Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 19 DIE^ELT 429 Brief aus Jaffa Prüfung in der hebräischen Mittelschule „Tachkemoni* Ein jüdischer Dichter des Mittelalters sagte, Palästina sei das Herz der ganzen Erde. Inwiefern dieser Ausspruch im allgemeinen und noch heute seine Wahrheit behält, ist wohl sch wer zu sagen. Daß aber die gegenwärtig iii Palästina wohnenden Juden gewissermaßen ein Spiegelbild der auf der weiten Erdenrunde zerstreuten Judenheit darstellten, leuchtet jedem ein, der einige Zeit in Palästina gelebt hat und das Leben und Streben der hiesigen Juden näher zu beobachten Gelegenheit hatte. Sie spiegeln nicht bloß die Vielgestaltigkeit, des Cesamtjudentums in Sitten und Bräuchen, Sprachen und Trachten wieder, sondern veranschaulichen auch die Verschiedenheit clor WeltundLobensanschaiumgen, die innerhalb des Judentums der Diaspora herrschen. Der Soziologe oder Völkerpsychologe, der über das Gesamtjudentum und seine Vorstellungswelt genau informiert sein will, könnte nichts Besseres tun, als einen langem Aufenthalt in Palästina nehmen. Er würde zu seiner Freude in jedem zehnten, wenn nicht gar dritten Juden den Vertreter einer besondern Grivppe, Richtung, Partei, Weltanschauung finden. Was jedoch dem uninteressierten, objektiven Gelehrten vielleicht Freude bereitet, verursacht demjenigen, dem die Erhaltung des traditionellen Judentums Herzenssache ist, große Sorge; denn er fragt sich, was denn aus dem Wirrwarr der Ideen, aus dem Chaos der geistigen Bestrebungen werden soll. Werden wenigstens die zueinander gehörenden Teile sich finden und, eine große Einheit bildend, auch die widerstrebenden Elemente mit sich fortreißen, um dann zu einer geeinigten starken Kraft zu werden, oder werden sie in diesem trostlosen Zustande der Zerfahrenheit, Zerrissenheit und darum auch der Ohnmacht verharren? In dieser ernsten Sorge gewährt uns die Wahrnehmung eine gewisse Beruhigung, daß maßgebende Kreise des orthodoxen Judentums in Westeuropa die Situation begriffen haben, und ernstlich gewillt sind, der geistigen Not abzuhelfen. Namentlich das Frankfurter Komitee der hebräischen Mittelschule „Tachkemoni" in Jaffa, das seine Arbeit mit der Übernahme der Tachkemonischule begonnen hat, verdient für seine verständnisvolle, echtjüdische Kulturarbeit, die bereits bemerkenswerte Erfolge aufzuweisen hat, die rückhaltlose Anerkennung aller Freunde einer jüdischkulturellen Renaissance in Palästina. Es wird die Leser der „Welt;t sicherlich interessieren, über die erste erfolgreiche Prüfung, die jüngst in der erwähnten Anstalt vorgenommen wurde, einiges zu erfahren. Diese Prüfung fand in Gegenwart Sr. Ehrw. des Herrn Oberrabbiners Kuk statt. Ein eigentümliches Gefühl wurde bei uns durch dieselbe wachgerufen. Zum erstenmal sahen wir hier, daß Schüler, die ein Pensum von etwa 60 Blatt Talmud mit Tossaphoth während des letzten Schuljahrs durchgenommen haben und das Gelernte mit einer staunenswerten Geläufigkeit und Gründlichkeit beherrschen, auch in den weltlichen Disziplinen durchaus auf der Höhe stehen. Im Anschluß an die Prüfung fand eine kleine Schulfeier statt, bei der Herr Rabbiner Kuk eine Ansprache an die Lehrer und Schüler hielt. In derselben sprach er seine Freude über das rasche Emporstreben der Schule aus und schloß seine Rede mit dem Wunsche, daß die Saatkörner, die seinerzeit Rabbiner S. R. Hirsch s. A ausgestreut und die nun auch im hl. Lande aufzugehen beginnen, herrliche Früchte reifen mögen. Er gelobte, nach Kräften für das Ideal der Vereinigung von Thora und Derech Erez. 'ins er in der Tachkemonischule verkörpert sieht, mitzuarbeiten. Als zweiter Redner sprach Herr Direktor Schlesinger. In einer schwungvollen Rede in klassischem Hebräisch wies er auf die Aufgaben und die Bedeutung der Tachkemonischule für Jaffa »md ganz Palästina hin, und führte u. a. folgendes aus: Schon heilte stehe unsere Anstalt in derartigem Ansehen, daß sie in vielfacher Beziehung richtunggebend geworden' sei. Auf dieser Bahn v orwärtsschreitend, müsse die Anstalt ihr Ziel, eine mustergültige feiehnngsstütte für die Jugend des hl. Landes zu werden, ''•reichen. — Die bisherigen Leistungen der Tachkemonischule sind um so 'licrkennenswerter, als es der Anstalt eigentlich an einer festen materiellen Basis fehlt. Eine solche Basis zu schaffen, wäre die •■Jirenpflicht aller derjenigen Kreise, denen die national-religiöse Erziehung der jüdischen Jugend in Palästina am Herzen liegt. A r z i - J i s r? e 1 i. [^^NACHRICHTEN Ein Landeskomitee der hebräischen Organisation Das rührige Zentralkomitee der „Organisation für hebräische Sprache, und Kultur" (Bureau: Charlottenburg, Kantstraße 98, Hochp. rechts) hat ein besonderes Landeskomitee für Deutschland gebildet, an dessen Spitze Herr Professor Dr. Eugen Mittwoch (Berlin NW., Kirchstr. 23) steht. Die Aufgabe dieses Landeskomitees ist, für die Förderung und Verbreitung der hebräischen Sprache in Deutschland zu wirken, wobei die Herausgabe eines geeigneten hebräischen Lehrbuchs in deutscher Sprache, die Einrichtung von hebräischen Unterrichtskursen für Anfänger und Vorgeschrittene sowie die Bildung von Gruppen der genannten Organisation in Aussicht, zum Teil bereits in Angriff genommen sind. Pflege der jüdischen Kunst Vor einigen Wochen fand im Restaurant Gut inWien die konstituierende Versammlung des „Vereins zur Förderung jüdischer Kunst „Hasomir" statt. Zum Obmann wurde Herr Lubezky gewählt. Der Verein bezweckt zum Unterschied von einem Vorbild — dem Warschauer „Hasomir" — nicht bloß die Pflege jüdischer Musik, sondern in erster Linie die Förderung echtjüdischer Poesie und Bühnenkunst. Der Verein will es versuchen, das in Wien bestehende jüdische Theater auszuge.talten, materiell zu fördern und zu modernisieren. So wird z. B. am 12. d. M. zum erstenmal in Wien die „Newejle" (Kadaver) von Pere z Hirschbei n aufgeführt. Palästina-Handbuch Nachdem bereits wenige Wochen nach Erscheinen die größere Hälfte der Auflage des Palästina-Handbuchs abgesetzt wurde, möchten wir nochmals alle Interessenten auf das inhaltlich wie äußerlich sehr gediegene Werk aufmerksam machen. Zur Unterstützung des Vertriebes hat die Zionistische Vereinigung für Deutschland soeben einen neuen Prospekt herstellen lassen, der außer dem vollständigen Inhaltsverzeichnis auch zwei sehr instruktive Kartenskizzen (die jüdischen Kolonien Palästinas, sowie die Verkehrsverhältnisse von Palästina und Syrien) enthält. — Derselbe Prospekt weist auch auf das Palästina-Album hin, das neuerdings auch in Einzelserien und einzelnen Blättern abgegeben wird. Alles nähere besagt die sehr geschmackvoll ausgestattete Drucksache, die allen Interessenten von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Charlottenburg, Bleibtreustraße 49, gratis und franko zugesandt wird. Franz Oppenheimer in Rumänien Auf der Rückreise von Palästina weilte Herr Dr. Franz Oppenheimer einige Tage in Rumänien und hielt in Galatz, Focsani, Bukarest und Jassy Vorträge über die Siedlungsgenossenschaft in Palästina. Der Empfang, den Herr Dr. Oppenheinier in Rumänien fand, war ein überaus herzlicher, und seine Vorträge in den genannten vier Städten waren von einer nach tausenden zählenden begeisterten Zuhörerschaft besucht. In Bukarest hat sich ein Komitee mit Herrn J. B. Brociner an der Spitze gebildet, das sich die Aufgabe stellt, Gelder für den Genossenschaftsfonds zu sammeln. Es steht zu erwarten, daß die Sammlungen nach dem Vortrage Dr. Oppenheimers einen außerordentlich günstigen Erfolg aufzuweisen haben werden. Köllig Carol von Rumänien über die rumänische Judenfrage In einer Audienz, die Herr Sigmund Münz, Redakteur der „N. Fr. Presse", dieser Tage beim König von Rumänien hatte, kam die Rede auch auf die Lage der Juden in Rumänien. Der König hatle im Laufe des Gesprächs erwähnt, daß die Zahl der Analphabeten in Rumänien noch sehr groß sei. „Und die Judenhetzen, Majestät," sagte Herr Münz, „mögen in einigem Zusammenhang mit solchem Kulturmangel sein." Der König: „Die Judenfrage war eine der schwersten Sorgen meiner Regierungszeit und fährt fort, mir Sorge zu machen." „Von Eurer Majestät abgeklärtem Sinn darf man wohl gerechte Entscheidungen und eine gerechte Abschätzung im Sinne des gleichen Rechtes von Eurer Majestät Untertanen erwarten." Der König: „Die Judenfrage ist uns keine Frage der Religion, — es ist eine wirtschaftliche Frage. Der, Rumäne ist von Natur tolerant. Aber es ist die wirtschaftliche Überlegenheit der Juden, gegenüber welcher sich die nationale Strömung zur Wehr setzt, Es