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Die Welt · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 19 ' DIE] mit einem vor Pessach in großer Zahl versandten Flugblatte des Misrachi — von der Judenaustreibung war in der Predigt mit keinem Worte die Rede -— von der Kanzel der Religionsgesellschaft herab eine Antwort, die man eher aus den Spalten des Geige r-Lessingschen Organ zu vernehmen erwartet hätte, als aus dem Munde eines orthodoxen Rabbiners. In Frankfurt kennt man das Lied schon lange. Schon seitdenTagenvonByalistok,wo uns gepredigt wurde, die furchtbaren, unmenschlichen Greuel seien nur eine gerechte Strafe Gottes, das Blut der unschuldigen Kindlein, der geschändeten Frauen sei nur geflossen als Sühne für den damals in Rußland grassierenden traurigen Abfall vom Glauben der Väter. Und so wurde der aufhorchenden Gemeinde auch diesmal verkündet: ein Golus, so ein richtiges Golus, das gibt es ja nicht mehr, wenn es auch hie und an einzelnen Orten Juden schlecht gehe, was ja nur ein Warnungszeichen ob unserer Sünden sei . . . Wir müssen auch alle gute, loyale, patriotische Staatsbürger sein, selbst wenn der Staat uns Unrecht tue und uns bedrücke, wie es — höre und staune, naiver Leser — unsere Vorväter in Mizraim gewesen sind! Es ist kein Purinischerz: sie waren gute ägyptische Patrioten, wahrhafte ägyptische Staatsbürger jüdischen Glaubens. Sie haben auch immer ihre Pflicht gegen ihr Vaterland erfüllt, obzwar es ihnen auch schlecht gelohnt wurde. Beweis: Als die große dreitägige Finsternis hereinbrach, sind sie beileibe nicht davongelaufen, wozu sie doch reichlich Zeit gehabt hätten! Nein! von solchem Frevel hielt sie ihr patriotisches Gefühl zurück! Sie blieben ihrem seit zweihundertzehn Jahren angestammten ' Vaterlande weiter treu und warteten ruhig auf den Moment, wo die göttliche Fügung sie aus der Ägypter Hand nahm. Sie haben es nicht gemacht wie die „zionistischen Schwärmer" von heutzutage, die es nicht erwarten können, auszuziehen nach dem verheißenen Lande, das von Milch und Honig fließt. Soweit Herr Rabbiner Dr. Breuer, der uns leider nicht verraten hat, welche Art von Patriotismus er meint. Dachte er an den staatlich approbierten königlich ungarischen Patriotismus, den er anno dazumal als ungarischer Raw propagiert hat? Meinte er den königlich, preußischen seiner getreuen „Anschei kehilossenu"? Am Ende denkt er gar an den kaiserlich österreichischen Patriotismus, den er trotz seines angeborenen Ungartums beinahe in Wien zu verkünden Gelegenheit gehabt hätte? Zur Belohnung für die Patrioten unter den „Anschei kehilossenu" könnte man einen neuen Matnaßjad-Mi-scheberach anordnen, wobei nach bekannter Analogie natürlich die Nichtpatrioten auszuschließen wären. Wo war — ganz ernsthaft sei die Frage aufgeworfen — die göttliche Fügung, die es Herrn Rabbiner Breuer erlaubte, statt früher ungarischen, jetzt deutschen Patriotismus zu predigen. Ubi bene ibi patria — paßt doch nicht recht zu ägyptischem Patriotismus! Und ebenso ernsthaft fragen wir, wie denkt sich eigentlich Herr Rabbiner Dr. Breuer die Möglichkeit, das etwa drei Millionen Menschen, Männer, Frauen, Kinder und Greise, ohne jede Organisation und Vorbereitung plötzlich Hals über Kopf aufbrechen und davonlaufen sollen? Jeder junge Mann, der selbst oder durch seine Familie nur im entferntesten mit militärischen Dingen in Berührung gekommen ist, weiß, welch außerordentlich sorgfältigen, bis ins kleinste erwogenen Vorbereitungen dazu gehören, eine solch ungeheure Menschenmasse in Bewegung zu setzen und zu erhalten; weiß, daß die Mobilmachung eines nur nach Hunderttausenden zählenden Heeres selbst bei den modernen Verkehrsmitteln nicht in Tagen, sondern nur in Wochen durchgeführt werden kann, trotzdem der Plan dazu in allen Details ausgeführt bereit und die notwendigen Reqisiten dazu schon in Friedenszeiten in den Proviantämtern wohlgeordnet liegen. Wahrlich, Dr. Breuer scheint die Intelligenz seiner Gemeinde gering einzuschätzen, wenn er es wagt, vor ihnen mit so kindischen Mätzchen zu paradieren (die in seiner Heimat kaum ein Maggid vorzutragen den Mut hat), um eine so lebenskräftige, tatenfrohe, eine so tief die Gedanken und Gefühlswelt der gegenwärtigen Judenheit beeinflußende Bewegung wie den Zionismus abzutun. Brief aus Wien (Von unserm Berichterstatter) Der Zusammenstoß im Prater Wahrend der diesjährigen Maifeier im Wiener Prater kam «*s zu Reibereien zwischen Sozialdemokraten und Poale-Ziori. Wir erhalten von gut informierter Seite folgende Darstellung des Zwischenfalles, der ziemlich viel Aufsehen erregt hat. Seit dein Jahre 1906 ziehen die Mitglieder der Wiener Poale-Zion-Organisation am 1. Mai in den Prater, wo sie sich den feiernden Arbeitern Wiens anschließen. Es ist bereits zur Tradition geworden, daß sie sich in das für die Nationalitäten £ELT - 425 reservierte Restaurant „Zum braunen Hirschen" begeben, wo gewöhnlich Lieder gesungen werden und in einer kurzen Ansprache „die Bedeutung des proletarischen Festes" gewürdigt wird. Diese Kundgebung dor Solidarität jüdischer Arbeiter und Sozialisten hat niemals im Laufe der vier Jahre auf den Widerspruch der Wiener Arbeiter gestoßen. So geschah es auch diesmal, zum fünften Mal. Nur daß in diesem Jahre rote Standarten mit der Aufschrift: „Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei Poale-Zion" in deutscher und jüdischer Sprache vorangetragen wurden. Das wirkte beunruhigend auf die sozialdemokratischen Juden, insbesondere auf die judischen Redakteure der „Arbeiterzeitung". Nachdem die versammelten jüdischen Proletarier, etwa hundertzwanzig bis hundertfünfzig an der Zahl, fast zwei Stunden hindurch, von den umstehenden Ordnern und sozialdemokratischen Arbeitern unangefochten, jüdische sozialistische Lieder gesungen und sich friedlich unterhalten hatten, erklärten zwei Herren von der Redaktion der Arbeiterzeitung, „daß es eine jüdische Arroganz" und „Provokation" sei, hebräische Weisenzusingen und die „allgemeine" Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zur größten Überraschung der umstehenden Deutschen und tchechischen sozialdemokratischen Arbeiter, die über das (reschrei der Herren Redakteure sichtlich unmutig waren, verlangten diese von den jüdischen Sozialiston „mehr Bescheidenheit". Der Sinn der psychologisch zwar sehr charakteristischen Forderung war dunkel. Das ebenso höfliche wie kluge Eingreifen hatte nur eine nervöse Unruhe zur Folge. Sie steigerte sich, als in „höherem Auftrage" einige Ordner, die an ihrer Mission offenbar keine Freude hatten, die Zurückziehung der Standarten verlangten. Gradezu köstlich war die naive Bemerkung eines treuherzigen Arbeiters, die „jüdischen Fahnen in den Farben der Internationale wirken just auf die jüdischen Genossen, wie ein rotes Tuch" . . . Die Streichung der Standarten wurde von den Poale-Zion verweigert, worauf der sozialdemokratische Landessekretär erklärte, keine Garantie für die Folgen übernehmen zu können. Es war klar, daß die von ihren jüdischassimilatorischen Freunden unterrichteten und aufgehetzten Parteifunktionäre vor einem Appell an die Gewalt am ersten Mai nicht zurückschrecken würden. Um die Feier nicht zu stören, entschlossen sich die Poale-Zion, mit ihren Standarten abzuziehen. Die „Arbeiterzeitung* versuchte natürlich in ihrem Bericht den Zwischenfall als einen Maigang von Zionisten hinzustellen, die die Maifeier zu sturen beabsichtigten. Es braucht ja nicht erst gesagt zu werden, daß die Zionisten Wiens, als eine nichtproletarischc Organisation, keinerlei Maifeiern und -Umzüge veranstalten. Die Art und Weise aber, wie hinreichend bekannte sozialdemokratische Juden gegen jüdische sozialistische Proletarier zu hetzen für gut gefunden haben, ist kennzeichnend für ihre Gesinnung. Der Freiheitssinn kommt bekanntlich am deutlichsten in der Behandlung von Minoritäten zum Ausdruck. Täuflingsniederlage Die Gemeinderatswahlen im ersten Wahlkörper der innern Stadt brachten dem offiziellen deutschdemokratischen und deutschfreiheitlichen Wahlkomitee, das den jüdischen Wählern, die 70°,'o der Wahlberechtigten bilden, getaufte Kandidaten aufzuzwingen gewagt hatte, eine vernichtende Niederlage. Dr. Neu mann, der den Wählern, die gegen ihn Einspruch erhoben, höhnisch zurief, er freue sich, nach der Wassertaufe die Feuertaufe zu erhalten, ist gefallen, von der Empörung und dem Abscheu der jüdischen Wählerschaft hinweggefegt. In seinem Sturz riß er auch den konfessionslosen Dr. v. Fürth mit. Wenn nicht alle Juden das Selbstgefühl hatten, den Beschluß der Hock-Leute als eine Mii3achtung und Herabsetzung der Judenheit zu empfinden, so hat der anmaßende Zynismus des Täuflings, der als Prämie für seine Rückgratlosigkeit die Gemeinderatswüs;de aus den Händen der Juden verlangte, auch die Zahmsten und Geduldigsten aus ihrer Ruhe gebracht. Die Juden Wiens erklärten mit allem Nachdruck, daß sie die Abkehr vom Judentum, das Renegatentum, als eine schmachvolle Feigheit betrachten und mit Abtrünnigen, die ihre bedrängte Volksgemeinschaft verlassen, um sich der übermächtigen Mehrheit anzuschließen, nichts zu tun haben wollen. Diese Kundgebung ist im assimilierten Wien keine Selbstverständlichkeit, sie muß als ein Wendepunkt in der Gesinnung der Judenheit Wiens verzeichnet werden. Wer sich am meisten über die Niederlage des Mugdanismus in Wien aufregt, das sind die getauften und noch nicht getauften israelitischen Redaktionsmitglieder der „Arbeiterzeitung". Die Wiener Sozialdemokraten wollten ja sogar der jüdischen Presse verbieten, statistische Tabellen über die Taufbewegung zu veröffentlichen. Nun faseln sie von der Erstarkung des Klerikalismus unter den Juden. Die Ablehnung von Kandidaten, die im Schöße der Kirche Seligkeit suchen, ist diesen angeblich sozialistischen Freidenkern keine Verurteilung von Heuchelei und

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