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Die Welt · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 19 — DIE] das Passahbrod zu bekommen. Es kam zu einer Zusammenrottung der chrislichen Bevölkerung, die eine recht bedrohliche Haltung gegen die Juden eingenommen hat. Glücklicherweise wurde das Mädchen recht bald heil und unversehrt aufgefunden. Ernster war die Lage in Selwa. Hier verirrte sich ein sechsjähriges Kind, das sich von seinem Vater in der Kirche weggestohlen hatte, und war trotz eifrigen Suchens im Laufe, von einigen Tagen nicht zu finden. Es fanden sich natürlich Agitatoren, die das probate Blutmärchen sofort auszuspielen verstanden. Am ersten Tage dej Pessachfestes rottete sich die bäuerliche Bevölkerung der ganzen Umgehend in hellen Haufen in der Stadt zusammen, und waren daran, einen regelrechten Pogrom zu veranstalten. Glücklicherweise geschah auch diesmal das Wunder noch rechtzeitig und das halb verhungerte und verschmachtete Kind wurde in einem benachbarten Hain aufgefunden. Aus Mosir wird mitgeteilt: In einem benachbartem Dorfe ereignete sich folgender Vorfall: Der russische Geistliche dieses Dorfes ermordete seinen Diener, um ihn seiner Barschaft von 200 Rubel zu berauben. Er verbarg den Leichnam in einem benachbarten Stall, der einem Juden gehörte. Ein jüdischer Fuhrmann, der bei diesem Juden übernachtete, ging des Nachts in den Stall und fand nun den ermordeten Diener. Er meldete es sofort der Polizei, die ihn und den jüdischen Hausbesitzer sofort verhaften ließ. Am nächsten Morgen meldeten sich zwei Bauern bei der Polizei mit der Erklärung, sie würden die Wahrheit erzählen, wenn sie von der ihnen wegen Diebstahls auferlegten Strafe dispensiert würden. Der Polizeikommissar ging darauf ein, und nun erzählten die Bauern ausführlich, daß sie selbst gesehen haben, wie der Geistliche nachts einen ermordeten Mann auf den Schultern trug und in den Stall brachte. Eine Hausuntersuchung förderte die Wahrheit zu Tage. Man fand bei dem Geistlichen die von Blut befleckten Kleider des Ermordeten. Erst dann beruhigte sich die Bevölkerung. Auch aus Sdolbulnowo (Gouvernement Wolynen) wird über „Blutmärchen" während der jüdischen Ostertage berichtet. Rechtsanwalt Passauvert gestorben An einem langwierigen Nierenleiden verstarb hier am 2. Mai einer der populärsten Rechtsanwälte Rußlands, der hervorragende Kenner des Zivilrechts Alexander Jakowlewitsch Passauvert. Nach erfolgreicher Absolvierung der juristischeu Fakultät der Moskauer Universität hatte er die Absicht, sich für die akademische Laufbahn vorzubereiten und magistrierte zu diesem Behufe. Da es ihm als Jude äußerst schwer fiel, eine Professur zu erlangen, widmete er sich den Berufe eines Rechtsanwalts. In den letzten Jahren ist der Verstorbene nur sehr selten aufgetreten; der letzte Prozeß, den er führte, war die Verteidigung des ehemaligen Direktors des Polizeidepartements A. A. Lopuchin. Passauvert nahm in seiner Jugend lebhaftes Interesse an jüdischen Angelegenheiten. So stand er an der Spitze einer jüdischen Abordnung vor Alexander III., anläßlich der Pogrome im Jahre 1881. Die Verleumdung einer Gemeinde In der Stadt Sambrow (Gouv. Lomsha) wurden in einer Nacht vielfache Kirchenschändungen verübt. Ein rücksichtsloser Skribent nahm nun Gelegenheit .in der stark yerbreiteten Warschauer Zeitung „Göniec" zu inszenieren, die jüdische Bevölkerung der Stadt hätte die Kirchenschändung aus Rache für einen Diebstahl, der kurz vorher an Gemeindegut begangen worden war, verübt. Auf die jüdische Bevölkerung der Stadt und Umgebung haben diese Ausstreuungen einen sehr deprimierenden Eindruck gemacht. Judenausweisungen Die angeordnete Ausweisung der 228 jüdischen Familien aus dem Dorfe Demjuwka (Gouv. Kiew) wurde auf den 1. Mai a. St. verschoben. Abgekartete Gesuche um Judenausweisung Die Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes des Klosterortes Potschajew verbreiten unter der bäuerlichen Bevölkerung Agitationsschriften mit dem Aufruf, alleruntertänigste Bittschriften an den Kaiser betreffs Ausweisung der Juden aus den. Dörfern und Undflecken abzusenden. Eine verheerende Feuersbrunst in Kobryn Ein großer Teil der Stadt ist durch Feuer vernichtet. Mehrere hundert jüdischer Familien sind brot- und obdachlos geblieben. 'Kobryn zählt 15000 Einwohner, darunter 12000 Juden.) ^ELT ' 427 Scholem Aleichem gefährlich erkrankt Der bekannte jüdische Schriftsteller Scholem Aleichem, der seit einem Jahre in Nervi Erholung sucht, erlitt dieser Tage einen Herzschlag. Sein Zustand gibt zu ernsten Befürchtungen Anlaß. Rabbi Schneersohn gestorben Der berühmte Chassidimrabbi Schneersohn in Lady (Gouv. Mohilew) ist plötzlich gestorben. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Schalom! Der Jude ist nicht selten als der Prototyp des „Oheb schalom", des „Rodef schalom" bezeichnet worden. Es scheint aber, daß nicht alle Juden gleichermaßen Liebhaber dieses Begriffes sind. In Konstantinopei wenigstens, der Vorstadt Balat, wäre das „Schalom", beinahe zum schweren Kriegsfälle geworden. Herr Confino, Direktor der Allianceschule zu Balat, liebt nicht dieses Wort. Es ist ein jüdisches Wort, ein jüdischer, ein hebräischer Gruß; es ist der Gruß des jüdischen Turnvereins „Makkabi" geworden, hat einen eigenen, stolzen, jüdisch-nationalen Klang gewonnen. Es ist zum Bekenntnisruf des ganzen Konstantinopeler Jungjudentums geworden. Darum liebt es Herr Confino nicht. Ihm sind die zarten Seelen Hunderter von Schulkinder anvertraut worden, jüdischer Kinder, das ist ja wahr, aber doch Allianceschulkinder, bitte, nicht zu vergessen! Diese Seelchen, diese für die Assimilation prädestinierten Keime, gilt es mit ängstlicher Sorgfalt vor dem national jüdischen Gifthauch bewahren. Darum: Krieg dem impertinenten „Schalom". Es machte Herrn Confino viel Kummer, den Geist des „Makkabi" und seinen Gruß auch in seiner Umgebung sich ausbreiten zu sehen. Von der Schar der Mädchen aus der ,,Ecole Bivas", die zuerst von dem Schalomfieber ergriffen wurde, war es leider auch unter die Schülerinnen und Schüler der Allianceinstitute übertragen worden, so daß der „Bon jour" in wirklich ernste Gefahr geriet. Bis das Gefäß zum überlaufen kam. Es wagte es nämlich ein Schüler des Herrn Confino, ihm selbst ein freimütiges „Schalom" zu bieten. Er mußte es büßen. Er wurde berufen; es wurde ihm der Prozeß gemacht; es wurden ihm Explikationen abgefordert; er wurde verwarnt und am Ende mit der Ausstoßung aus der Schule bedroht, wenn er sich noch ein einziges Mal diesen Verstoß gegen die gottgewollte französische Kultur erlauben würde. Und der gleiche Ukas wurde allen Zöglingen des Herrn Confino unterstellten Erziehungsstätten für Juden und Jüdinnen eröffnet. Für diese assimilatorische Heldentat sei dem wackeren Direktor ein kernig-kräftiges „Schalom" gebracht! Der „Makkabi" und die Alliance Wenn schon die Balater Straßenluft mit dem makkabistischen „Schalom" vergiftet wird, so muß wenigstens dafür gesorgt werden, daß die auf den Höfen der Allianceschulen lagernden Luftschichten nicht ebenfalls ruchlos verdorben werden. Darum ward der Hof der Allianceschule zu Balat dem jüdischen Turnverein nicht nur für die Vornahme ständiger Turnübungen, sondern auch für die Veranstaltung des in voller Vorbereitung befindlichen Pessachfestes ein für allemal verweigert. Herr Confino hatte im vornhinein abgelehnt, dann aus gewissen taktischen Rücksichten im Hinblick auf die Gründung der „Association des anciens eleves" dem Vereine den Platz versprochen, schließlich aber, wahrscheinlich infolge des sonderbaren Resultates dieser Associationsgründung, befunden, daß besondere Instruktionen vom Komitee in Paris notwendig würden. Herr Bigart hat, wie vorauszusehen, die Anfrage mit kategorischem Nein beschieden. Und bei diesem Nein wird es, trotz nachträglicher „Intervention" des Präsidenten des hiesigen Regionalk'omitees der Alliance, die mit moralischer Unterstützung des Großrabbiners erfolgt, auch definitiv bleiben. Der jüdische Turnverein „Makkabi" wird daher sein jüdisches Fest nicht auf dem Platze der jüdischen Schule abhalten, sondern anderwärts unter freiem Himmel, was ihm Gelegenheit geben wird, einige Tausend Zuschauer mehr zu haben, und diesen die Gründe mitzuteilen, weshalb er an diesem Tage ohne Obdach ist. Für dieses Turnfest werden außergewöhnliche Vorbereitungen getroffen. Es werden sämtliche Sektionen der Zentrale und der Vororte, Männer-, Mädchen- und Kinderriegen, antreten. Die Werbearbeit des in glänzendem Aufstiege begriffenen Vereines wird das stupide Verhaltender Allianceherrennicht aufhalten, sondern höchstens in ihren Resultaten potenzieren. —

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