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Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Diesen ist die bittere Qual ihrer Brüder jenseits des Pruths erspart geblieben. Sie können noch aus voller Brust singen, sie können noch froh sein, dem Leben unerschrocken-ins Auge schauen, sicher ihrer Kraft. Der Saft der Erde berauscht ihr Blut. Das grausame Geschick der russischen Juden hat die kernige Masse zerstreut und geschwächt, die starke Gemeinschaft wurde gelockert, atomisiert, das Individuum entwurzelt, psychisch und territorial. Hier, diesseits des Pruths, flutet noch Kraft, unverbrauchte, des Meisters harrend. Es ist ein wahrer Schatz. Wer ihn nur nutzbar machen könnte! Wer nur die Starken zum vollen und intensiven Leben erziehen könnte!- Bevor es noch nicht zu spät ist . . . Björnson Die rotblaue norwegische Fahne trägt den Trauerflor. Der Tod hat den reckenhaften Wiking nach einem sechsmonatlichen Kampfe endlich überwunden, und mit der norwegischen Nation steht die ganze Kulturmenschheit in tiefster Teilnahme an der Bahre eines der Größten, die Europa hervorgebracht hat. Björnstjerne Björnson, in dem sich, wie in wenigen Erscheinungen unserer Tage, das Gewissen Europas verkörpert hat, ist zeitlebens nicht bloß einer der größten Dichter gewesen, würdig, neben Dante und Goethe genannt zu werden, er war auch ein Politiker. Nicht in dem jämmerlichen Sinne des Wortes, den es heute trägt; keiner von denen, die, ihrem brutalen Egoismus das Mäntelchen des Philosophen anziehen, sondern einer von den Männern, die, auf den Höhen der Menschheit stehend, mit scharfem Blick in die Zukunft schauen und in einem tiefen Verständnis für die, die im Tal wohnen, die menschliche Gesittung erhöhen wollen. Björnson hat immer seine machtvolle Stimme erhoben, wenn irgend in der Welt Unrecht geschah. So wie heutzutage alle unterdrückten Völker, wenn sie nach einem Land auslugen, in dem noch Freiheitssinn lebt, nach England schauen, so war man es seit einem halben Jahrhundert gewohnt, daß jede Nation, die im Kampfe um ihr Recht und um ihre Existenz stand, in Björnson einen warmen Verteidiger fand. Er hat auch für das Judentum manches gesagt, hat den Dreyfus-Skandal, die russischen Greuel in flammenden Worten verurteilt. Nicht nur das, er hat auch für die moderne Bewegung des Jungjudentums, das einen schweren Kampf für unser ewiges Recht auf Freiheit und Zukunft führt, rege Anteilnahme gezeigt. Das wollen wir dem Großen danken, der „ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein". Darum mag auf seinem Sarge auch der Kranz mit der blauweißen Schleife nicht fehlen als Dankeszeichen der Nation, die in ihrer Seele das stärkste Verständnis für das Streben des Dichters des „Ja vi elsket dette landet!" trägt. * Im nachfolgenden reproduzieren wir aus der „Welt" (Nr. 3, 1903) eine Erzählung Björnsons: r Als ich meine Pelzmütze kaufte" Es war am 31. Dezember 1881. Ich ging in Chikago von einem Pelzwarenladen zum andern; es war plötzlich kalt geworden, und ich wollte mir eine warme Pelzmütze leisten. Die vorrätigen waren nicht groß genug, und kein Kürschner wollte mir fest versprechen, zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine fertigzustellen. „Jetzt bleibt nur noch ein Geschäft," sagte mein Begleiter, „freilich das größte von allen, aber vielleicht gelingt's dort!" Bald standen wir vor 101—106 Washington Street, Harter and Manufacturing Furrier, D. Lederner. Während wir vor dem langen Ladentisch Mütze auf Mütze probierten und alle wiederum zu klein waren, kam der Geschäftsinhaber. Wir fragten ihn, ob er bis zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine Kappe fertigstellen könne, und auch er verneinte umgehend. Ich sagte zu meinem Begleiter: „In Norwegen würde der Kürschner bejaht haben — und hätte die Mütze zwei Tage später geschickt." „Nicht allein in Norwegen," antwortete mein Begleiter mit amerikanischer Überlegenheit, „sondern in ganz Europa, vielleicht Frankreich ausgenommen. Wenn ein Handwerker so in Amerika verfahren wollte, würde er als unzuverlässig angesehen werden und könnte seine Bude schließen." Während dieses Gesprächs hatten wir auf den Geschäftsinhaber nicht geachtet. Er hielt jetzt ein Fell im der Hand und sagte: „Sie sollen die Mütze morgen um Ii Uhr haben." Er breitete das Fell auf dem Ladentische aus und bemerkte, wir müßten es wählen, nur einmal habe er ein ähnlich schönes gehabt. Er belehrte uns, wie wir uns selbst von dem Werte eines solchen Felles überzeugen könnten. Ich mußte den Mann ansehen, denn er hatte feine Gesichtszüge. Er war dunkelhaarig und schlank, glich weder einem Engländer, noch einem Deutschen. Mein Begleiter sagte, er sei Franzose. Am nächsten Morgen stand er selbst um 9 Uhr mit der Mütze in meinem Zimmer in Palmer House. „Sie kommen selbst? Und so früh?" „Ja. Während Sie vor dem Ladentische. standen und mit Ihrem Freunde sprachen, kam eines meiner Ladenfräulein zu mir und bot mir an, zusammen mit einer Freundin nach Geschäftsschluß die Mütze herzustellen." Ich war förmlich gerührt. „Wohl eine Norwegerin?" fragte ich. „Ja, sie ist aus Norwegen." Ich bat ihn, sie und ihre Freundin von mir zu grüßen und ihr zu versichern, sie habe mit eine Freude gemacht. Ich probierte die Mütze vor dem Spiegel und fand sie ersten Ranges. Ich bezahlte, vergaß die beiden Mädchen nicht, beschaute die Mütze und wunderte mich, daß der Mann nicht fortging. In meiner Freude hatte ich gar nicht bemerkt, daß er sich ganz anders als gestern benahm, sah kaum, wie bleich er war. Er sagte: „Da ich jetzt weiß, wer Sie sind, komme ich selbst, um eine Frage an Sie zu richten." Er stockte und blickte vor sich hin. Ich ließ ihm Zeit, denn ich begriff, daß ihm etwas schwer am Herzen lag. „Ich bin Jude," sagte er. „Ich habe gehört, — aber ich habe es nicht glauben wollen, — in Europa wäre eine Judenverfolgung ausgebrochen. Ist es wahr?" Er blickte mich so seltsam an, daß es mir schwer fiel, antworten zu müssen: „Ja: es ist wahr." Er fuhr etwas zurück, wich meinem Blicke aus, setzte sich hin und weinte. Er weinte bitterlich. Schon lange hatte ich mich über die Strömung geärgert, die man später Antisemitismus nannte. Ohne ihren spätem Umfang zu ahnen, ohne zu wissen, wieviel Böses sie anrichten würde, empfand ich sie als einen unheimlichen Barbarismus, einen Appell an schlechte Leidenschaften. Aber es wirkt doch seltsam, vor einem Manne zu stehen, der die Leiden seines Volkes mit seinem Inriengefühle verschmilzt und sie mitbeweint. Auch in diesem Falle werden die feinsten Naturen am tiefsten verletzt, selbst wenn sie Tausende von Meilen entfernt sind. Aus dem innersten Verwandtschaftsgefühl schluchzte er über das Unglück seines Stammes. Es hörte ja nie auf. Dieses Volk konnte ja keinen Frieden genießen und darin die gesunde Seibstvergessenheit finden, deren wir andern nicht entbehren können. So oft mir seitdem die Spuren jener unauslöschlichen Vorurteile schrecklich entgegengetreten sind, sah ich dieses feine, traurige Gesicht vor mir, hörte ich dieses Schluchzen. Während der Dreyfus- Frage, in vielen Nächten, an manchem bangen Tage. Ich deutete es mit einigen Worten an, die ich auf ein Bild schrieb, das ich ihm kürzlich schenkte. Hanfstengel in München hatte es mit der Mütze aufgenommen. Er photographierte auch ein Porträt, das Franz Lenbach mit der Mütze gemalt hatte. Herr Lederner hat mir wiederholt geschrieben. Ein Brief, den er mir zum letzten Geburtstag schickte, brachte mich auf den Gedanken, ich solle vielleicht andern erzählen, was ich am Neujahrsmorgen 1882 in Palmer House in Chikago lernte,

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