Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 18 (18.5.1910)
- Date
- 1910-05-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Hasköj Im Vorherbst des Jahres 1908 herrschte in den Gassen des jüdischen Vorortes Hasköj eine lebhafte Bewegung. Die Wellen der politischen Revolution hatten in das jüdische Kommunalleben hineingeschlagen. Der Rabbi Mosche Halevy war seines hohen Amtes gewaltsam entthront, und heiß wogte der Kampf um seinen Nachfolger auf dem Patriarchensessel. Die Massen teilten sich in alt und neu, und rührige Kräfte waren an der Arbeit, dem „Jungen", „Modernen" den Weg zu bereiten. Bekannte und bis dahin noch ungekannte Völksmänner standen auf Tribünen, veranstalteten Redeschlachten; Wanderprediger pilgerten durch Gassen und Lokale; Massenenthusiasmus und Massenlärm wurden aufgetrieben; überschwengliche Versprechungen und wilde Drohungen überhitzten das Getümmel; Manifestationen und Umzüge verwandelten die Verkehrswege in Versammlungsmärkte, die Synagogen in demagogische Lager, bis endlich eines Tages das gewaltige Hügelfeld von Ökmeidan von zwahzigtausend Juden in einem Monstremeeting wimmelte. Er war der reine Frühlingssturm in die verschlummerten jüdischen Massen der Hauptstadt eingezogen. Und durch sein Brausen flog, es übertönend, der Name des neuen Mannes, der ausersehen war, ein Großer in Israel zu wenden: Chaim Nahum Effendi. An einem Sukkotf eiertage war es, daß Chaim Nahum im Triumphe durch die Straßen Hasköjs geleitet, getragen wurde, daß sein Bild auf goldenem Stuhle die Prozession vor Tausenden jüdischer Fenster machte. .... Am Sabbat vor dem Nahen des Pessachfestes, im Frühling des Jahres 1910, wurde dem Chachambaschi Chaim Nahum Effendi vor der Synagoge .von Hasköj eine feindselige Ovation bereitet. Massen jüdischer Bürger hatten sich zusammengeschart, um wilde Anklagen, Verwünschungen und Drohungen gegen das Oberhaupt auszustoßen. Ein Mitglied seines engsten Ratskörpers wurde körperlich gezüchtigt. Und in den breiten Schichten der Bevölkerung kein Wort des Bedauerns, ein mürrisches Schweigen, fast Schadenfreude .... Welch eine Wendung! Ihre psychologischen Grundlagen sind in vergangener Woche des breitern auseinandergesetzt worden. Rabbi Nahum ist das unschuldige Opfer seiner einstmaligen Helfer geworden. Sie hatten so viel für ihn versprochen, daß er Heroentaten - hätte vollführen und doch die erregten Appetite nicht hätte beschwichtigen können. Geschweige denn so, da er der Taten keine aufzuweisen hat, da er vor dem enttäuschten Volke stehen muß mit leeren Händen, ohne eine Spur von den Mitteln, die auch für die bescheidensten Bedürfnisse nur hingereicht hätten. Rabbi Nahum ist wahrlich nicht zu beneiden. Aber ganz ohne Schuld ist auch er selber nicht. Seine ganze Amtspolitik war von jeher darauf angelegt, die dekorative Seite seines hohen Amtes möglichst auszugestalten, das Würdenträgerhafte an seiner Stellung möglichst zu betonen. Er legte überwiegenden Wert auf gute Beziehungen zu den Großen des Reiches und strich sie bei allen Gelegenheiten ostentativ heraus. Kein Wunder, daß das urteilslose Volk überspannte Vorstellungen von seinem Einflüsse gewonnen und Dinge von ihm erwartete, die er ihnen aus den Sternen herabzuholen durchaus nicht in der Lage war. Und eben im entscheidenden Moment, da das Volk ihn brauchte und ihn gläubig um seine Intervention bei den Mächtigen anging, mußte er versagen. Da nahm man als bösen Willen, was doch nichts anderes als ganz begreifliche, aus den Umständen erwachsene politische Ohnmacht war. Die jüdischen Rekruten verlangten, daß er ihnen größere Erleichterungen für das Fest beim Kriegsminister erwirke, als dieser freiwillig zugestand, und er war ihnen das zu erwirken nicht imstande. Rabbi Nahum ist weich, Mahmud Schefket Pascha ist hart; kein Wunder also! Dieses Nichtkönnen aber nach den künstlich überspannten Erwartungen war seine Sünde. Die Wichtigkeit dieses betrüblichen Vorganges in Hasköj soll nicht übertrieben werden. Der Anlaß war geringfügig, der Zwischenfall war noch lange keine Revolution, und nachträglich scheinen die Gemüter einigermaßen beschwichtigt. Aber als Omen ist die Sache böse. Sie will relativ betrachtet werden. Achtzehn Monate nach der Verhimmelung nun dieser respektlose Angriff, — ein tiefes Sinken des Stimmungsbarometers! Und solche Respektlosigkeiten haben die Eigenheit, um sich zu fressen wie eine ansteckende Krankheit. Es ist nicht leicht, einer beginnenden Unpopularität Herr zu werden. Der Chachambaschi wird viel zu hm haben, um ihren Fortgang aufzuhalten und ihr erstes Auftauchen vergessen zu machen! Er ist nicht zu beneiden. Aber er hat noch sein Schicksal in seiner Hand. Ein vollkommener Systemwechsel kann' noch alles wenden. Nicht hinaufschauen zu den Großen müßte er, sondern hinunter zu den Kleinen und Schwachen. . Nicht, wie diese sagen, Samstags zu ihnen kommen (und auch das kaum einmal im Jahre), um ihnen einen schönen Sermon zu halten, sondern werktags und häufig, ,um nach ihrer Not zu schauen und ernst auf Abhilfe zu denken. Will er den Willen des Volkes für sich haben, so wird er sich in diesen Willen vertiefen müssen und ihn nach seiner besten Einsicht, veredelt natürlich, in allgemein förderlichen Schöpfungen und Exekutivakten zum Ausdruck bringen. Und nicht gleich einer Puppe in Händen sichtbarer und unsichtbarer Drahtzieher dem lebendigen Volke und seinem naiven jüdischen Empfinden völlig unverständliche Mißgriffe begehen, wie deren mit dem Verbot der Synagogen u. a. begangen wurden. Rabbi Nahum ist ein moderner, aufgeklärter Mann; es ist also nicht gut daran zu zweifeln, daß er die Einsicht und die Wandelfähigkeit in sich aufbringen wird, um vom falschen Weg, der ihn selbst zum Schaden führt auf den richtigen, ihm und seiner Nation ersprieslichen zu gelangen. Die Demonstration der Rekruten -» Der Großrabbiner hatte soeben seine Predigt in der Synagoge zu Hasköj beendigt, als ihm mitgeteilt wurde, die in der Synagoge anwesenden jüdischen Rekruten wünschten ihn zu sprechen. Zu gleicher Zeit etwa wurde Lärm auf dem Platze vor der Synagoge vernehmbar. Rabbi Nahutn ließ ihnen erwidern, daß er bereitwäre, sie später in dem Privathause, das ihn überSabbat beherbergte, anzuhören. Als der Gottesdienst vorüber war, begab sich der Großrabbiner mit seinen Begleitern, Mitgliedern des Mischlisch gschismari und. einigen geladenen Hasköjer Notabein in das Haus seines Gastgebers, des Advokaten Samanon. Die Volksmasse, die inzwischen stark angewachsen war, folgte ihm dahin, voran die Rekruten, etwa dreißig an der Zahl, und am Hause angelangt, schickten diese sich an mit einzutreten. Allein die Türen wurden vor ihnen geschlossen, was große Erregung unter den Soldaten und dem Volke hervorrief. Erst die Intervention des Herrn des Hauses, der die Rekruten zum Eintritte aufforderte, beruhigte ein wenig. Die mit dem obligaten Süßen und Kaffee empfangenen Rekruten delegierten nun einige Sprecher an den Chachambaschi ab, die sich darüber beschwerten, daß der Großrabbiner ihnen nur für die Haupt-, festtage Dienstfreiheit erwirkt habe, während doch Patriarch Joachim für die Griechen, deren Feiertage doch weniger streng rituellen Charakter trügen und kürzere Dauer hätten, eine volle Woche erlangt habe. Nahum erwiderte, er hätte sein möglichstes beim Kriegsminister getan, dieser habe aber größern Urlaub als die bereits bewilligten vier Tage entschieden verweigert; er könne nichts mehr in der Sache tun. Die Rekruten fanden diesen Bescheid unbefriedigend, und einer von ihnen gab diesem Empfinden Ausdruck. Das versetzte das mitanwesende Mitglied des Mischlisch Behor Effendi Cohen in solche Erregung, daß er den Soldaten eine laute Szene machte und verlangte, es solle Mahmud Schefket Mitteilung von den Vorgängen gemacht werden, um die Soldaten durch das Kriegsgericht bestrafen zu lassen. Und während die Unterhaltung zwischen Großrabbiner und Rekruten noch währte, verließ er das Haus, um nach „Kanuns" (Militärpolizisten) zu fahnden. Das brachte die ohnehin schon erregte Menge in äußerste Wut; Schmähungen gegen den Chachambaschi und den Mischlisch wurden ausgestoßen; eine Frau warf sich auf Behor Effendi Cohen und schlug ihn ins Gesicht, andere Personen aus der Menge, unter. Schreien: Er will unsere Brüder der Polizei überliefern!" folgten ihrem Beispiel und richteten den Unseligen übel zu. Nur schwer gelang es, ihn den Händen der Masse zu entreißen. Die Menge tobte und drohte fort gegen den Großrabbiner, bis sie von der Polizei auseinandergetrieben wurde. Die Soldaten verhielten sich indessen'ruhig und verließen ohne Lärm, aber unzufrieden und niedergeschlagen das Haus. Der Chachambaschi verblieb bis Sonntag früh in Hasköj und fuhr dann unbehelligt, aber auch ungeleitet, in die Stadt zurück. — Noch am letzten Freitag vor dem Fest begab sich eine große Zahl Rekruten auf das Großrabbinat um aufs neue Vorstellungen beim Chachambaschi zu erheben. Dieser konnte ihnen aber auch diesmal keinen tröstlichen Bescheid erteilen. Im Zusammenhang mit dieser unerquicklichen Affäre steht zweifellos der Besuch, den Rabbi Nahum am gleichen Freitag morgen dem ökumenischen Patriarchen abstattete und bei dem Fragen des Militärdienstes besprochen wurden. Es ist bekannt, mit welcher Energie und wahrhaft autoritativem Auftreten Patriarch Joachim jederzeit für die Interessen seiner Nation und Kirche wirkend ist. Sein Wort klingt den Großen des Reiches nicht immer angenehm, wiegt aber dafür um so schwerer bei ihren Entschlüssen.