Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE^ELT 445 Ii Jcis Herz! uns, was er dem judischen Volke gewesen, das zu zeigen soll der Zweck dieser Gedenkschritt sein, ich wiH an dieser Steife nur die schönste der rein menschlichen hehren, die er uns gegeben, heroorheben: „Kein Hml ist beglückender als das eines Dieners am fcichf." Dauid Wolffsohn ER UND WIR 1 Als das Volkstum für uns, die wir heute dreißig und älter sind, noch das war, das wir uns erobert hatten und das wir zu verteidigen hatten gegen den Ansturm der »Tatsachen«, als es für uns noch Idee war und nicht der Weg, Parole und nicht das Leben, Programm und nicht das Werk: da sahen wir an den Menschen, die uns in der jüdischen Bewegung begegneten, nicht ihr Menschentum; wir sahen nur, ob sie unserer Idee, unserer Parole, unserem Programm konform waren oder nicht. Es war, als stünden wir ohne einen Augenblick der Rast und Besinnung, Tag für Tag, Jahr für Jahr, im Schlachtgetümmel, wo man von Menschen umringt ist und kein Menschengesicht sieht. Und es darf nicht vergessen werden, daß wir nach vielen Fronten kämpfen mußten. Das soll aber nicht beschönigen, daß wir Doktrinäre waren, lyrische Doktrinäre: wir fühlten die Größe und die Schönheit im Sturm der Historie, der uns umbrauste (oder zu umbrausen schien?), in der Woge der Tat, die uns trug (oder zu tragen schien?), in den Flammen des jüdischen Erlebnisses, das uns die Seele sprengte (dies Eine war gewiß kein Schein — erinnert euch, ihr, die ihr nun dreißig und älter seid, erinnert euch!) — aber wir fühlten sie nicht, wir fühlten sie nicht genug in den einzelnen Menschenbildern, die uns entgegentraten. Wir fühlten sie nicht genug, weil wir Doktrinäre waren, die vor allem nach dem Inhalt eines Menschengeistes fragten. Wie denkst du über das Wesen des Judentums? wie denkst du über die jüdische Kultur? wie denkst du über die Arbeit in Palästina? Das war das Richtmaß. Die entscheidenden Jahre des Erdenlebens sind seither vergangen, und wir sind anders geworden. Ganz langsam und unmerklich wuchs das Volkstum in unsere Menschlichkeit hinein, bis es mit ihr zu voller Einheit und Natur verschmolz. Da erkannten wir im Lichte der Unbedingtheit das Judentum, das i n uns lebt als die Wirklichkeit der Wirklichkeiten, das ewig ist wie die lebendige Seele und unantastbar wie sie. Da war es keine Idee mehr, sondern Richtung, Schwung, Sicherheit unseres Weges; keine Parole mehr, sondern Ton, Rhythmus, Melodie unseres Lebens; kein Programm mehr, sondern Trieb, Energie, Sinn unseres Werkes. Nun erst lernten wir in Wahrheit das Menschentum der Menschen sehen, die uns in der jüdischen Bewegung begegneten und — begegnet waren. Nun erst erkannten wir, daß das Entscheidende — das Entscheidende für die Menschheit, für das Judentum, für die jüdische Sache — nicht der Inhalt eines Menschengeistes, sondern seine Art ist. Gleichviel, ob unsere Anschauung vom Wesen des Judentums, von der jüdischen Kultur, von der Arbeit in Palästina dieselbe geblieben oder eine andere geworden ist: unser Richtmaß wurde hinfällig vor dem Menschentum, dessen wir inne wurden. Wie kläglich zerschellt die kleine Welle des Kampfes an den Felsentoren der Seele! Das reine Schauen kam über uns. Und nun erst durften wir uns in Wahrheit auf einen Menschen besinnen, der tot ist. 11 Theodor Herzl dachte über die jüdische Sache anders als wir, er sah sie anders. Nicht von den Einzelheiten, nicht von seiner Auffassung dessen, was zu tun und was zu lassen sei, nicht von seinen Zustimmungen und Ablehnungen soll hier gesprochen werden. Was das im Grunde war, worin er anders dachte, anders sah als wir, das habe ich damals, vor sechs Jahren, als ich mich vom Schlachtgetümmel, vom heroischen Leben an der Oberfläche noch nicht freigemacht hatte, als ich noch in der Gewalt der Doktrin, im Inhaltsurteil befangen war, so — und wie ich allerdings noch jetzt glaube, richtig — formuliert*: »Die Erkenntnis,daß die wahre Judenfrage eine innere und individuelle ist, nämlich die Stellungnahme jedes einzelnen Juden zu der ererbten Wesensbesonderheit, die er in sich vorfindet, zu seinem inneren Judentum, und daß dieses allein das Volk statuiert, war Herzl versagt. Deshalb ist er im Judenstaat4 und in allen seinen späteren Kundgebungen an dem Problem der jüdischen Eigenart und ihrer Produktivierung, das eines der merkwürdigsten Kulturprobleme ist, vorübergegangen.« Ich wiederhole es: richtig erscheint mir diese Formulierung auch heute noch. Aber jenseits ihrer, von ihr unberührt, erscheint mir das Wesentliche. Das Wesentliche nenne ich dies, daß in diesem Mangel eingeschlossen Theodor Herzls Größe ruhte, seine für uns — für uns als Juden — vorbildliche Größe. Und daß sie uns doch wieder, so wie sie *) In der Wochenschrift »Freistatt« vom 23. Juli 1904.