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Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Der Stuhlrichter als Brandstifter « In ganz Ungarn wird jeht ein Vorfall besprochen, der beinahe einen zweiten Fall Oeköritö zur Folge gehabt hätte mit dein Unterschied jedoch, daß die vom Unglück Bedrohten fast ohne Ausnahme Juden waren. Die jüdische Schuldirektorin Boriska Tyroler, die in Trszteria (Oberungarn) eine Privatschule unterhält, hat cieser Tage eine Tanzunterhaltung veranstaltet, an welcher ungefähr dreihundert Personen, darunter über fünfzig unter zehn Jahren, teilgenommen haben. Der Tanzsaal war mit Azetylen beleuchtet, doch hat das Licht gegen Mitternacht versagt, so daß Kerzen angesteckt werden mußten. Da griff der anwesende Stuhlrichter Desider Meskö nach einer Kerze und drückte sie an die papierne Dekoration, welche sofort Feuer fing. Nach kaum einigen Minuten stand der ganze Saal in Feuer, es entstand eine schreckliche Panik, alles drängte nach dem einzigen Ausgange. Inzwischen war die Stimme des Stuhlrichters zu vernehmen, der laut ausrief: „Ich will heute noch in jüdischem Blute baden! Mit Rum hätte man die Juden begießen sollen,damit sie besser brennen mögen!" Dank der aufopfernden Arbeit und Geistesgegenwart zweier jüdischer Herren konnten die Besucher des Festes noch rechtzeitig gerettet werden. Gegen den Stuhlrichter ist die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet worden. Auch dieser Fall beweist schon," daß die Juden von der neuen Regierung nicht viel zu hoffen haben, denn wie vielleicht in keinem andern Lande richten sich hierzulande die Beamten nach der jeweiligen Auffassung der Regierung. ' Ein anderer, wenn auch weit wenig krasserer Vorfall ist ein Beleg hierfür. Der Obergespan des Komitates Zeinplen veranstaltete dieser Tage einen offiziellen Ball, den sog. Komitatsball, zu welchem jedoch kein Jude eingeladen wurde, obwohl der Bürgermeister der Residenzstadt des Komitates ein Jude ist. Nicht genug, das erste Lied, welches am Ball auf Geheiß aufgespielt wurde, war«: „Zsidö, zsidö, hep, hep, hep . . ." In jüdischen Kreisen herrscht allgemeine Aufregung über dieses skandalöse Vorkommnis, welches die Lage der Juden in Ungarn in keinem besonders guten Lichte erscheinen läßt. Rußland Die Kiewer Vorgänge. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Kiew ein Telegramm vom 29. April, nachmittags 2 Uhr, in dem mitgeteilt wird, daß die für den 28. April festgesetzten Ausweisungen von 1200 jüdischen Familien aus Kiew am 28. April nicht stattgefunden haben. Die Ausweisungen sind vorläufig aufgeschoben worden und zu geringem Teil aufgehoben. Nichtsdestoweniger ist die Panik unter den betroffenen Juden in Kiew, da ihr Schicksal nach wie vor ungewiß bleibt, sehr groß. Eine Intervention Englands? Der „N. J. K." wird aus London von ihrem dortigen Berichterstatter gemeldet: Mr. D. L. Alexander, K. C, als Vertreter des Board of Deputies, und Mr. Karl Stettau er L. C. C, als Vertreter der Anglo Jewish Association (Mr. Montefiore war durch Krankheit verhindert, die Körperschaft, deren Präsident er ist, persönlich zu vertreten), sprachen diese Woche beim Minister des Auswärtigen vor und ersuchten ihn, sich bei der russischen Regierung zu verwenden, um die bevorstehenden Ausweisungen der Juden aus Kiew rückgängig zu machen. Das Foreign Office soll die Herren sehr freundlich empfangen und seine tief empfundene Sympathie mit den 1500 unglücklichen Familien in Kiew ausgedrückt haben. Es soll sich auch, wie ich erfahre, diesbezüglich an den englischen Botschafter in St. Petersburg gewendet haben. Man erwartet hier ein sehr günstiges Resultat dieser ~ Verwendung, die sehr würdig und energisch gewesen sein soll. Ein jüdisches Städtchen durch Feuer vernichtet Das russisch-jüdische Städtchen Schad, Gouv. Kowno, ist durch eine von fanatischen Bauern angelegte Feuersbrunst völlig vernichtet worden. Mehrere Hundert jüdische Familien sind brot- und obdachlos. Das fortschrittliche Polen und die Juden { Die Judenfrage läßt seit einiger Zeit die liberalen und fortschrittlichen Schichten der polnischen Gesellschaft nicht schlafen. Während die große Masse der reaktionären, konservativen, nationalistischen und volksdemokratischen Kreise diese Frage schon längst in ihrer Weise gelöst hat, indem sie den Kampf gegen das Judentum auf der ganzen Linie proklamierte und eröffnete, können die „progressiven" Polen mit der unglückseligen Frage keineswegs fertig werden. — In letzter Zeit wurde eigens eine Organisation gegründet („Gesellschaft der Friedensfreunde" genannt), die sich zur Aufgabe gestellt hat, einen „modus vivendi" für die beiden Nationalitäten zu finden. Am 3. April fand eine Versammlung des polnischen progressiven Verbandes statt, auf der Dr. Po Jak über die Ergebnisse der eingehenden Beratungen der vorangegangenen fünfzehn Vorstandssitzungen zusammenfassend referierte. An dieses Referat schloß. sich eine sehr lebhafte Diskussion an, in der sich namentlich die Polen mosaischen Glaubens durch Speichelleckerei und moralische Rückgratlosigkeit auszeichneten. Schließlich wurde eine Reihe von Resolutionen angenommen. Aus Anlaß dieser Beschlüsse faßte das Organ der polnischen Progressisten „Kurier Poranny" den gegenwärtigen Stand der Judenfrage in folgende Worte zusammen: „Die Progressisten faßten den Entschluß, unser nationales Gut gegen den neuen innern Ansturm, wie er in der Entwicklung des jüdischen Nationalismus gegeben ist, zu verteidigen. Diese Verteidigung soll mit solchen kulturellen Mitteln geführt werden, die geeignet erscheinen, den neuen Feind nicht so sehr zu entwaffnen, als ihn vielmehr eines Bessern zu belehren, ihn unserm nationalen Organismus einzuverleiben und ihn so dahin zu bringen, daß er Vernunft annimmt und sein eignes Interesse begreift." Dabei heißt es aber weiter: „Das Gemisch russischer Kultur, deutscher Sprache, talmudistischen Aberglaubens und zionistischer Losungen kann bei uns keineswegs als besonderes gleichberechtigtes Volk gelten, das sich zugleich mit uns in polnischem Lande niedergelassen hat." Die Kundgebung der polnischen Progressisten veranlagte die jüdische öffentliche Meinung nun ihrerseits, zu dieser Kundgebung Stellung zu nehmen. Die Warschauer jüdischen Zeitungen brachten an leitender Stelle folgende Erklärung: Die Vertreter verschiedener jüdischer Gruppen (aus begreiflichen Gründen mußten die Zeitungen unter den obwaltenden äußern Bedingungen davon absehen, diese Gruppen näher zu bezeichnen), in Gegenwart der Vertreter der jüdischen Presse, behandelten die Deklaration des „polnischen progressiven Verbandes" bezüglich der Juden in Polen und nahmen folgende Resolution an: 1. Wir protestieren auf das entschiedenste gegen die an die Adresse gewisser jüdischer Gruppen gerichtete Anschuldigung, als ob sie in irgendwelcher Beziehung sich dem polnischen Volke gegenüber feindlich verhielten. Solche Gruppen gibt es nicht. Jeder ehrlich denkende Nationaljude hat Interesse an der Entwicklung und dem Gedeihen Polensund der polnischen Kultur und wird nie gegen die Interessen des polnischen Volkes auftreten. 2. Der jüdische Nationalismus ist vor allem ein kultureller. Nur im jüdischen Nationalismus, auf der Basis der jüdischen Sprache erblicken wir die Möglichkeit der Entwicklung der jüdischen Masse, wie auch die Gewähr für die Erhaltung der Grundlagen unseres alten Stammes. 3. Der jüdische Nationalismus verfolgt keine agressiven Tendenzen; alles Gerede von einer Bemächtigung des polnischen Landes und einer Aufteilung desselben unter zwei Völkern ist nichts als Verleumdung. 4. Wir sind überzeugt, daß nur die Anerkennung der bürgerlichen und nationalkulturellen Rechte des jüdischen Volkes die polnischen Juden zu aufrichtigen Mitarbeitern an der friedlichen Entwicklung und am Gedeihen Polens machen kann. 5. Wir glauben an die Lebenskräfte des jüdischen Volkes,. das im Laufe seiner vielhundertjährigen Geschichte so vieles erlebt hat, daß nichts es zu beirren und den natürlichen Gang der friedlichen selbsterhaltenden nationalen Entwicklung zu verhindern vermöchte. Die Verleumdungen der jüdischen Religion In der letzten Sitzung der Rabbinerkonferenz wurde der Antrag eingebracht, gegen Markows Verleumdungen, daß der Schulschan-aruch den Juden verbiete, kranken Christen ärztlichen Beistand zu leisten, Stellung zu nehmen. Der Vertreter des Ministeriums des Innern Platonikow erklärte aber, er könne ohne besondere Erlaubnis diese Frage zur Erörterung nicht zulassen. Er begab sich nun sofort zum Direktor'des Departements für fremde Kulte, Charusin. Dieser setzte sich telephonisch mit Stolypin in Verbindung. Stolypin verbot die Behandlungdieser Frage; andernfalls werde er die Konferenz schließen.

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