Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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430 DIE^aKELT sind Agrarbanken errichtet worden. Sie können beitragen, das rumänische Element vor verderblicher Ausbeutung zu schützen." „Übrigens," fügte der König hinzu, „man kann Volksströmungen nie ungestraft negieren. Der wäre kein Staatsmann, der da meinte, er könnte über Volksströmungen ganz zur Tagesordnung übergehen. Strömungen und Leidenschaften müssen von dem wirklichen Staatsmann erkannt und, wenn nötig, eingedämmt werden. Aber wer ihrem Vorhandensein gegenüber die Augen schließt, statt ihre Ursachen zu ergründen und bessernd einzugreifen, der wäre kein Staatsmann." „Eure Majestät, die objektivere Erkenntnis der Monarchen, die auf „der Menschheit Höhen wandeln", mildert oft die Volksleidenschaften." Der König: „Und wie oft obliegt uns tatsächlich diese Aufgabe? Vor Jahren gab es eine Judenhetze in Jassy. Um den Sturm zu beschwichtigen, begab ich mich persönlich in die Synagoge. Man hatte mich davor gewarnt. Man hatte mir die schwersten Insulten in Aussicht gestellt. Als ich aber die Synagoge verließ, brachte man mir vielmehr Ovationen dar." Die Vorstellung, die König Carol von einem „wirklichen Staatsmann" und von den Aufgaben eines zivilisierten Monarchen in einem Lande barbarischer Analphabeten hat, ist jedenfalls recht bezeichnend. Jabez Wolfe Der berühmte jüdische Schwimmer Jabez Wolfe wird demnächst einen neuen Versuch machen, über den Kanal zu schwimmen, was seit dem Tode von Captain Webb so viele Male erfolglos versucht worden ist. Der Versuch soll gemacht werden, sobald das AVetter wärmer wird. Ein jüdisches Erholungsheim Das neue jüdische Erholungsheim wurde gestern in Walton-onthe-Naze eingeweiht. Diese neue Institution wurde von dem verstorbenen Millionär Sam Levis gegründet, der zu diesem Zwecke £ 100000 hinterlassen hatte. Die Errichtung des Gebäudes usw. belief sich auf etwa 18C00 Pfund Sterling, der Rest der Spende . wurde investiert und soll zur Erhaltung des schönen Heims am Meeresufer dienen. Alien Immigration Office Das Alien Immigration Office veröffentlichte soeben seinen Bericht für das erste Vierteljahr 1910. Von der Zahl von 88942 Emigranten; die in England landeten, ließen sich ungefähr 3000 liier nieder. Die Zahl der Zurückgewiesenen betrifft 279 gegen 160 im ersten Vierteljahr 1909. Die jüdischen Mittelschüler von Czernowitz und Ministerpräsident Luigi Luzatti. Anläßlich der Berufung Luigi« Luzatti. zum Ministerpräsidenten von Italien richteten die jüdischen Mittelschüler von Czernowitz' an denselben ein Schreiben, worin sie ihm ihre Sympathien darbrachten und auch ihre Freude darüber ausdrückten, daß er als Jude auf solch hohen Posten berufen wurde. Luzatti beantwortete dieses Schreiben mit einem Telegramm des Inhaltes: „Vifs remerciements de votre souvenir (wärmsten Dank für Ihre Aufmerksamkeit), Luzatti.4' Wieder ein jüdisches Mädchen im Kloster Vor einigen; Tagen verließ ein minderjähriges jüdisches Mädchen ihr Elternhaus in der Nähe von Hussakow und kehrte nicht mehr zurück. Nach langem Suchen und Recherchieren erfuhren die Eltern, daß das Kind sich im Kloster der Felizianerinnen befindet. Die Bitte der Eltern auf Zulassung zu ihrem Kinde und auf Erteilung einer Auskunft wurde seitens des Klosters schroff abgelehnt. Es bedurfte erst der Intervention der Krakauer Polizeidirektion und des Regierungskommissärs, um eine kurze Begegnung von Vater und Kind herbeizuführen. Advokat Dr. Landau in Krakau, der in dieser Beziehung viele Leistungen aufzuweisen hat, überreichte auch in diesem Falle ein Gesuch an das Vormundsehaftsgericht in Moseiska wegen zwangsweiser Zurückstellung des Kindes ins elterliche Haus. Eine neuerliche Ernennung Der in Lemberger Juristenkreisen als gediegener Kenner des österreichischen Zivilrechts bekannte Dr. Maurice Allerhand (Jude) wurde zum Privatdozenten für Zivilrecht an der Lemberger Universität ernannt. Bücherbesprechung No. 19 Baerew. Literarische Typen. Von Micha Josepn Berdyczewski: Große Bibliothek, Bd. 10. Verlag Tuschia, Warschau. Die in dieser Sammlung vereinigten, in verschiedenen Zeitschriften erschienenen acht literarischen Essais über Lilienblum, Frischmann, Brainin, Sokolow, Bernfeld, Klausner, Zeitlin und Bar- Towja bezeichnet der Verfasser als Teile eines Plans: alle Typen der neuhebräischen Literatur in ihren Licht- und Schattenseiten darzustellen. Berdyczewski begibt sich damit auf ein für ihn neues Gebiet, und seine ersten Leistungen dabei lassen uns der weitern Ausführung seiner Absicht mit größtem Interesse entgegensehen. Wir besitzen bis jetzt noch keine vollwertige, umfassende Darstellung der neuhebräischen Literatur, — und es scheint Berdyczewski vorbehalten zu sein, diese empfindliche Lücke auszufüllen. Er bedient sich dabei allerdings der Methode, an den Repräsentanten der Literatur das Wesen und die wirkenden Triebkräfte derselben zu charakterisieren. Das entspricht seiner besondern Veranlagung und Denkart. In der schaffenden Einzelpers.önlichkeit sieht Berdyczewski. die konzentrierten Grundelemente der Zeitrichtung. In seiner Literaturbetrachtung tritt deshalb das Individualwesen der Schaffenden in den Vordergrund der Darstellung. Wir erhalten dabei jedoch auch eine zentrale Beleuchtung der Gesamtintentionen der Generation, ihrer geistigen Kämpfe und Wandlungen. — Berdyczewski betritt das neue Gebiet nicht mit der zaghaften Unsicherheit des Ungewohnten. Mit wägender Objektivität und zugleich subjektivem Nachempfinden, mit außergewöhnlicher Schärfe der Beobachtung und fein ziselierter Charakterisierung entwirft er präzis und doch großzügig gezeichnete Literaturporträts. Das Wesentlich-Individuell-Eigenartige tritt scharf hervor, ohne dem Gesamtbildnis den Stempel der Kleinmalerei aufzudrücken. Die Einzelpointierungen sind zu einem harmonischen Gemälde verschmolzen. Berdyczewski zeigt sich in diesen Skizzierungen als ein virtuoser Formkünstler in einem Maße, wie er es in seinen kleinern Novellen und Skizzen aus dem Leben der Ghettokinder nicht erreicht hat. Bisher galt der „hebräische Nietzsche" vornehmlich als ein grundstürzender Dichterphilosoph, dessen tiefeindringende, der allgemeinen Auffassung diametral entgegengesetzte Geschichtskritik des historischen Judentums ohne Beispiel dasteht. Von nun ab werden wir in ihm auch einen wegweisenden Charakterisierungskünstler zu erblicken haben, der dazu berufen scheint, der hebräischen Literaturkritik eine neue Richtung vorzuzeichnen. Israel in Italien. Eindrücke und Erlebnisse. Zwölf Skizzen von Israel Cohen. Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Noemi Baneth. Berlin 1909. Verlag von Louis Lamm. Es sind kleine, liebe Bilder, die, wie ich glaube, in einer tiefen seelischen Bewegung hingeschrieben sind. Das so seltsame und wenig gekannte Leben des nach Italien versprengten jüdischen Volksstammes, das Einleben der ostjüdischen Flüchtlinge in die ihnen völlig neue südliche Umgebung, die ihre Wesensrichtung so vollständig verkehrt, die anschaulichen Zeichnungen von Venedig, Livorno, Rom, Turin, das alles zieht wie eine auf den gleichen melancholischen Ton gestimmte Folge von Bildern vorbei: Pogrome werfen ihre blutigen Schatten auf das sonnige Land. Seltsame elegische Aspekten öffnen sich, bald von der Sonne Italiens hell bestrahlt, bald im düstern Schatten der Pogrome Rußlands und Rumäniens, bald im G-rün der Totenhaine oder dem Schmutz verfallener Häuser, die von gestorbener jüdischer Geschichte reden und von der Gleichgültigkeit und Bakschischsehnsucht der Lebenden. Es ist ein Buch, das den Leser ähnliche rasch und impulsiv gezeichnete Skizzen aus andern Ländern mit jüdischer Vergangenheit wünschen läßt. J. E. Poritzky: Das Herz der Nacht. (Georg Müller, München). Poritzky, der mir von früher als Verfasser der Erzählung „Keinen Kadosch wird man sagen" bekannt war, veröffentlicht nun ein Buch zur Kultur der Seele. Es besteht aus einer Reihe von Essays über Fragen, die jeden angehen. Hier rührt Poritzky an die tiefsten Geheimnisse des Lebens und des Todes, da behandelt er vertraute Dinge und ästhetische .Bedürfnisse des Alltags. Man liest die auf wissenschaftlicher Basis aufgebauten geistvollen Abhandlungen wie sehlichte Bekenntnisse einer reichen Seele. Anmutige Feuilletons stehen neben glatten Selbstverständlichkeiten und philosophierenden Aufsätzen, alles aus eigenem Erleben und Denken hervorgetrieben. Darum bildet diese Sammlung trotz der Mannigfaltigkeit des Stofflichen ein Einheitlich-Ganzes. Dr. M. Scherlag.