Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316425--53194-3346967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und ließ ihre Gestalt auf seine Sinne wirken. Sie war schön mit ihrem tizianisch-rötlichem Haar, das in dichten Locken hinter dem kleinen Hute hervorflutete. Er reichte ihr stumm die Hand, ergriff sodann ihren Arm und sie wandelten zwischen Bäumen. Nach einer Pause voll banger*Stille und lautlosen Ahnens blieb sie plötzlich vor ihm stehen und sprach: „Du mußt es wissen, auch wenn ich Dir nichts sage. Was ich Dir heute zu offenbaren habe, ist, daß es für uns nur zwei Wege gibt. Der eine vereinigt uns dauernd hier, der andere drüben. Die Entscheidung liegt in Deiner Hand ..." Er senkte den Blick und sagte tief seufzend: Wir Juden haben keinen Sinn für Selbstmord. Ich kann nicht von Dir lassen. Jetzt aber, da unser beider Leben in einander fließen soll, will ich eines wissen: Glaubst Du nicht, daß die Verschiedenheit der Abstammung einen Schatten auf unser künftiges Glück werfen könnte? Hast Du Dein Herz genügend geprüft, um Dir zu sagen, Du werdest fortan Deine Tage mit einem Manne teilen, der einer ganz andern Vergangenheit angehört als Du? Verstehe mich wohl, Anna, ich will dieses größte Opfer meines Lebens, meiner Überzeugung nicht einem Wahne bringen, der uns beide jetzt wohl umstrickt, später aber leicht, wie ein Nebel, reißen könnte, der einem schwachen Sonnenstrahl nicht stand zu halten vermag ..." Sie drückte, am ganzen Leibe zitternd, seine Hand: „Mich hat nicht die Lust nach Tand", sagte sie, „an Dich gefesselt, denn Du bist nicht reicher als ich, und ich weiß, wir beide werden in künftigen Tagen für unsere Erhaltung gemeinsam sorgen müssen. Ich bin weder einsam noch alt, und keine Furcht vor einer ungewissen Zukunft trieb mich in Deine Arme. Ich liebe Dich; Dich selbst, wie Du warst und bist, und nichts soll uns auseinander bringen. Die Verschiedenheit der Abstammung ist ein Unding wie Deine Befürchtungen, die ich nicht begreife. Ich habe mein Herz geprüft und kann Dir sagen, es gibt kein Leben ohne Dich." Und sie gingen schweigsam zwischen den hohen Pappeln, die den Weg zu beiden Seiten säumen. Der Abend war schwül, und aus nahe gelegenen Teichen stieg das Gequake der Frösche, das die Luft erfüllte. Ein Abendstern glänzte am Himmel, klein wie ein Punkt, schön wie ein Frauenauge. Und Moritz Huch, der einem neuen Leben entgegen ging, dachte im Geiste über die Worte nach, mit denen er seinem Vater von dem Vorgefallenen Mitteilung machen wollte. Und so kam es, daß Anna Maria Kloß Gattin Moritz Huchs geworden ist. Der Alte gab seine Zustimmung nicht, obwohl er von seinem Sohne abhängig war. Es gibt keine Vereinigung zwischen Jud und Christ, sagte er mit kräftiger Stimme. Er zitierte eine Stelle aus dem Talmud, die bei den Völkern seit Menschengedenken einen unbegründeten Haß zu den Juden voraussetzt, der im Herzen des Individuums schlummert und des leisen Anlasses harret, um wie ein Tiger zu erwachen. Moritz grollte dem Alten nicht. Er wollte seine Frau in die Lehren des Judentums einweihen und in die heiligen Bestrebungen der nationalen Jugend. Gab es denn der Beispiele wenig für Mischehen, die glücklich waren? Hat Moses, der erste Nationaljude, nicht eine Schwarze aus dem Lande Kusch heimgeführt? Und ließen sich in der letzten Zeit nicht Stimmen vernehmen, die für einen neuen Einschlag des Blutes sind, damit die Rasse nicht verkümmere? . . . Anna Maria Kloß ward Jüdin und erhielt den Namen der Erzmutter Sarah. Sie hatte wohl in ihrer Jugend ein schwärmerisches Gefühlsleben geführt, das sich auch in stillem, hingebungsvollem Gebet im halbdunkeln Dämmern der Kirchen äußerte. Als sie aber ins praktische Leben kam, erübrigte ihr für derlei Träumereien keine Zeit. Und sie riß innerlich vollends mit ihrem Glauben, als sie sich ihrer Liebe^ zu Moritz gewahr wurde. Sie mußte sich eingestehen, daß sie eigentlich nie fromm gewesen sei. Für das Wesen der Religion hatte sie sich nicht interessiert, die Ziele des Christentums wraren ihr unbekannt. Was ihr Herz in der Jugend zuweilen bewegte und sie in die Kirche drängte, waren jene visionären Legenden, die ihr von den Heiligen erzählt wurden und eine unfaßbare Poesie des Empfindens, die sie häufig ergriff. Dies alles war kein Hindernis, um äußerlich eine Religion zu wechseln, deren Ergründung ihr nie am Herzen lag, Überdies übten die Erzählungen Moritz Huchs von den jüngsten Strömungen seines Volkes auf Anna Maria eine faszinierende Wirkung. Palästina war überhaupt der Mittelpunkt ihrer Schwärmerei. Schon in ihrer zarten Jugend träumte sie von Golgatha und Betlehem. Oft sah sie sich in Stunden ihrer Mädcheneinsamkeit am Ufer des Jordans, wo einst der Gründer ihres früheren Glaubens das Kreuz trug. Sie hörte die Wasser des Siloah plätschern, die da langsam rinnen. Sie schaute den Saron mit seiner Rosenpracht. Jetzt stieß sie abermals auf alle diese Orte, die in Huchs Erzählungen immer wiederkehrten. Moritz Huch war mit seinem Lose zufrieden. Da sein Judentum kein formalistisches war, konnte seine Frau den wenigen Anforderungen, die er an sie stellte, nachkommen. Sie ging am Versöhnungstage mit ihm in den Tempel (dem Alten zuliebe) und feierte das Passahfest nach altem Brauch. Moritz Huch fühlte sich glücklich. Seine Stelle als Reisender in einem großen Warenhaus enthob ihn auch aller materiellen Sorgen. Sechs Jahre waren ins Land gezogen, ohne daß sie auch nur einen Schatten auf Huchs Eheglück warfen. Sein Leben floß an der Seite der Gattin und des Kindes, eines hübschen, pausbackigen Jungen, ruhig und friedlich dahin. Auch bei seinem Vater vollbrachte die Zeit, was der Überzeugung nicht gelungen war. Er litt es, daß ihm der Enkel jeden Samstag einen Besuch abstattete, um zunächst mit den auswendig gelernten Gebetssprüchen und schließlich mit seinen Fortschritten im Alef-Beth zu prunken. Als aber der Kleine anläßlich eines solchen samstägigen Besuches sich unversehens in das Händchen stach und den Schmerzensruf „Jesus Maria" tat, erhob sich der Alte entsetzt von seinem Sitze, ging in das zweite Zimmer und legte sich aufs Bett, wo er die Kissen mit Tränen übergoß. So oft der Junge an den folgenden Samstagen kam, konnte er den Großvater nicht sehen, weil er gerade schlief. „Moritz", sagte gelegentlich der Alte zu seinem Sohne, „es wäre schon hoch an der Zeit, daß du deine Anstellung aufgibst und dich um eine sässige Lebensweise umschaust. Es ist nicht gut, daß die Erziehung