Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316424--53173-3346945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Und auf einmal einige Schritte iwriter Gafizien — eine gesunde, starke, stämmige, lachende und fluchende, derbe und herbe und immer lebensfrohe Judenschaft. Breite Schultern, starker Wuchs, eine breite, sonore, selbstsichere Stimme, die sich selbst gerne zuhört, — und über allem eine mächtige Lebenslust. Man ist einfach erstaunt: wahrhaftig, diese Leute lachen und spassen, reden so laut aus gesunder, mächtiger Brust, sind nicht bleich, nicht verfeinert, nicht angekränkelt. Und was ist das? Der da hat gar eine etwas ins Rötliche schimmernde Nase und der andere , einen starken, genußsüchtigen Mund. Alle Knochen rufen da: Wir sind kräftig, wir lieben das Leben, das einfache, unmittelbare, grobkörnige! Ihre Physis hat sich einen Spaß gemacht, — wenigstens ein bißchen diese unbarmherzige, nagende und quälende jüdische Seele verdrängt. Hat's getan und freut sich. Und wir, die Zuschauer, freuen uns mit. Ein bißchen Schadenfreude uns selbst gegenüber. In der altjüdischen Vorstellung lebt noch das orientalische Ideal des „Vollendeten" fort. Der höchste Typus des Menschen ist der Entsagende, der Asket. Es galt als eine Schande, rote Backen zu haben; es war ein Zeichen von seelischer Minderwertigkeit, aufrecht zu gehen, den Kopf auf den breiten Schultern gerade zu tragen; es war ein Zeichen von Geistlosigkeit, zu lachen und sich zu freuen. Sogar die Kleider* durften nicht ganz sein. Es galt unter den frommen Juden als vornehm, an den neuen, seidenen Kleidern einige Risse anzubringen. Es war, wenn man will, wirkliche Schönheit in diesem Entsagen, eine höhere Qeisteskultur, ein Raffinement des Aristokraten. Aber eine solche Verfeinerung wirkt sterilisierend. Die irrationellen, sinnlichen, groben Elemente des Lebens wurden ausgeschaltet. Alles wurde sublimiert. Aber dafür schwand auch die Freude am Dasein, die Unmittelbarkeit des Empfindens, die Kraft, die Materie zu beherrschen. Das Reservoir der unverbrauchten . Kraft blieben diese „Jischuwniks", diese Massen der Rustikaner im jüdischen Gewände. Wenn man die jüdischen Massen in den Städten beobachtet, muß man sich oft an den Kopf greifen. Für wen soll man da arbeiten? Wo sind die Bausteine zum neuen Gebäude, dessen Plan wirinder Phantasie entworfen? Diese trockenen Knochen, diese trockenen Seelen, werden sie auferstehen können? Kann man zu diesen Überklugen noch die einfachen Worte der großen Leidenschaft, des mächtigen Willens reden? Und wenn sie sie auch verstehen werden, wie lange werden sie in ihren Seelen nachzittern? Man glaubt, daß man zu Leidenden nur mit Worten der Ermutigung und Hoffnung kommen muß, um sie aufrichten zu können. Das genügt nicht Not bricht den Menschen. Noch mehr seelische Not. Daran leidet das Judentum, ... Auch der einfachste Jude in Rußland und Galizien fühlt eine Schwere in sich, ererbte und erworbene. Die Unruhe hat sich in ihm eingenistet. Er ist der nächsten Zukunft nicht sicher, er hat Rückhalt und Vertrauen verloren. Vor allem den innern Glauben an sich. Vor Jahren gab es noch in Rußland eine Schichte von Juden, die ruhig und selbstsicher in den Tag lebten, so bodenständig, so wurzelfest. Ich habe diese eichenstarken Männer nur mehr in vereinzelten Exemplaren gesehen, Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Sie waren verwachsen mit dem Boden ihrer Heimat. Und diese war gewöhnlich ein kleiner Weiler, ein winziges, weltverlorenes Städtchen in den würzigen Steppen der Ukraina oder Bessarabieiis, so sanft hingestreckt, so weich gebettet. Alles so weit, unbegrenzt, alles so primitiv, stark. Wenn ich an meinen alten Großvater denke, der in seinen hohen Jagdstiefeln und Pelzmütze ein echter Sohn dieser ukrainischen Steppe ist, der Sich in seiner Heimat nicht fremd fühlt, da erschrecke ich fast über die immense Distanz zwischen denzweiGenerationen, da kommt mir erst recht die ganze Tragik des jüdischen Lebens zum Bewußtsein. Und doch, auch diese alten Eichen wanken. Auch ihr Lebensrhythmus hat sich geändert. Die letzten zwanzig Jahre haben an ihnen zu stark gerüttelt. Heute denken auch diese wurzelfesten Menschen an die weite Fremde, verlassen ihre Heimat, segeln über den Ozean, in die unermeßlichen Städte. In der Seele die Sehnsucht nach dem Dufte 'der heimatlichen Erde, in den Ohren der Rhythmus der schwermütigen Lieder der Heimat. . . . Ich fuhr einmal vor Jahren zusammen mit einigen jüdischen Auswanderern über die österreichische Grenze. Es war unmittelbar nach dem Pogrom von Kischinew. Wir gingen leise und klopfenden Herzens neben dem Wagen einher. Über die bessarabische Heide ergoß sich ein zartes, silbernes Mondlicht, aus allen Poren der Erde erhob sich ein warmer, berauschender Duft, die ganze weite Fläche glänzte so wehmütig. Aus der Ferne kamen verhallende, zarte, süße Töne eines Liedes, eine dieser eintönigen und einlullenden moldauischen Melodien. Wir schlichen uns behutsam und furchtsam davon, fort aus diesem Lande. Neben mir schritten zwei baumlange ältere Juden einher. Arme Auswanderer aus einem bessarabischen Städtchen. In ihrer Heimat blühte Wein und warmes Leben. In ihren Weinbergen herrschte Frohsinn und singende Üppigkeit. Aber um sie herum lauerte das Verderben, der Tod, das Entsetzen. Und sie rissen sich los. Fort, hinaus, in die unbekannte Weite, nach Argentinien. Ihre ganze Habe bestand aus zwei Bündeln, die sie in den Händen trugen. Schweigend gingen wir alle und blickten um. uns, ob uns nicht irgendein Grenzer verfolge. Endlich waren wir drüben, in Österreich, in der Bukowina. Die Heimat \frar hinter uns, vielleicht für immer, für das ganze Leben. Wir schauten uns nicht um. Wozu auch? Gespenster blutiger Erinnerung waren jenseits. Aber die dumpfe Angst löste sich von den Gemütern. Und die beiden mit einem Schlag heimatlos gewordenen Juden begannen zuerst leise, jeder für sich, ein moldauisches Lied zu singen. Dann aber strömten ihre Stimmen zusammen und ergossen sich in einander. Und eine Welle von langsamen, gedehnten, todestraurigen Tönen kam nach der andern. Es schluchzte heiße Sehnsucht über die Heide und verwob sich mit dem zarten, blassen Lichte, Wir gingen bald unserer Wege. Jeder seinem Stern folgend. Was ist aus diesen armen, starken, aus ihrer Heimat herausgerissenen Juden geworden? Wer weiß, ob sie nicht dort, in den fernen Llanos von Argentinien ihre walachischen Lieder singen und sich nach ihrem Städtchen, nach der alten Wirklichkeit sehnen. Oder hat sie irgend ein New-Yorker menschenmordender „Shop" aufgesogen, ausgemergelt, sie, die Starken, die Söhne der Erde, zu gekrümmten und blassen Proletariern gemacht? Arme Wanderer, wo seid Ihr? Und deshalb hab' ich mich so innig gefreut, als ich wiederum nach Jahren diese stärken, singenden, schreienden, lebensfrohen Juden der Bukowina gesehen habe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.