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Die Welt · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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418 DIE S^ELT No. 19 Lilienblum, der Schriftsteller und der Mann der Tat Ein schlichtes Gedenkblatt*) Von Dr. M. Glücksohn, Odessa II. Im Zusammenhang mit Lilienblums phänomenaler Wahrheitsliebe steht ein zweiter Grundzug seines Charakters, — seine seltene, ge-' radezu klassisch zu nennende Schlichtheit und Einfachheit. Als Schriftsteller sowohl wie als Mensch war er jedem Schein- und Formwesen abhold. Sein Stil war schlicht und anspruchslos, dabei aber von großer logischer Schärfe und eindringlicher Überzeugungskraft. Er erhob sich bisweilen zu einem edlen Pathos von hinreißender Kraft und Schönheit, so z. B. in seinen ersten zionistischen Artikeln im „Hameliz" und in seinen russischen Schriften „Über die Wiedergeburt des jüdischen Volkes im heiligen Lande seiner Väter" und „Fünf Momente aus dem Leben Mosis"; er blieb aber immer vornehm, maßvoll und wahrhaftig. Nie verfiel Lilienblum in Schwulst und Übertreibung. Alles Gekünstelte und Aufgeblasene war seinem grundehrlichen Wesen fremd; er verschmähte die künstlich-suggestiven Mittel, die prickelnd reizenden Floskeln, die mehr auf die Nerven und die Einbildungskraft des Lesers pochen, als zu seinem Verstände sprechen. Lilienblum schrieb zwar viel, er schriftstellerte aber nie. Er griff zur Feder nur, wenn er etwas zu sagen hatte, und ließ dann die Sache für sich selbst sprechen, ohne jemals zu dem alten Rezept Zuflucht zu nehmen: „wo der Gedanke fehlt, ein Wort rechtzeitig einzustellen". Zur Zeit, wo in der hebräischen Literatur das rasselnde Feuerwerk des „Meliza"-Stiles gäng und gäbe war, operierte Lilienblum nicht mit den landläufigen geschrobenen und gewundenen Redensarten, die in recht geschmackloser Weise der Bibel entlehnt wurden, und als sich später die moderne europäische Phrase aus der Schule der Nietzscheaner und Dekadenten in der hebräischen Literatur breit machte, war Lilienblum unter den Nachäffern der Zeitmode nicht zu finden. * * * Und wie der Stil, so war auch der Mann aufrichtig bescheiden, frei von aller Pose und Blasiertheit. Nie, auch nicht zur Zeit, wo er im Mittelpunkte der neuen nationalen Bewegung stand, führte er das große Wort, nie warf er sich in die Brust, nie sprach er mit dem Brustton des Verkünders tiefgründiger Wahrheiten. Seine hervorragende Stellung in der Palästinabewegung, an deren Spitze er neben Pinsker stand, verleitete ihn nie zu demagogischem Gebaren. Seinem Worte haftete nie der spezifische Meetinggeruch an. Wenn Lilienblum sich zum Worte meldete, waren die Freunde rhetorischer Kunst enttäuscht. Man bekam eine nüchterne, kühlverständige Rede zu hören, die ohne Pathos und Emphase gesprochen wurde. Lilienblum, der Schriftsteller sowohl wie der Mann der Tat, hatte eben gar keinen künstlerischen Ehrgeiz. Die „Kunst für die Kunst" hatte bei ihm keinen Platz. Die Selbstgenügsamkeit des ästhetischen Individualismus, wie sie in dem bekannten „mihi ipsi scripsi" zum Ausdruck kommt, war Lilienblums Sache nicht Er wollte zunächst und zuhöchst Lehrer sein, Lehrer und Wegweiser. Er war Publizist im eigentlichen Sinne des Wortes. Keine theoretisch-kontemplative Natur, die der Weit und den Leuten in stiller Beschaulichkeit gegenübersteht, sondern eine durchaus aktive Natur, mit dem exponierten Tatendrang eines Reformators, der in das Räderwerk der Geschichte seiner Zeit und seines Volkes eingreifen muß. Alles, was Lilienblum schrieb und lehrte, war von dem prävalierenden ethischen Interesse beherrscht. Die Aufklärung in der ersten Periode seiner Tätigkeit war für ihn — und hierin unterscheidet er sich von seinen haskalahtrunkenen Kollegen — nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck: zur Erhöhung der sozialen Aktivität der jüdischen Volksmassen und zur freien Ent- *) Vergl. „Welt Nr. 8. Aus Raummangel verspätet. faltung seiner natürlichen Kräfte. Seine Lehre hieß kurz: Leben, Licht und Luft. * * * Die der prophetischen verwandte Richtung auf das Praktische wird aber bei Lilienblum infolge gewisser äußerer Umstände zur Richtung auf das Utilitaristische. Das „Praktische" in moralphilosophischer Bedeutung wird zum „Praktischen" im vulgären Sinne des Wortes. Die lähmenden Lebensbedingungen der jüdischen Gasse, die aus dem großen Freiheitskämpfer des Ghetto nach der Reihe einen Krämer, Elementarlehrer und „Chewrah-Kadisch"- Kassierer machten, brachten es auch mit sich, daß der nach Licht und Freiheit Dürstende nach schweren, leidvollen Kämpfen die große Welt Gottes durch das öde Spektrum der gemütlosen russischen Aufklärung der sechziger Jahre erblicken sollte. Der kalte, nüchterne Rationalismus Pis sarews ertötete allmählich die heilige, religiöse Glut des Gottsuchenden, und der titanische Kampf um die innere Wahrhaftigkeit und Lebensfülle zeitigte — eine engbrüstige Nützlichkeitslehre. Und so sehr auch diese Lehre dem tiefveranlagten Gemütsmenschen Lilienblum, dessen „Jugendsünden" ein ergreifendes Dokument der tiefsten menschlichen Tragödie, der religiösen, bildet, zuwider sein mußte, — er unterdrückte doch mit dem ganzen Fanatismus seiner rücksichtslosen Wahrheitsliebe alles, was sich in ihm gegen diese gottverlassene Lehre regte. Er ahnte es kaum, daß es noch außer der talmudischen Literatur und der russischen Aufklärung etwas für Geist und Gemüt gäbe; daß noch eine andere, tiefere, reichere Wahrheit existiere als die rabbinische, der er abgeschworen hatte, und die Pissarewsche, auf die er schwor. Man sollte es kaum glauben: dieser Mann, der in dem ungeheuren Labyrinth der talmudisch-rabbinischen Literatur genau Bescheid wußte, hatte nur eine sehr geringe Kenntnis von den großen geistigen Schätzen des abendländischen Europa, dem er mit seinem ganzen innern Wesen seit Jahrzehnten anzugehören glaubte und bemüht war. Ich war überrascht, als er mir vor einigen Monaten mit der ihm eigentümlichen, aufrichtigen Bescheidenheit sagte, daß er nie Shakespeare und Goethe gelesen hätte. — So war er denn kulturell wenig kompliziert und bewahrte sich eine gewisse naive Unmittelbarkeit, die es ihm ermöglichte, die einschneidenden Fragen des jüdischen Lebens stets im richtigen Moment mit seltener Schärfe und Klarheit aufzufassen und seinen Standpunkt mit großer Verve und Überzeugungskraft zu verteidigen. Daher aber auch eine gewisse Exklusivität und Unfähigkeit, den Standpunkt des Gegners zu verstehen. Naive Wahrheitsliebe hat immer einen ehrlichen Fanatismus zur Begleiterscheinung. * Die naive Unberührtheit und der gesunde „sens de realite" zeigte sich auch in seinem Verhältnis zum jüdischen Nationalismus schon in der Periode des Kulturkampfes. Lilienblum hatte immer einen gesunden, nationalen Instinkt an den Tag gelegt. Die landläufige Redensart von der assimilatorischen Gesinnung Lilienblums, des Vorkämpfers der Aufklärung, beruht auf Unkenntnis, die in der nachmaligen Verschiebung des Schwerpunktes des Freiheitskampfes eine radikale Änderung des konstitutiven Prinzips erblickt. — Lilienblums Ruf nach religiösen Reformen darf keineswegs als ein Ausfluß assimilatorischer Gesinnung angesehen werden. Mit den analogen Bewegungen in Deutschland hat diese Bewegung nur den Namen gemein. Während in Deutschland die Reform aus Rücksicht auf die Außenwelt postuliert wurde: aus Anpassungssucht an die Umgebung, als Vorbedingung für die bürgerliche Emanzipation, oder gar aus Nachahmung der protestantischen Reformation, —

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