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Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. l'§ ~:—--- - . - : DIE^ " Qablohz. Sonntag den 17. April fand im großen Saale des Hotel Geling eine außerordentlich zahlreich besuchte Versammlung der hiesigen jüdischen Bürgerschaft statt. Nachdem der Obmann des einberufenden Vereins »Theodor Herzl«, Exporteur Hoytasch, in schwungvoller Ansprache die Erschienenen^begrüßt \ hatte, ergriff Herr Dr. Felix Theilhaber aus München' das Wort zu einem Vorträge über „Die Utopien des Zionismus". In fesselnder und zugleich streng sachlicher Weise berichtete Redner über die intensive, stetig fortschreitende praktische Arbeit der Zionisten in Palästina und bewies überzeugend an Hand der bisher gemachten Erfahrungen und der erzielten Erfolge die Eignung des Landes für die Aufnahme großer Volksmassen. Mit einem Appell an die Versammelten, unbeirrt um alle gehässigen Anwürfe der Gegner mitzuarbeiten an der einzig möglichen Lösung des zweitausendjährigen Problems der Judenfrage, schloß der Vortragende seine glänzenden, mit jubelndem Beifall aufgenommenen Ausführungen. Anknüpfend an die Zeitungsmeldungen der letzten Wochen, verwies der nächste Redner, Herr Fleischer, auf die drohende Gefahr eines neuerlichen Aufflammens des wildesten, ungezügeltesten Judenhasses in Rußland und warnte unter lebhaftem Beifall der Versammlung vor weiterem passivem Verhalten gegenüber den authentischen Nachrichten von Massenausweisungen jüdischer Familien aus den Städten Südrußlands und vor bevorstehenden großen Pogromen. Die Versammlung akzeptierte schließlich einstimmig folgende Resolution: Die am 17. April 1910 im großen Saale des Hotel Geling tagende Versammlung der jüdischen Bürgerschaft von Gablonz gibt ihrer tiefgefühlten Entrüstung über das neuerliche Aufflammen des wildesten ungezügeltesten Judenhasses in Rußland Ausdruck. Sie fordert und erwartet von den jüdischen Weltorganisationen eine gemeinsame und großzügige, zielbewußte Abwehraktion gegen die vom russischen Adelskongreß angekündigten großen Pogrome und gegen die gänzlich ungerechtfertigten Ausweisungen tausender jüdischer Familien aus den Städten Südrußlands. Deutschland Erklärung Auf die Erklärung, die im Namen der neunzehn Opponenten Herr Trietsch in der „Welt" und Herr Feiwel in der „Rundschau" veröffentlichen, haben wir inhaltlich nichts zu erwidern, weil diese Erklärung keinerlei Berichtigung enthält. Nur den Vorwurf der Illoyalität müssen wif mit absoluter Entschiedenheit zurückweisen. Wenn keiner der Unterzeichner des bekannten Aufrufs die Veröffentlichung in der „Jüdischen Zeitung" veranlaßt oder gekannt hat, — was wir mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen, — so wäre es doppelt ihre Pflicht gewesen, den Artikelschreiber von sich abzuschütteln. Denn daß derselbe zur Mehrheit gehörte, wird doch niemand vermutet haben. Wir waren daher berechtigt, anzunehmen, daß die Erklärung der „Jüdischen Zeitung" aus den Kreisen der Opposition stammt, und daher auch berechtigt, in objektiver Weise die Tatsache richtig zu stellen. Im übrigen bestätigen wir, daß die Herren nur auf unser Drängen in die Resolutionskommission eingetreten sind, und daß die Mehrheit darauf verzichtet hat, ein Vertrauensvotum zu beschließen. Im Gefühl der Verantwortung lag uns eben am Frieden, selbst unter Opfern. Die Zahlenverhältnisse haben dies Verhalten wirklich nicht bestimmt. Das wird uns jeder loyal Gesinnte unbedingt bestätigen. Der Geschäftsführende Ausschuß des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Hantke. Berlin. Der Neue jüdische Gemeindeverein veranstaltete eine Versammlung, in der Herr Dr. Biram über „Wie erziehen wir unsere Kinder zum Judentum?" referierte. Die außerordentlich gut besuchte Versammlung, in der lebhaft über die von dem Referenten angeregten Fragen diskutiert wurde, — an der Diskussion beteiligten sich die Herren Wolf, Engländer, Dr. Ludwig Loewe und die Lehrer resp. Schulleiter der jüdischen Gemeinde, Flanter und Auerbach, — schloß damit, daß der Vorsitzende, Herr Dr. Klee, versprach, in einer demnächst einzuberufenden Versammlung über dieselbe Frage weiter diskutieren zu lassen. Der Gemeindeverein gewann eine Reihe von Mitgliedern. Interessant waren einzelne Feststellungen, zunächst die, daß die Berliner Gemeinde, wenn man ihre Seelenzahl mit 140000 annimmt und folgert, daß etwa 25000 schulpflichtige Kinder vorhanden sind, die Einrichtung des hebräischen Unterrichts nur für etwa 10—12000 Kinder geschaffen hat, so daß also, gering gerechnet, ca. 1000Ö jüdische Kinder Berlins aufwachsen die niemals, auch nur ein Wort hebräisch lernen. Der lediglich zweistündige Religionsunterricht in den Volksschulen wird bei einerdarnach geradezu erschreckend hohen Anzahl von Kindern in keiner Weise durch den hebräischen LT •- ■• ' -= 401 Unterricht ergänzt. Interessant war weiter, daß die Religionslehrer nicht fest angestellt, sondern nur auf kurzfristige Kündigung angenommen sind, —- weiter die Tatsache, daß selbst die Lehrerkreise mit den Ergebnissen des hebräischen Unterrichts, soweit derselbe erteilt wird, außerordentlich unzufrieden sind, ein Umstand, an dem nach Auffassung einiger Diskussionsredner wohl zum Teil das Eiternhaus, ebenso sehr aber auch die noch immer herrschende, längst veraltete Methode schuld ist. Daß ein Familienvater sich darüber beschweren mußte, daß man seinem Kinde den Kauf eines neuen Testaments anempfohlen hatte, sei nur nebenbei erwähnt. Wichtiger ist die Tatsache, daß alljährlich eine große Anzahl von Kindern, sowohl in der Mädchenwie in der Knabenschule der jüdischen Gemeinde wegen Mangels an Platz abgewiesen werden müssen, und die mit Recht deshalb von dem Herrn Schuldirigenten Auerbach vertretene Forderung der Schaffung neuer Knaben- und Mädchenschulen der Gemeinde, Am 16. April referierte Herr N. Sokolow in der Nationalkulturellen Vereinigung jüdischer Studenten über den Kongreß der Rabbiner und Vertreter der jüdischen Gemeinden in St. Petersburg. Der Referent gab zunächst einen historischen Überblick über die Institution der Rabbinerkommission, die in verschiedenen Zeiträumen in der russischen Residenz zusammentrat, bis sie zu ihrem gegenwärtigen Umfange einer „Rabbinerkonferenz" gelangt ist. Redner besprach dann die einzelnen Beratungsgegenstände und Beschlüsse des Rabbinerkongresses, wobei er besonders hervorhob, daß die Fleischsteuer gerade die ärmeren Volksschichten •> schwer belaste, von einzelnen willkürlich monopolisiert und außerdem von der Reg/erung zum Teil auch für nichtjüdische Zwecke, mitunter sogar zu Maßnahmen gegen die Juden (wie in Kiew zu Ausweisungen von wohnrechtslosen Juden), verwendet werde. In der allgemeinen Wertung des Rabbinerkotigresses kam dann der Referent .zu einem negativen Urteil. Zwar seien die zur Erörterung gelangten Fragen von allgemeiner religiös-gesellschaftlicher Bedeutung und sie erforderten eine befriedigende Lösung, doch sei die gegenwärtige politische Lage der russischen Judenheit nicht dazu geeignet. Diese befinde sich jetzt wie auf einem feuerspeienden Vulkan; täglich werden von der Regierung mit Zustimmung der Duma neue Beschränkungsverfügungen gegen die Juden erlassen. In dieser Situation müssen die politisch-gesellschaftlich irgendwie bedeutsamen Resolutionen des Kongresses ganz ergebnislos bleiben. Der ganze Kongreß sei unzeitgemäß. Eine besondere Gefahr liege darin, daß die Rabbiner nun eine Art „Regierungsbeamte" würden. Wer die hebräische, jargonische und russisch-jüdische Literatur des vorigen Jahrhunderts gelesen, der denke mit Abscheu an die jüdischen „Chaper", Pächter und Steuereintreiber jener Zeit. Wie konnte das russische Judentum solche Typen hervorbringen? Alle jene Personen waren aber Staatsbeamte und mußten den Anordnungen der Regierung Folge leisten. Es lasse sich die Befürchtung nicht von der Hand weisen, daß nun auch die Rabbiner einem solchen Los entgegengingen. Man gehe wohl in der Vermutung nicht fehl, daß die russische Regierung mit Hilfe der Rabbiner einen entscheidenden Einfluß auf das innere Leben der Juden zu erlangen strebe. Man habe im jüdischen Publikum große Hoffnungen auf den Kongreß gesetzt, was sich aus dem bekundeten Interesse an den voraufgegangenen Wahlen zeigte; es sei erwartet worden, daß die Vorsteher des Kongresses bei der Regierung für eine Erleichterung der allgemeinen jüdischen Lage in Rußland eintreten und wirken würden. Diese Erwartung sei aber unerfüllt geblieben. Redner bespricht das schwächliche Verhalten der Rabbinerdeputation bei Stolypin und meint, das Ergebnis des ganzen Kongresses sei gleich Null. Nur das eine Gute habe sie gehabt, daß die verschiedenen, entgegengesetzten Strömungen miteinander in Fühlung gekommen seien. Frankfurt a. Main. Am 19. April fand die Generalversammlung der hiesigen Zionistischen Ortsgruppe statt, in welcher Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild den Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr erstattete. Die Mitgliederzaftl beträgt 229. Die Einnahmen betrugen 993.07 Mk., die Ausgaben 666.03 Mk., sodaß ein Aktivsaldo von 327.04 Mk. verbleibt. Außerdem wurden an Schekelgeldern 248 Mk. und an Landesbeiträgen 171 Mk. abgeführt. Für die zionistischen Institute wurde reichlich gesammelt. Durch Vermittlung der Ortsgruppe gingen für den Nationalfonds ein 2451.24 Mk., darunter 134 Mk. für Ölbäume, 217 Mk. als Ergebnis einer Kindersammlung an Purim, 18.96 Mk. aus Büchsen. Ferner wurden 423 Mk. für die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft gesammelt. Die neue Arbeit wird jetzt einer würdigen Vorbereitung des demnächst hier stattfindenden Deutschen Delegiertentages gelten. Die Neuwahlen * ergaben folgendes Resultat: Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild, I. Vorsitzender; Fritz Sondheimer, II.Vorsitzender; Sally Geis,J.L. Goitein, Referendar Dr. Go111 ieb, J. H. Goldmann, A. Lewisohn, Josef L. Oppenheimer, Redakteur Dr. Steinmarder.

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