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Die Welt · 1910-05-20 · 20 (20.5.1910) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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446 DIE^ELT No. 20 sich in ihm dargestellt hat, ewig unzugänglich bleiben muß, weil sie naiv, primär, elementar ist: wie alle Größe das Werk eines Mangels, eines elementaren Mangels, den wir nicht besitzen, — wir Problematiker. Woher kommt uns denn die Erkenntnis, daß die wahre Judenfrage eine innere ist? Daher kommt sie uns, weil uns das-Judentum in uns als Problem gegeben ist; — weil uns unsere Innerlichkeit als Problem gegeben ist; — weil uns das Dasein als Problem gegeben ist. Das ist das große und tragische Judenerbe: die Problematik, die Golusform der inneren Entzweiung. Der inneren Entzweiung! Aus der Sehnsucht, sich von ihr zu erlösen, sind alle großen Einheitsgebilde des Judentums entstanden. Aber der Golusjude, zum Schaffen neuer Einheitsgebilde zu schwach, wurde an ihr zum Problematiker. Dem Elementaraktiven ist seine Innerlichkeit als eine Fülle von Impulsen gegeben, deren er nur inne wird, um sie auszuwirken. Dem Elementaraktiven ist das Dasein als eine Fülle von Wirklichkeit gegeben, die ihn umbildet, die aber ungeduldig darauf wartet, von ihm umgebildet zu werden. Dem Problematiker ist seine Innerlichkeit als eine Fülle von Fragen gegeben, die von ihm eine Antwort heischen, und nur im Absoluten, nie im Persönlichen eine endgültige Antwort erlangen können. Dem Problematiker ist das Dasein als eine Fülle von Widersprüchen gegeben, die von ihm gelöst werden wollen, und nur im Metaphysischen, nie im Empirischen eine endgültige Lösung zulassen. Des Elementaraktiven Trieb zu handeln ist so stark, daß es ihn hindert, in reiner Kraft zu erkennen. Des Problematikers Trieb zu erkennen ist so stark, daß es ihn hindert, in reiner Kraft zu handeln. Der Elementaraktive wird sich seines Judentums bewußt: da erwacht in ihm der Wille, den Juden zu helfen, denen er sich nun zugehörig fühlt, sie dahin zu bringen, wo ihnen Freiheit und Sicherheit zuteil werden kann. Nun tut er, was ihm sein Wille eingibt. Etwas anderes als das sieht er nicht. Der Problematiker wird sich seines Judentums bewußt: da umfängt ihn der ungeheure Widerspruch, das ungeheure Paradox dieser Existenz »Jude«. Er sieht alles, alle Entartung, alle Schuld, alle innere Hemmung. Ehe er handeln kann, muß er erst tausend Verzweiflungen niederringen. Der Elementaraktive wandelt im Lichte, auch wenn er irrt. Der Problematiker leidet im Dunkel, auch wenn er erkennt. Der Irrtum des einen ist zuweilen fruchtbarer als die Erkenntnis des andern. in Dies ist die vorbildliche Größe Theodor Herzls, daß er ein reiner und starker Elementaraktiver war. Vorbildlich nenne ich sie, weil sie eine Aufgabe stellt, eine der größten Aufgaben, die die Menschenseele kennt: in sich zur Einheit zu gelangen. Denn es gibt für den Problematiker einen Weg zur Überwindung seiner Problematik. Freilich, zum Naiven, Primären, ElementarenJiat er keinen Zugang. Dieses wird nur besessen, nicht erworben. Er kann seine innere Entzweiung nicht aufheben. Aber er kann sich über sie hinaus schwingen, in jene Geeintheit der Seelenkräfte, die fähig wird, Erleuchtung zu empfangen; Erleuchtung, die Werk und Tat lehrt. Keines Problems Dunkel ist so tief, daß die Erleuchtung es nicht durchstrahlen könnte. Aber um sie zu empfangen, muß der Problematiker so einheitlich werden, wie der Elementaraktive von vornherein i st. So ist der Elementaraktive sein Vorbild. Dies ist die höchste Form der Erziehung: einheitliches Dasein. Wir werden von einem großen Toten erzogen. Durch sein einheitliches Dasein, das uns jetzt lebendiger als je ist. Es g»bt aber keine Befreiung des Judentums, keinen Weg zu einem neuen Judenvolke ohne Überwindung der Problematik. So allein können die schöpferischen Instinkte losgemacht werden. Denn die Problematik ist die Hemmung des Schöpferischen. Spinoza ist das große Beispiel, wie sich der Jude seiner Problematik entwinden muß, um zur echten Erkenntnis, das ist zur Einheit und zur Erleuchtung zu kommen. Die Erde Palästinas wird uns nicht umwandeln, wenn wir uns nicht selbst umwandeln. Sie wird nur festigen, sichern, vollenden können. Es gibt aber eine Umwandlung durch den Willen. Das haben alle schöpferischen Juden gewußt. Spinoza ist das große Vorbild für das denkende Leben. Aber das, worauf es für uns heutige J uden, die wir in der Krisis, in der Entscheidung, im Übergangstehen, vor allem ankommt, ist nicht das denkende, sondern das handelnde Leben. Theodor Herzl ist ein Führer zum handelnden Leben. IV Während i ch di es niederschrei be, kommt es plötzl ich über mich: jetzt würde er fünfzig Jahre alt werden. Ich habe das früher nicht so verstanden, wie in diesem Augenblick, dieses Einfache und Grausame, vor dem das Herz stillstehen und der Mund verstummen muß. Und nun fühle ich es, wie ich es noch nie fühlte: daß wir verwaist sind. Und nun weiß ich, wie ich es noch nie wußte, was uns fehlt. Nicht dieses oder jenes Programm. Nicht diese oder jene Methode. Nicht diese oder jene Arbeit. Nur Größe! Theodor Herzls Fahrten nach dem Ziel mögen Irrfahrten gewesen sein. Aber wenn er von seinen Fahrten sprach, zitterte die Seele der Millionen vor Sehnsucht, vor Erwartung, vor Glück. Vor Glück über ihn! Vor Größe, vor Größe durch seine Größe zitterte die Seele, die stumme Seele der Millionen, wachte, stammelte, lebte. Aus solchem Leben allein kann das neue Volk geboren werden, das wir ersehnen. Reine Kraft! Einheit! Größe! Um dieses Eine laßt uns das Schicksal bitten! Martin Buber.

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