Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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forderte Lilienblum die „Übereinstimmung des Gesetzes mit dem Leben", damit das überlieferte Judentum als lebendige Kraft erhalten bleibt. In seiner Abhandlung „Die Wege des Talmuds" aus dem Jahre 1868 vertritt er in der Auffassung des Talmuds den wissenschaftlichen Evolutionismus. Der Talmud selbst sei eine lange Reihe von Reformen an der Lehre, die sich im Laufe der Zeit vollzogen hätten. Lilienblum selbst äußert sich in einem Brief an den Dichter Gordon vom Jahre 1869 anläßlich dieser Abhandlung, der Talmud sei die Lebensquelle des jüdischen Volkes; man dürfe daher nicht daran denken, die Juden dem Talmud zu entfremden, da dies für das jüdisch-nationale Leben von größtem Schaden sein würde; um eine mächtige Bewegung zur kulturellen Hebung des Volkes ins Leben zu rufen, müsse man es daher den Leuten klar machen, daß der Entwicklungsgedanke das dem Talmud zugrunde liegende Prinzip sei. Und in einem in den „Jugendsünden" (Teil II. S. 21) veröffentlichten Briefe vom 8. April 1870 heißt es, die Reform sei nötig, um der einreißenden Anarchie zu steuern und das religiöse und nationale Gefühl zu bewahren. — So war Lilienblum der Zerstörer im Grunde genommen ein echter Auf bau er. Als großer „Stürmer und Dränger" darf Lilienblum nur insofern angesehen werden, als er einen eminenten, für einen hebräischen — und nicht nur für einen hebrä "sehen — Schriftsteller überaus seltenen umwälzenden Einfluß ausüDte; nach Temperament und Programm war er es durchaus nicht. Er war keine Kämpfernatur ä tout prix; dazu fehlte ihm die unbedingte Lust am Zerstören, die Freude am Widerspruch quand meme. Die schweren Verfolgungen, die er zur Zeit seines Kulturkampfes wie kein zweiter auszustehen hatte, nahm er mit einer Milde und Gemütsruhe entgegen, die eines weisen Heiligen würdig wären. Seine Gesinnung wurde nicht im mindesten von persönlicher Erbitterung getrübt; noch als Geschmähter und Geächteter beobachtete er die geringsten religiösen Vorschriften mit peinlicher Genauigkeit. Er mußte aber ein Kämpfer sein, wie es die Propheten mußten. Er konnte nicht anders, als die einmal erkannte Wahrheit mit großer Wärme und Rücksichtslosigkeit vertreten. Er hatte die Zielsicherheit und Unentwegtheit eines Propheten. Einerlei, ob sein Kampf der Aufklärung oder der nationalen Wiedergeburt galt, er wußte stets, was er wollte und was er sollte. Er kannte keinen wimmernden Zweifel, keinen Kleinmut keine selbstentmannende Skepsis. — Damit erklärt sich auch zum Teil sein großer unmittelbarer Einfluß auf das Volksleben, wie er keinem seiner Kampfgenossen zuteil wurde. Lilienblum hatte schon in seiner Jugend Gelegenheit, sich von der Größe dieses Einflusses persönlich zu überzeugen. Als er im Jahre 1869 seinen Heimatsort Keidany aufsuchte, war er überrascht, Samstag in der Synagoge die Gemeinde mit dem Rabbiner an der Spitze die dreizehn Glaubensartikel laut vorbeten zu hören. Auf seine Frage, was dieser neue Brauch bedeute, erhielt er die Antwort, der Rabbiner hätte, als die den Glauben der Väter erschütternde Abhandlung „Die Wege des Talmuds" erschienen war, diese Verfügung getroffen, um so der Gemeinde die Glaubensartikel feierlich zum Bewußtsein zu bringen *). Diese anscheinend geringfügige Tatsache kennzeichnet die unmittelbare Wirkung Lilienblums. Was Lilienblum schrieb, war keine „Literatur", sondern lebendige Lehre. In seinem unmittelbaren Einfluß liegt die Größe Lilienblums, nicht in der Theorie und in der schriftstellerischen Schöpferkraft. Die hebräische Literatur hatte originellere und talentvollere Kämpfer, das jüdische Leben hatte kaum einen erfolgreichern Lehrer und Meister. Lilienblum der Schriftsteller war groß, größer Lilienblum der Mann der Tat. — Brief an Gordon von 1869, veröffentlicht im „Hed-hasman". OOOOOOO € OOOOOOO AUS DER BEWEGUNG Jüdische Kolonialbank, London Geschäftsbericht nebst Bilanz und Gewinn« und Verlustrechnung für das Jahr 1909 Unsere Geschäfte haben im verflossenen Jahre einen befriedigenden Verlauf genommen, und zeigen insbesondere die Provisionsgeschäfte einen erfreulichen Aufschwung, hauptsächlich im Zusammenhang mit der Bevorschussung von nach dem Orient verladenen Waren. Dagegen übte der anhaltend billige Zinsfuß einen ungünstigen Einfluß auf die Höhe der Gewinnziffer aus, da wir fast nur mit eigenen Mitteln arbeiten. Der Durchschnitt der Londoner Bankrate betrug 3,10 °/o (gegen 3°/o in 1908). Störend wirkte auch bei der Verwendung eines Teils unserer Mittel der Umstand, daß unser Tochterinstitut, die Anglo-Palestine Co., von den ihr als Kredit zur Verfügung stehenden Geldern fast gar keinen Gebrauch machte: sie war in der Lage, ihren Geschäftsbedarf zum größten Teil aus ihren stark angewachsenen Depositen zu decken. Wir anderseits konnten dieses Geld nur kurzfristig, also zu ganz billigen Raten anlegen, um es im Bedarfsfalle jederzeit für die Anglo-Palestine Co. disponibel zu halten. Der Bruttogewinn beträgt £ 16,100 (gegen £ 16,400 in 1908). Spesen und Unkosten betragen £ 8,500 (gegen £ 9,500 in 1908). Unsere <M 22,500 Palästina-Handelsgesellschaft-Aktien, welche noch mit 15°/o zu Buch ifTT 00000 l) ^OOOOOOO standen, haben wir jetzt ganz abgeschrieben. Das Aktienkapital hat sich im Laufe des Jahres um £ 921 vermehrt und beträgt am 31. Dezember 1909 £ 256,482. Der Nettogewinn beträgt £ 6,724.11 — steuerfrei, wie aus der nachfolgenden Bilanz ersichtlich. Der Geschäftsabschluß der Anglo-Palestine Co. ist wiederum befriedigend. Die Dividende wird wahrscheinlich wie im Vorjahre 41/(>°/o betragen. Die Geschäfte der Anglo-Levantine Banking Co. in Konstantinopel, deren Aktienkapital (von £ 25,000) wir zu "/0 besitzen, haben sich im ersten Jahre des Bestehens sehr günstig entwickelt, und wird der erzielte Gewinn wahrscheinlich die Verteilung einer Dividende von 6°/o gestatten. Dagegen schließt unsere Filiale in Whitechapel leider wiederum mit einem Verlust (£ 400) ab; die Depositen bei ihr nehmen zwar fortgesetzt zu, aber die Kleinheit der einzelnen Beträge verursacht große Arbeitskosten, und die sonstigen Geschäfte bringen auch nur bescheidenen Nutzen. Das Direktorium hat beschlossen, der Generalversammlung — der Termin derselben wird noch bekannt gemacht werden — die Erklärung einer Dividende von 21/s°/o, 6d. per £ 1-Share zu empfehlen. Das Direktorium, Dr.N. Katzenelsohn, Präsident. London, Februar 1910.