von einem dänischen Dichter, der, in einer großen Redaktion beschäftigt, dem Chefredakteur einen Aufsatz abliefert und von diesem zurechtgewiesen wird mit den Worten: „So schreibt man nicht!" Darauf antwortet der junge Mann in aller Ruhe: „Ich schreibe nicht, wie man schreibt, ich schreibe wie ich schreibe!" Ja,, das ist die Sprache der Persönlichkeit. Sie muß so sprechen, denn sie kann sich nicht dort bewegen, wo sich „man" bewegt, es ist ihr zu eng im Bereiche des „man". Auf welchem Gebiete immer die Persönlichkeit wirkt, sie schafft immer neue Werte, öffnet neue Möglichkeiten und gründet neue Methoden, sie ist schöpferisch. In diesem Sinne fällt der Begriff der Persönlichkeit zusammen mit dem des „Genie". In der Sphäre des Charakters wird von der Persönlichkeit zunächst auszusagen sein, daß sie starken Willen hat. Wenn man sagt: starke Persönlichkeit, so ist das ein Pleonasmus. Die Stärke, natürlich als Willensqualität gemeint, liegt im Begriffe. Eine willensschwache Persönlichkeit ist ein Widerspruch in sich selbst, wie „kaltes Feuer". Die Eigenart muß sich durchsetzen, und dazu schafft sie sich das starke Organ, den Willen. Der Wille muß aber streng unterschieden werden vom Starrsinn. Dieser ist etwas Negatives, jener aber ist eine positive Potenz. Der Starrsinn ist bloß Unzugängiichkeit, Unbeweglichkeit und ist ein Merkmal enger Naturen. Der Wille aber ist wohl vorwiegend ausstrahlend, aber er ist auch aufnahmsfähig und lenkbar. Persönlichkeiten sind darum wohl willensstark, aber nicht starrsinnig. Ein weiteres essentielles Merkmal der Persönlichkeit ist ihr Stolz. Der Stolz ist das Bewußtsein vom eigenen Werte, ich möchte sagen: die Freude an der eignen Schönheit. Wenn man sagt: „eine stolze Persönlichkeit", oder „eine vornehme Persönlichkeit", so ist das ein Pleonasmus. Was nicht stolz und was nicht vornehm ist, das ist keine Persönlichkeit. Kommt nun eine Persönlichkeit mit der großen Menge in Berührung, — dann beugt sich die Menge vor ihr. Der Instinkt sagt ihr: Sieh, der da ist anders als wir, höher, mehr. Und die Unterordnung der Menge

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