Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE^ELT 447 Richard Huldfchiner; fln Sudat Rull den Hnker froh gelichtet! Vor dir öffnet [ich die Bahn. Deinen Blick gradaus gerichtet? Deine Hoffnung fliegt voran. Uaufend 3ahre find pergangen, Caufend 3ahre grimmer Ilof, Hlter Sehnfucht wehes.Bangen Scheucht der Freiheit Morgenrot. Wenn je deines Herzens freudiges Schlagen Die Heimat dir kündete: jetjt mufj es tagen, 3et}t löft fich der bangenden Seele Rot. Wieder wie in alten Cagen Siehft du ferner Berge Blau; Brudergrüfce raufchend breiten Zedern fich, es dampft die flu; Uber Felfengräbern fchweben Hdler, fruchtbar ift der Hag, Deines Ölbaums, deiner Reben Fülle Ichwillt dem jungen Cag. Und neigft du das Ohr: uerklungene üieder, Die faft du oergeffen, froh klingen fie wieder. Die Heimat erkennet, wer lauSchen mag. Götter gaben dir zu leiden Stärke und zu hoffen Kraft Rimrn die Harfen von den Weiden Babels! Froh dich aufgerafft! Ob auch unter fremde Sterne Dein Geschick dich hat geftellt, Hudi die nacht der fernften Feme Hat dein Hoffen dir erhellt. Und jagte der Feinde erbitterte meute Von Ort dich zu Ort: vergelten iffs heute, Der Fludi ift verweht, es erftand uns der Held. DER DICHTER HERZL Von Raoul Auernheimer, Wien Als Herzl vor sechs Jahren, jung und unverbraucht noch, starb, da starben zugleich mehrere bedeutende Menschen, die in seiner komplexen Persönlichkeit vereint waren, und jeder von ihnen war der tiefsten Trauer würdig: Der Staatsmann sowohl, der Erwecker des verlorengegangenen jüdischen Volksbewußtseins, als der Denker; der Führer und wieder Charmeur; der Versammlungsredner, der elegante Stilist; der Prophet, der Feuilletonist und nicht zuletzt: der Dichter. Denn abgesehen von allen andern starb damals auch ein Dichter, und nur von ihm will ich heute reden. Nicht als ob ich die Bedeutung der andern Herzl irgendwie in Zweifel ziehen oder herabsetzen möchte: aber dieser war mir von allen der liebste und stand mir am nächsten. Auch scheint mir, daß gerade der Dichter Herzl bei seinem Hinscheiden von der großen Masse des deutschen Volkes lange nicht nach Gebühr betrauert wurde, und daß er heute schon — sechs Jahre nach seinem Tode! — vergessener ist, als es einem feinen Dichter zukommt. Ich glaube: Hier ist ein Unrecht gut zu machen. Denn er war ein Dichter, Theodor Herzl, ein richtiger Poet, obgleich er regelmäßig in die Zeitung schrieb und ihr in der Uniform eines Journalisten diente. Ein Journalist kann alles sein, unter anderem auch ein Dichter; und ebenso kann ein Dichter alles sein, unter anderem auch ein Journalist. „Alle Welt ist heutzutage Journalist, wie alle Welt Soldat ist", sagt Pailleron in einem vergessenen Lustspiele. Der Satz wird von Jahr zu Jahr wahrer; und im selben Maße wird es falscher, einen Unterschied, oder richtiger Gegensatz zwischen Dichtern und Journalisten, Bücher- und Zeitungsschreibern, schlechthin Schaffenden und „bloß" Reproduzierenden zu konstruieren, — einen Unterschied, der in vielen Fällen gar nicht vorhanden ist oder, wo er vorhanden, das Wesen der Sache unberührt läßt. Nichts erscheint mir anstößiger, als wenn ich Herzl einen „Plauderer" oder „Causeur" nennen höre. Das ist eine Abonnentenlegende. In Wahrheit war Herzl kein Plauderer oder Causeur, denn er war ein Denker und ein Dichter. Sein Gespräch rührte immer an die höchsten und die tiefsten Dinge, hielt sich nie im Mittelmäßigen auf, hatte immer einen philosophischen Zug. Sein Wort war schwer von Weisheit. Und er setzte nie eines leichtsinnig hin; schrieb nie einen leeren Satz; schwatzte nie, wie dies die Plauderer tun. Dennoch nennt man ihn so. Freilich geschieht es meistens von Leuten, die bei dem Handel nur gewannen können. Denn wenn Herzl ein Plauderer wäre, dann wäre er ihresgleichen. Es ist also begreiflich, daß sie ihn hartnäckig so bezeichnen. Mir fällt da immer ein, was Arthur Schopenhauer über den Neid sagt: Eines der beliebtesten Manöver des Neids ist die scheinbar freiwillige Verleihung eines niedrigeren Chargengrades dort, wo ein höherer gebührt. Herzl war kein Plauderer; wenngleich er sehr fesselnd zu sprechen und schöne Gedanken mit einer seltenen Anmut zu verbinden wußte. Diese auch bei hervorragenden Schriftstellern ziemlich seltene Gabe besitzt unter anderen auch Anatole France. Nennt man ihn darum einen Plauderer? Allerdings ist France ein Franzose und kein „Feuilletonist". Auch so ein Wort, mit dem man sich bei Herzl um die