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Die Welt · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Charakterlosigkeit, sondern eine Verquickung konfessioneller Fragen und Politik, folglich Klerikalismus. Wer so schablonenhaft denkt und obendrein mit den Neumanns wähl- und seelenverwandt ist, dem bessere Einsicht beizubringen, ist vergebliches Bemühen Die Wiener Juden aber haben allen Grund, aus ihrem Tun und Handeln die Konsequenzen zu ziehen. War ihre Stellungnahme gegen die Taufe wirklich nur eine Aufwallung religiöser Gefühle, eine Kundgebung pfäffischen Eifers? Wer die konfessionelle Indifferenz der jüdischen Wähler der Wiener City kennt, muß die Frage verneinen. Es war ein Zurückschrecken vor der letzten Konsequenz der Assimilationsideologie, die sie Jahrzehnte hindurch gepredigt hatten. Wären die Wiener Juden nichts als Deutsche mosaischer Konfession, dann hätten sie kein Recht, Deutsche anderer Konfession, auch wenn es Abtrünnige ihrer Religionsgemeinschaft wären, politisch zu bekämpfen. Das wäre wahrhafter Klerikalismus, eine Rechtfertigung religiöser Ausnahmegesetze. Wenn Dr. Stern Leute politisch bekämpft, die das Judentum wie ein Nachthemd behandeln, und das Judentum als einen bloß religiösen Begriff auffaßt, dann ist er klerikal. Das waren aber nicht die Beweggründe der jüdischen Wähler in ihrer großen Mehrheit. Die Taufe ist ihnen keine Privatsache, weil es nicht der gleichgültige Glaubenswechsel eines Deutschen ist, der etwa vom Protestantismus zum Katholizismus oder Brahrnanismus übergeht, sondern sie ist der sichtbare Abfall vom jüdischen Volkstum, ein Akt der Assimilation, der mit einem Opfer der Überzeugung, mit reinster Heuchelei und Streberei verbunden ist. Aber die Taufe ist die logische Konsequenz des Bestrebens, restlos aufzugehen. Denn die jüdische Religion ist eine der nationalsten, ein ehrliches Festhalten an ihr ist mit einem völligen Anschluß an die nichtjüdische Umgebung unvereinbar. Die Wiener Juden haben mit erdrückender Mehrheit den Abfall vom Judentum, der mit einem Glaubenswechsel verknüpft ist, verdammt. Die Schlußfolgerung ist verworfen, nun ist es die Pflicht der Selbsterkenntnis, auch die Voraussetzungen — die Assimilationsideologie — auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Hat dieser Läuterungsprozeß begonnen, dann ist sein Ausgang nicht zweifelhaft. Brief aus Ungarn „A viläg« Seit dem 1. April erscheint in Ungarn das „A viläg" von einerBudapester Freimaurerloge herausgegebene Tageblatt WA viläg" („Die Welt"). In den Kreisen des Assimilationsjudentums galt es als Ehrenpflicht, für die Verbreitung dieses Blattes zu sorgen, welches nach den vielen politischen Enttäuschungen endlich der ersehnte ruhende Pol in der Flucht der assimilatorischen Illusionen werden sollte. Auch der klerikal-antisemitische „Alkotmäny" drückte die schweren Befürchtungen aus, daß die freimaurerische Presse ein Schwungbrett für den jüdischen Einfluß auf die Landespolitik werden könnte. Diese Sorge zerstreute aber das jüdisch-literarische Wochenblatt „Szombat" mit der überraschenden Enthüllung, daß „A viläg" aus dem Schöße einer Freimaurerloge hervorgegangen sei, welche in eingeweihten Kreisen mit dem Epitheton „die antisemitische" genannt wird. Tatsächlich weigerte man sich anfangs, einen Juden bei dem Blatte anzustellen, und erst nach langen Auseinandersetzungen mußte man sich dazu bequemen, dem echt freimaurerischen Prinzip der Judenreinheit untreu zu werden und einem einzigen Juden Einlaß in den Redaktionskörper zu gewähren, da sich die Überzeugung aufdrängte, daß man derzeit in Ungarn noch schwer ein Blatt ohne Juden machen kann. Dieser jüdischer Redakteur ist aber schon nach zwei Wochen aus .seiner Stellung ausgeschieden. Der ungarische Adel und jüdische Flüchtlinge Das Nationalkasino und das Landeskasino, Sammelstätten des ungarischen Hoch- und Mitteladels, haben sich jahrzehntelang hermetisch vor den Juden verschlossen. Nur ganz ausnahmsweise gelang es einigen Täuflingen, einzudringen. Nun ist aber der reinblütige Adel der (wie man hierzulande sagt) „Stehend getauften" völlig satt geworden und haben daher beschlossen, diese Klubs zu verlassen und einen eigenen Verein zu gründen. Einer der Dissidenten, der über die Ursache der Sezession befragt worden ist äußerte sich folgend: „Das Landeskasino steht längst nicht mehr auf dem Niveau, welches früher diesen Klub auszeichnete. Wir haben nicht gegen die Religion der jüdischen Herren, sondern gegen ihre Person und Rasseneigenschaften etwas einzuwenden. Unser Kasino hat nicht die Aufgabe, Proseliten zu machen, und wir können uns nicht mit dem Gedanken vertraut machen, jeden reich gewordenen Juden — falls er sich taufen läßt — in unsere Mitte aufzunehmen. Da ist auch der Fall Länczy. . . . Herr Länczy, der Präsident der Pester Ungarischen Kommerzialbank, der sich ebenfalls taufen ließ, hat sich, zur Aufnahme gemeldet. Er ist abgewiesen worden. Er meldete sich nochmals mit demselben Resultate. Und was geschah? Herr Länczy meldete sich zum dritten Male, und er kann es nur der seitens des gewesenen Ministerpräsidenten Wekerle entfalteten Agitation verdanken, daß er aufgenommen wurde. Solchen Fällen wollen wir uns nicht aussetzen......" Die Erklärung spricht für sich. Es sei nur noch erwähnt, daß den obengenannten Klubs sämtliche Staatsmänner und führende Politiker angehören. Jüdische und nichtjüdische Wohltätigkeit Nach der Brandkatastrophe in Oeköritö hat die humane Gesinnung der Rettungsgroßaktionäre ihren Ausdruck in der proportionellen Verteilung der eingegangenen Hilfsgelder gefunden. Von den zuströmenden Spendenbeträgen, die die internationale und interkonfessionelle Wohltätigkeit den unglücklichen Hinterbliebenen zuführte, wurden die fünf jüdischen Waisen, deren Eltern beim großen Brande umkamen, einfach ausgeschlossen. Sie wurden mit einem großen Dityrambos auf die Wohltätigkeit der Juden dem jüdischen „Patronageverein" nach Budapest überwiesen. Das Blutmärchen in Egyek Ein anderer, viel traurigerer Beweis dafür, daß wir auch im freien Ungarn im Golus leben, ist die im letzten Moment vereitelte Lynchjustiz, von der zwei arme jüdische Händler jüngst bedroht waren. In Egyek (Komitat Hajdu) wurde die Bevölkerung durch Sturmglocken auf zwei arme jüdische Lumpenhändler gehetzt, die von einer Gänsehirtin, Örzin Meszöre, der Ritualmordabsicht bezichtigt wurden. Nur dem Eingreifen der Gendarmerie gelang es. die zu Tode geängstigten Juden, die unter der Volkswut bereits zu leiden hatten, durch schlauen Rat vor einem Pogrom zu schützen. Die zwei Juden wurden eingesperrt und erst um Mitternacht freigelassen. Dr. Munkäcsi — Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaft Herr Dr. Bernhard Munkäcsi ist zum ordentlichen Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaft gewählt worden. Er ist bereits seit 20 Jahren korrespondierendes Mitglied der Akademie und der dritte Jude, der seit dem 80jährigen Bestehen derselben, zum ordentlichen Mitglied ernannt wurde. Dr. Munkäcsi, der sich hauptsächlich mit der vergleichenden Sprachwissenschaft und Ethnographie befaßt und sich großen Ansehens in den Gelehrtenkreisen der ungarischen Hauptstadt erfreut, ist zugleich Schulinspektor der Pester israelitischen Gemeinde. Er gehört auch der zionistischen Organisation an und hat stets das größte Interesse der nationaljüdischen Idee entgegengebracht. Schon vor einigen Jahren hat er verordnet, daß in den Schulen der Pester israelitischen Gemeinde beim Unterricht der neuesten Geschichte des jüdischen Volkes den Schülern auch das Wesen des Zionismus erklärt werde. Ihm ist es auch zu verdanken, daß in den an sämtlichen Budapester Mittelschulen gebrauchten jüdischen Geschichtslehrbüchern ein objektiver Aufsatz über Herzl und dessen Bild enthalten sind. Die orthodoxe jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina Die Abreise der Teilnehmer an der orthodox-jüdischen Gesellschaftsreise nach Palästina fand am 4. und 5. Mai von Budapest aus statt. Die Einschiffung] erfolgte in Triest am 6. Mai auf dem Dampfer Elektra. An der Reise nahmen zirka 100 Personen teil, darunter eine größere Anzahl orthodoxer Rabbiner Ungarns. Rußland Die Blutmärchen-Saison. Seit einigen Jahren ist das Blutmärchen in Rußland sehr in Mode, und es vergeht kein Pessachfest, ohne daß hier und da die jüdische Bevölkerung in Todesangst schwebte. Diesmal waren es die Städte Mohilew und Selwa (Gouv. Grodno), die das Pessachfest nach mittelalterlicher Art feiern sollte. In Mohilew geschah es wegen eines dreizehnjährigen christlichen Dienstmädchens, das den Dienst bei ihrem jüdischen Herrn einige Tage vor den Feiertagen verlassen und aus Furcht sich nicht nach dem Elternhause, sondern zu einer bekannten Familie begeben hatte. Als dann die Mutter des Mädchens ihre Tochter besuchen wollte, sie aber bei dem Juden nicht fand, schrie sie Zeter und Mordio, daß der Jude ihre Tochter umgebracht hätte, um christliches Blut für

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