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Die Welt · 1910-05-13 · 19 (13.5.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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iNo. 19 DIE30KELT 417 deines Sohnes ganz und nur in der Hand deiner Frau gelegen ist. Da sei Gott davor!" Die Mahnung des Alten, mit bedeutungsvollem Ernst gesprochen, machte auf den Sohn einen tiefen Eindruck. Sie stimmte ihn traurig. Seit jeher wußte er, daß sein Vater niemals gewichtige Worte grundlos sprach. Sollte er an dem Kleinen was gemerkt haben? Er fürchtete zu fragen. Freilich einen guten Posten wechselt man nicht wie ein Kleidungsstück. Allein im stillen nahm er sich vor, sein Amt nicht länger als ein Jahr zu bekleiden. Er wollte in dieser Zeit sich umsehen. Warum sollte seine Prau an der Erziehung ihres Kindes größern Anteil haben als er? .... Ein unangenehmer Gedanke durchblitzte seinen Kopf. Sein Entschluß stand fest. „Liebste," sagte er zu seiner Frau, als er vor Antritt der Geschäftsreise von ihr Abschied nahm, „ich glaube und hoffe, daß diese meine berufliche Fahrt die fetzte ist. Wenn ich die nächsten Ostern zu dir und dem Buben heimkehre, so geschieht es für immer." Sie küßte ihm Mund und Stirn und sah dem davoneilenden Zuge nach, solange er zu sehen war. Bubi wurde krank. Zunächst unbedenklich, dann aber ziemlich schwer. Seine Wangen waren rot, seine schwarzen Augen wie glühende Kohlen. Durch den deinen Körper ging häufig ein Zucken wie ein elektischer Schlag. Bubi schlief die ganzen Nächte nicht und sprach vom Wege. Die Ärzte kamen und gingen, ind Sarah Huch wrar verzweifelt. Sie mußte ganz allein das Kind pflegen, denn mit ihren Verwandten hatte sie allen Verkehr abgebrochen. Xur eine ältere Nachbarin, eine geschwätzige Frau vom v'olke, die sie früher gar nicht beachtet hatte, löste sie iir kurze Stunden ab, wenn die schlaffen Augenlider zufielen und der Schlaf sie übermannte. Sie dachte daran, ihren Mann an das Krankenlager les Kindes zu berufen. Allein die Unbeholfenheit und lie Aufregung, die sich stets seiner bemächtigte, so oft ias Kind erkrankte und sie ganz verwirrte, hielten sie lavon ab. Was konnte er ihr helfen? Solange ein ioffnungsstrahl vorhanden war, sollte er doch von dem raurigen Ereignis keine Kenntnis haben. Die Nacht der Krise kam heran. In dieser Nacht sollte die Entscheidung fallen, ob ihr Sohn dem Leben erhalten werde oder nicht. Der Gedanke war entsetzlich. Vom langen Wachen und im Innern vorn Schmerze zerwühlt, verzweifelt, fast hoffnungslos, ließ sie sich am l^ande des Bettchens nieder, als gerade die roten Strahlen einer scheidenden Sonne ins Zimmer fielen und das glühende Gesichtchen des Kindes noch glühender erscheinen ließen. Sie zog den Fenstervorhang zu, um die Sonnenstrahlen abzuwehren. Dann ließ sie sich abermals auf das Kinderbett nieder und wischte dem Einzigen die Schweißtropfen von der Stirn. Als es dunkel zu werden begann, verfiel der Kleine in einen tiefen Schlaf. Sie wendete ihre Augen von ihm weg und dachte nach. Eine Bemerkung ihrer geschwätzigen Nachbarin wollte ihr nicht aus dem Kopf. Diese fragte sie nämlich frühmorgens, ob es denn nicht an der Zeit wäre, das kranke Kind mit den Sterbesakramenten zu versehen . . . Offenbar hielt s*e sie für eine Christin . . . Kein Wunder . . . Sie *w es ja einst und hat von ihrem Glauben dem Vater dieses Geschöpfes zuliebe gelassen. Sie wurde der Spott ihrer Bekannten und der Stein des Anstoßes in ihrer eigenen Familie . . . Was verschlug's? Sie hatte ihn ja so lieb ... Ist es aber keine Strafe des Himmels, der ihre Untat an ihrem Kinde rächt? Hat nicht die Kirche die Ketzer bis zum zehnten Geschlechte verflucht? . . . Sie begann an ihrem ganzen Leibe zu zittern, und schwer senkte sich das Haupt auf ihre Brust. Es wird schon so sein. Das Kind muß sterben, weil sie einem eitlen Leben zuliebe von ihrem Glauben gelassen hatte. Irgendwo in der Bibel hatte sie es gelesen. Als ein heiliger Mann Gottes Gebot zu erfüllen versäumte, überfiel eine tückische Krankheit sein unschuldiges Kind, so daß es sterben sollte. Da der Mann aber heilig war, erschien ihm ein guter Engel im Traume und entdeckte ihm das Geheimnis. Die Mutter des Kindes erfüllte noch rasch Gottes Befehl, so daß das Kleine gesunden konnte. Könnte sie nicht vielleicht auf gleiche Weise das fliehende Leben ihres Einzigen erhalten? Sie braucht vielleicht nur ein wenig Wasser von berufener Hand auf sein Haupt sprengen zu lassen, um ihn nicht zu verlieren . . . Und Moritz? ... Sie konnte den Gedanken nicht ausdenken. Schon sah sie ihn, den Geliebten ihrer Jugend, verzweifelt ob der geschehenen Tat, mit verzerrtem Gesichte vor sich. Bald aber wurde sein Bild von einem kleinen, die Hände ringenden Jungen abgelöst, der nach Rettung schrie . . . Und sie war eine arme Mutter, die nur einen einzigen Rettungsanker für ihr Kind sah, den sie nicht mehr loslassen wollte . . . Moritz wird ihr verzeihen, denn er hat sie ja lieb. So saß, in tiefes Brüten versunken, Sarah Huch, geborene Anna Maria Kloß, die ganze Nacht hindurch bei ihrem Kinde. Und als frühmorgens die Sonne ihre ersten Strahlen in das Zimmer fallen ließ, bat die Mutter ihre Nachbarin, welche nach dem Kinde fragen kam, sie eine Weile am Krankenlager zu vertreten, damit sie inzwischen einen Priester hole. Und der Priester kam und taufte Moritz Huchs einzigen Sohn. Und seine Gattin . . . Anna Maria Huch hat das Leben ihres Kindes durch die Taufe nicht zu retten vermocht. Noch am selben Tage schloß Bubi seine Äuglein für immer und wurde als Christ unter Assistenz der Geistlichkeit zu Grabe getragen. Als Moritz einige Tage nach all diesen traurigen Ereignissen sein Haus aufsuchte, fiel seine Gattin vor ihm auf die Knie und erzählte ihm unter herzzerreißendem Schluchzen, wieso es kam. Auf seinem Gesichte malte sich das Entsetzen. Seine Augen wurden starr, sein Körper bewegungslos. Als er zu sich kam, stieß er in unsäglichem Zorn und tiefstem Jammer seine unglückliche Frau von sich und lief auf die Straße. Vor dem Hause seines alten Vaters blieb er stehen; er wollte hinein, doch unbekannte Leute versperrten die Tür vor ihm. Er bat um Einlaß, sie horchten nicht auf ihn. Wieder ging er auf die Straße; da hörte er eine Stimme: „Da ist er, dessentwillen sein alter Vater den Verstand verlor ..." Und nun fielen ihm die warnungsvollen Worte ,seines armen Vaters ein, und er begriff sein Schicksal und verstand, wieso es kam.

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