Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 18 (18.5.1910)
- Date
- 1910-05-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316424--53179-3346951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hamburg. In der hiesigen Zionistischen Qrtsgruppe sprach am 21. April Herr Dr. Max Schlössinger über den „ Zio n ismus in Amerika" und gab nach einem interessanten Überblick über die Vorgeschichte des Zionismus in den Vereinigten; Staaten (Mordechai Manuel Noah, Pittsburger Konferenz mit ihrer Resolution „Washington ist unser Zion") eine lebhafte Schilderung der amerikanischen jüdischen Organisationen: des amerikanische Jewish Committee, das in der Hauptsache die Tendenz der Abwehr des Antisemitismus befolgt und die Verbindung mit den europäischen jüdischen Organisationen aufrecht erhält, und der New-Yorker K e h i 11 a, die sich im wesentlichen mit der Pflege kultureller Gemeindeangelegenheiten beschäftigt. Er ging dann im einzelnen auf die zionistischen Organisationen ein, die sich gliedern: in die Federation of American Zionists mit 13000, die Poale Zion mit 1500 und den Order Knights of Zion mit 3900 Schekelzahlern, und nahm Stellung gegen die Gründung der letztgenannten Föderation, weil diese, ohne ein besonderes Programm aufzuweisen, nur geeignet sei, die zionistischen Kräfte in Amerika zu zersplittern. In die eigentliche amerikanisch-jüdische Gesellschaft hat der Zionismus noch keinen Eingang gefunden; ihm hängen hauptsächlich die eingewanderten russischen, galizischen und rumänischen Juden an, obzwar wohl nicht im staatlichen, wohl aber im gesellschaftlichen Leben des Landes derselbe Antisemitismus besteht wie bei uns. Für Palästina ist Geld und Sympathie zu haben, wie die Gründung des Technikums in Haifa und die Mission des Agronomen Aaronsohn beweisen. Jede nationale jüdische Betätigung aber lehnt die große Masse der amerikanischen Juden noch ab. Eine lebhafte Diskussion gab*Herrn Dr. Schlössinger Gelegenheit, das interessante Bild zionistischen Lebens in Amerika noch zu erweitern und zu vertiefen. Im Anschluß daran brachte ein Mitglied der Ortsgruppe eine Hamburger Gemeinde-Angelegenheit, die in den weitesten Kreisen großes Aufsehen erregt hat, zur Sprache. Für die durch den Tod des Herrn Moritz War bürg freigewordene Stelle im Gemeindevorstand hatte das Repräsentantenkollegium den verdienstvollen, seit vielen Jahren im Gemeindeleben tätigen Vorsitzenden des Synagogen Verbandes, Herrn Dr. B. Levy, vorgeschlagen. Der zweite Vorsitzende des Genieindevorstands, Herr Alfred Levy bekämpfte diese Kandidatur mit der Begründung, daß Herr Dr. B. Levy den IX. Zionistenkongreß im Auftrag des Synagogenverbandes offiziell begrüßt habe, und erklärte, im Fall der Wahl des Herrn Dr. B. Levy sein Amt im Vorstand niederlegen zu wollen, worauf das Gemeindekollegium Herrn Aby S. War bürg zum Vorsteher wählte. Die Debatte über diesen Vorgang führte zu dem Beschluß, innerhalb der Ortsgruppe eine Kommission zu bilden, die die Aufgabe hat, sich mit der Hamburger Gemeindepolitik zu beschäftigen, und schließlich zu der Annahme folgender Resolution: „Die Versammlung verurteilt aufs schärfste das Vorgehen der Gemeindekollegien bei der letzten Wahl eines Gemeindevorstehers." Köln. Am 27. April fand in Köln eine von einem vorbereitenden Komitee zur Gründung einer Ortsgruppe des Misrachi einberufene Versammlung statt. Vor einem zahlreich erschienenen Publikum referierte Herr Rabbiner Dr. W. Levy-Charlottenburg über den Zionismus und die Stellung des Misrachi innerhalb der zionistischen Bewegung. Den sachlichen, klaren und überzeugenden Ausführungen des Referenten trat in der angeregten Diskussion, die dem Vortrage folgte, nur der Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde „Adass Jeschurun", Herr Dr. Carlebach, entgegen, indem er die alten Einwände eines Teiles der Orthodoxie geltend machte und zu dem Schlüsse kam, daß der Zionismus zwar ganz gut für die äußersten Assimilationsjuden, aber eine Gefahr für die „guten" Juden sei. Trotzdem erklärten ca. 20 Herren und Damen ihren Beitritt zu der neuen Misrachigruppe. Kempen (Posen.) In einer von der Charitasloge und dem jüdischen Literatur verein gemeinsam veranstalteten Versammlung hielt am Sonntag den 17. April Dr. Heinrich Loewe aus Berlin einen Vortrag über die Sprachen der Juden, in dem er die historischen Sprachwandlungen der Juden im Heimatlande und in den Ländern der Zerstreuung mit reichem Material durchging und das Verhältnis der verschiedenen jüdischen Volkssprachen und Dialekte zur nationalen hebräischen Sprache erörterte. Unter Würdigung des bedingten Wertes der adoptierten Goluth-Sprachen zeigte der Redner sodann das gewaltige Aufblühen des Hebräischen besonders in jüngster Zeit, das zu allen Zeiten die Bedeutung der zentralen nationalen Sprache behalten hat. Die wachsende Volkssprache im Lande Israel und die von der Berliner hebräischen Konferenz geschaffene hebräische Organisation zeigen, daß das Volk auch auf kulturellem Gebiet seinen Fortschritt dort findet, wo es an die ältesten Geschicke und die ersten Taten der jüdischen Nation lebendig wieder anknöpft. Der lebhafte Beifall bewies, daß der Redner in den Herzen der Hörer verwandte Töne angeschlagen hatte und daß die Versammlung sich in voller Sympathie zu diesen Ausführungen befand. Messingwerk. Der Jüdische Literaturverein und die zionistische Ortsgruppe von Eberswalde veranstalteten Sonntag den 17. April einen gemeinsamen Vortragsabend im Messingwerk. Herr Alexander Friedmann schilderte die Entstehung und den Werdegang des jüdischen Volksliedes. Treffliche Illustrationen zu seinen Worten gab uns Herr Fried mann durch den Vortrag einiger Jargonlieder. Es war eine glückliche Zusammenstellung des Programmas, den Volksliedern, die zum.Teil Jahrhunderte überdauert haben, die Rezitation jungjüdischer Gedichte folgen ztt lassen. Fräulein Schwarz aus Eberswalde verstand es meisterhaft, uns die tiefe Poesie dieser Dichtungen nahezubringen. Sämtliche Vortragenden fanden für ihre Darbietungen volle Aufmerksamkeit und reichen Beifall bei der zahlreichen Zuhörerschaft. Die Monatsschrift „Palästina" Das zionistische Zentralkomitee für Westösterreich hat vom bisherigen Herausgeber, Gg. Dr. Felix Teilhaber, München, die Zeitschrift „Palästina" erworben. Unter Mitwirkung des Gg. Dr. Teilhaber wird Gg. Dr. Ernst Müller (bisher Jaffa) im Verein mit dem Zentralkomitee und dessen Präsidenten, Gg. Adolf Böhm, die Redaktion im Einvernehmen mit Palästinaressort und -amt führen. Anfangs Juni erscheint bereits unter der neuen Redaktion das Doppelheft Juni-Juli, welches als Pröpagandanummer versendet wird. Dieses Heft wird nebst dem ersten Teil eines ungemein lebendig geschriebenen „Reiseberichtes aus Palästina" von Dr. Alex Hausmann, Lemberg, Palästinareferenten des galizischen Zentralkomitees, u. a. enthalten: „Zeugen wider Palästina" von Dr. A. Sandler, „Die Siedlungsgenossenschaft" von A. Böhm mit Brief Franz Oppenheimers, „Das Kulturproblem Palästinas" von Dr. Ernst Müller, ein interessantes Projekt zur Gründung von Pflanzungskolonien von M. Grünberg, Jaffa, sowie Mitteilungen über Palästinareisen, Palästinainformationsbureaus, Zeitungsschau usw. Der Preis der Monatsschrift — pro Jahr 2.50 Mk. für Deutschland, 3 Kr. für Österreich, Ausland 4 Frs. (Luxusausgabe das Doppelte) — ist so niedrig, daß jeder Zionist in der Lage ist, sie zu abonnieren. — Adresse für Zuschriften, Geld, Sendungen usw.: „Palästina", Wien IX, Türkenstraße 9. Brief aus Österreich (Von unserm Berichterstatter) Parteitag der Jüdischen Nationalpartei Der Jüdische Nationalverein in Wien, die politische Organisation der Zionisten Westösterreichs, unterhandelte mit den Jüdischnationalen Galiziens und der Bukowina, sowie mit dem Jüdischpolitischen Verein in Prag über. die Einberufung eines gesamtösterreichischen Parteitages der Jüdischen Nationalpartei, der am 15. und 16. Mai in Krakau tagen wird. Sollten seine Verhandlungen zu einem günstigem Ergebnis führen als vor zwei Jahren, so würde die geplante Tagung die konstituerende der Jüdischnationalen Österreichs sein. Der erste gesamtösterreichische Delegiertentag in Krakau im Jahre 1906 hat die Gründung einer Jüdischen Reichspartei Österreichs beschlossen und leitende programmatische Grundsätze aufgestellt. Allein die geplante Organisation ist nicht zustande gekommen. Sie zerfiel, noch ehe sie zur Tatsache geworden, in eine westösterreichische Organisation — den genannten Jüdischen Nationalverein in Wien, — in die Jüdischnationale (bzw. Zionistische) Partei Giliziens und in die des Landes Bukowina. Die neue Partei erhielt statt einer einheitlichen Leitung drei Zentralen zugleich, — in Wien, Lemberg und Czernowitz. Ein Gesamtparteitag wurde -nicht mehr einberufen. Die parlamentarische Vertretung der Jüdischen Nationalpartei, der JiidischeReichsratsklub, bekommt Direktiven von drei Delegiertenkonferenzen und hat sich nach den Wünschen und Beschlüssen der Vertreter von drei unabhängigen Landesparteien zu richten. Bedenkt man, daß jede der drei Zentralen lokalen Einflüssen und Wirkungen des eigenartigen Milieus und der besondern Landesverhältnisse in hohem Maße zugänglich sein muß, wird man begreifen, daß der Jüdische Nationalverein in Wien, der mit dem Zentralkomitee der Jüdischnationalen Galiziens durch gemeinsame Vorstandsmitglieder verknüpft ist, an dem Gedanken der Zusammenfassung zu einer Reichsparte'i zäh festhält. Es* sind, wie bereits angedeutet, vor allem die Bedürfnisse der parlamentarischen Taktik, die diese Vereinheitlichung notwendig erscheinen lassen. Und nicht nur dies allein. Auch die