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Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nö. 18 D l£ 3^EE LT 403 Verantwortlichkeit des Jüdischen Klubs ist ein schwankender Begriff, solange kein Reichsparteitag zusammentritt, um den Bericht seines Reichsratsklubs entgegenzunehmen, oder um ihm Direktiven zu erteilen. Die jüdischen Abgeordneten habe« bis zu dem galizischen Zionistentag den parlamentarischen Bericht erstattet. Allein sie sind nicht bloß Vertreter der Nationaljuden Oaliziens, sie fühlen sich selbst als die Anwälte und Abgeordneten der jüdischen Gesamtheit. Eine Reichsorganisation und ein Reichsparteitag der Jüdischnationalen Österreichs würde den Klub mit allen seinen Anhängern in direkte Verbindung bringen. — Der Vorschlag des Wiener Nationalvereins ist aber nicht nur eine organisatorische Maßnahme ist ein Erfordernis der Taktik. Der Gedanke der Zusammenfassung des jüdischen ,Bürgertums Österreichs zu einer Reichsorganisation und ein; Postulat, ein Grundsatz des nationaljüdischen Programms, Die Jüdische Nationalpartei setzte sich für diesen Zusammenschluß am Jüdischen Gemeindetag ein, auch die Anerkennung der Juden als Nation» die nationale Gleichberechtigung sind Forderungen, die eine einheitliche Organisation des österreichischen Judentums voraussetzen. Kurz, eine Partei, die die nationale Autonomie für die Juden Österreichs verlangt, kann nicht auf die Dauer innerhalb ihrer eigenen Organisation eine Art Länderautonomie etablieren, Wenn schließlich die Einigung der Jüdischnationalen West- und Ostösterreichs dazu beitragen würde, die Vereinigung der zionistischen Landesorganisationen beider Staatshälften herbeizuführen, so wäre es noch ein Grund, um dem Jüdischen Nationalverein in Wien die Erzielung einer Vereinbarung mit den Jüdischnatiönalen Galiziens und der Bukowina zu wünschen. Die Mitglieder des Jüdischen Klubs haben dem Autrag des Wiener Vereinsvorstands ihre Zustimmung bereits erteilt. Jüdische Künstler auf Reisen Die gefeierte Primadonna unserer Hofoper, Frl. Selma Kurz, sehnt sich auch nach russischen Lorbeeren. Um nach Rußland zu gelangen, muß man ein Paßvisum erhalten. Nun ist aber Frl. Kurz eine mährische Jüdin, vertritt keine Handelsfirma, begibt sich nach dem gebenedeiten Lande nicht im Auftrage des Grafen Aehrenthal, gehört also weder dem Verein reisender Kaufleute, noch dem geschäftiger Diplomaten an, der Aufenthalt in Rußland wurde ihr wie jedem andern Juden versagt, das Visum verweigert. Erst nach langem Bemühen wurde ihr die Ehre zuteil, in das Land der Pogrome eingelassen zu werden. Die erste Bekanntschaft der großen Künstlerin mit dem russischen Geist sollte sie eigentlich darüber belehrt haben, wen sie drüben mit ihrer Kunst erfreute. Petersburger „Gardeoffiziere", Moskauer „Kaufmannssöhnchen" und die Teilnehmer des Adelskongresses werden sich die erstaunliche Gesangkunst der österreischen Jüdin gefallen lassen. Die Ehre ist zweifelhaft, und Frl. Kurz wird es kaum wohltun, von Würdenträgern und Adeligen umjubelt zu werden, die sie von Rechts wegen binnen 24 Stunden, ausweisen könnten, und die in der Duma das Prügeln und Töten von Juden als eine erlaubte Handlung proklamieren. Es wäre besser, wenn Selma Kurz, keine Anstrengungen gemacht hätte, die Verweigerung des Paßvisums rückgängig zu machen und die Konzession der russischen Behörden an die öffentliche Meinung Europas und an den Weltruf der großen Sängerin, — dieses großmütige Verzeihen* ihres Judentums, stolz zurückgewiesen hätte. Volksbewußtsein und StairtmesbeWußtsein Über das von Dr. Oppenheimer angeschnittene „Thema eröffnete am 14. d. M. Herr Dr. Coralnik die Diskussion im Freien zionistischen Seminar. Der Referent führte beiläufig aus: v Merkwürdig an dem Aufsatz Franz Oppenheirners sind nicht die bemoosten Wahrheiten, die er ausspricht, sondern der aufgeregte Empfang. Ein Jahrzehnt vor Oppenheimer haben Achad-Haam, dann in noch schärferer Weise Dr. Natan Birnbaum und diejenigen, die sich jetzt am meisten aufregen, die Östjuden als Volljuden, die des Westens als ein Anhängsel national nicht Vollwertiger hingestellt. Nun soll es ein Verbrechen sein, daß Oppenheimer ein ehrliches persönliches Bekenntnis abgelegt hat. Diese Rückhaltlosigkeit ist aber der Hauptwert des Artikels. Wissenschaftlich vertritt hier Oppenheimer den von ihm selbst verworfenen Rassen- und Stammesstandpunkt! Es ist aber unmöglich, von einem Stammesbewußtsein zu sprechen, höchstens von einem Gefühl. Das Bewußtsein enthält zugleich Willensmomente, muß Aktionen auslösen können. Das Stammesgefühl war und ist nie ein Willensfaktor, das Handeln des von Oppenheimer selbst angeführten Franzosenstämmlings du Vernois ist nicht französisch, sondern preußisch. Bestimmend für menschliches Tun ist nicht die Zugehörigkeit zu hinein Stamm oder zu einer Rasse,., es gibt kein germanisches sowie kein arisches oder semitisches Bewußtsein. Es besteht ein tiefer Unterschied zwischen Ost- und Westjuden, teilweise unter dem Einfluß der umgebenden Kulturen, der östjude sucht und sehnt sich, der Westjude denkt und handelt. Das Ostjudentum kann Stimmungen schaffen, das Westjudentum ist mehr befähigt, planmäßig und leitend vorzugehen. Trotzdem gibt es eine gemeinsame psychische und Kulturlinie. Die Westjuden, auch die assimilierten, wie zum Beispiel ein Claude Montefiore, suchen neue Werte im Judentum, wollen schöpferisch sein. Deshalb ist die Theorie von den zwei „Bewußtseinen" unrichtig. In der Diskussion wandte sich Dr. Otto Abeles gegen die Behauptung, daß der Zionismus den Westjuden nichts gebe, die Juden des Westens die selbstlosen Retter des Judentums seien. Die Westjuden haben alle Bitterkeit der Einsamkeit des geistigen Alleinseins ausgekostet, der Zionismus hat ihnen unendlich viel gegeben, — den ruhigen Hafen nach endlosen Irrfahrten inmitten der Fremde. Die Not der Westjuden ist nicht weniger groß als die des Ostjudentums. Im Gegensatz dazu vertrat Herr Peller die Meinung, daß die Westjuden tatsächlich wirtschaftlich und geistig assimiliert sind. Er verwirft mit Dr. Coralnik das Oppenheimersche Stammesbewußtsein, kann aber in der gemeinsamen „Kulturlinie" nichts Reales erblicken. Herr Peiler betrachtet daher das Westjudentum als der Auflösung geweiht, der Zionismus ist ihm nur eine Bewegung der Ostjuden. Brief aus Ungarn (Von unserrn Berichterstatter.) Wahlbilder Das jüdische Selbstbewußtsein, das unsere konfessionsgenossenschaftlichen Volksvertreter sonst immer in der tiefsten Tiefe ihres magyarischen Herzens verschlossen hielten, wagt sich jetzt mit einer besondern Arroganz ans helle Tageslicht hervor. Leute, die sonst immer auf ihr unverfälschtes Magyarentum pochten, legen mit großem Eifer die Wurzeln ihres semitischen Stammbaums bloß. Unsere heiß erworbenen jüdischen Wähler hatten bis jetzt keine Ahnung von der großen, himmelstürmenden Liebe, die die gewesenen Abgeordneten und nunmehrigen Wahlkandidaten für sie empfinden. Alle, die sonst, wenn Judenfragen aufs Tapet gezerrt und gegen jüdische Interessen Todesstreiche geführt werden, wie eine Taubstummenanstalt schwiegen und sich niemals zu erkennen gaben, machten, im jüngsten Wahlkampf, der ihre zerfetzten Wracks hinwegzuschwemmen droht, von der jüdischen Fahne Gebrauch. Die jüdische Solidarität, die die Herren sonst immer verleugnet haben, wird als höchste Tugend gepriesen, und das goluskranke jüdische Rachmonus soll die baldgetauften Mandatjäger in den Sattel heben. Und leider sind die Petö, Brodi, Baxta, Babocsay, e tutti quanti, die „geborenen Demokraten", ihres Wahlsieges über die jüdische Logik gewiß. An einzelnen Orten macht sich allerdings eine Gegenströmung fühlbar, und es tritt das Bestreben hervor, die jüdischen Wahlstimmen nicht jedem Phrasendrescher an den Karren zu binden. Der Präses des orthodoxen Gemeindebeamtenverbandes hat für den Bezirk Vi so bei Sziget die Unterstützung der Regierung erbeten. Wird Karl Freudinger von der ausschlaggebenden Zahl der dortigen Chassidim unterstützt, hat das jüdische Sziget den Mut, gegen den rohen Terror der Wallachen und Ruthenen bei der jüdischen Fahne auszuhalten, dann ist seine Wahl gesichert, und der erste ausgesprochene Vertreter jüdischer Interessen hält seinen Einzug ins Parlament. Die allgemeine Aussichtslosigkeit der Geltendmachung rein jüdischer Interessen hat unsern Gesinnungsgenossen Samuel Bettelheim veranlaßt, die Idee der Organisation eines „Jüdischen Bürg er Vereins" zu propagieren. Bei der Anfang Juni stattfindenden Abgeordneten wähl kann die jüngste Organisation aus Mangel an Zeit nicht mehr in Betracht kommen, oder höchstens bei den Stichwahlen, wo die Entscheidung von den gesammelten Reservetruppen abhängt, allein die nächste Wahlperiode wird die jüdische Bürgerschaft sicherlich nicht unvorbereitet treffen. Die verschobene Palästinareise Unter dem Einfluß der Wahlen wird, wie es den Anschein hat, auch die großzügig geplante „Erez-Jisroel-Reise" unserer offiziellen Orthodoxie leiden. Von der Neugestaltung des künftigen Parlaments hängt die weitereExistenz der „zwei jüdischen Konfessionen" ab. Der orthodoxe Steuermann muß also an Bord bleiben, und keiner von der Mannschaft darf fehlen. Der Ausflug nach Palästina, der wie vor achtzehn Jahren, bereits in allen Einzelheiten vorbereitet war, wird — so heißt es allgemein — wieder bis auf weiteres unterbleiben.

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