Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-05-18 · 18 (18.5.1910) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
18 (18.5.1910)
Date
1910-05-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316424--53172-3346944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

NO; 18 dieemelt 395 unerschütterlich an die große Fähigkeit der jüdischen Volksseele, daß sie noch sehr, sehr kulturschöpferisch sein wird. Der Zionismus ist nicht gekommen, bloß eine'Brotfrage zu lösen; er ist gekommen, eine gefesselte Volksseele zu erlösen. Ein großes Volk will er wieder aufrichten, das in Schmach und Zurücksetzung verkommt und verkümmert. Eine edle Menschenvarietät in ihrer schönen Eigenart will der Zionismus wieder aufrichten, daß sie nicht von allen Völkern der Erde als ethnisches Material gebraucht und verbraucht wird. Das ist Zionismus! Nur das ist Zionismus! Wer aber den armen Juden Brot und bessere Existenzmöglichkeiten verschaffen will, tfer.-isf ein Philanthrop, und wir werden ihm unsere Achtung sicherlich nicht versagen. Arbeitet ein solcher Philanthrop in einer Richtung, die in die Nähe unserer Ideale führt, das heißt: hilft er, jüdische Siedlungen in Palästina gründen, hilft er, das jüdische Volk an Geist und Körper stärken, dann werden wir solche Leistungen noch höher bewerten. Einen solchen Philanthropen werden wir als Bundesgenossen ansehen, nicht aber als Gesinnungsgenossen. Denn unsere zionistische Gesinnung liegt tiefer und ist auf Höheres, auf —Ewigeres gerichtet, * . Ich habe nicht alle Einwände vorgebracht, die ich gegen den Oppenheimerschen Aufsatz zu machen hätte. Ich habe zunächst alle persönlichen Anspielungen vermieden. So habe ich es vermieden, das eigentümliche Paradigma von den Hohenzollern — und dänischen Prinzen zu besprechen, die neben persönlicher Ambition die Ideologie haben, halbbarbarische Länder und Völker für die Zivilisation zu gewinnen. Es kann daher kein passender Vergleich sein, wenn Oppenheimer von sich sagt, daß er vielleicht auch gern nach Palästina gehen möchte, wenn er gerade dort eine ihm passende Betätigung fände. Denn bei einem Zionisten handelt es sich nicht darum, ob er etwa gerne die Stellung — sagen wir — eines Vakufministers annehmen würde, sondern ob er die Sehnsucht hat und wie intensiv diese Sehnsucht ist, für sein Volk zu wirken und mit seinem Volke innerlich zu verwachsen. Freilich würde dann Oppenheimer kein „deutsches _ Stammesbewußtsein" haben, sondern bloß ein deutsches Abstammungsbewußtsein, das heißt: ein Herkunftsbewußtsein. Doch alle diese Erwägungen und Einwände lasse ich beiseite, weil ich durchaus nicht die Absicht habe, Franz Oppenheimer zu überzeugen. Dazu fühle ich mich nicht berufen. Mein einziger Zweck ist es, einer Begriffs- und Gefühlsverwirrung vorzubeugen. Da ich die feste Überzeugung habe, daß unter den westlichen Zionisten nur eine verschwindend kleine Anzahl Oppenheimers Grundstimmung teilt, wollte ich alle, die sich vom Namen Oppenheimer blenden lassen könnten, vor einem — Abgrund warnen. LV—-.-—-SS , FEUILLETON o □□□□□□ tV-! >§ AUS MEINEM TAGEBUCH (Bukowinisches) Von Dr. A. Coralnik Meinen Czernowitzer Freunden * zur Erinnerung. Die;;Jischuwniksft In der Überlieferung der alten russischen Juden in Südrußland lebt noch die Erinnerung an einen merkwürdigen jüdischen Menschenschlag aus der vergangenen Zeit. „Jischuwniks" nannte man sie. Dieses seltsame Wort, das allmählich eine andere Nuancierung bekommen hat, einem Bedeutungswandel erlegen ist, heißt eigentlich so viel wie „Siedler". Juden des flachen Landes, des Feldes, der einsamen, weiten Ebenen. Diese Ebenen erstreckten sich den Pruth entlang, im jetzigen Bessarabien, gegen Rumänien und die Bukowina. Vieles Spaßhafte wußte der Volksmund von diesen Bauernjuden zu erzählen. Krause Geschichten, wo die Ungeschlachtheit und die vollständige Unwissenheit die Hauptrolle spielten. Wenn so ein Dorfjude, der Sommer und Winter in der einsamen Steppe wohnte, nur mit moldauischen oder ruthenischen Bauern Umgang pflegte, in das Städtchen kam, wo Juden wohnten, wenn er mit den Juden, die über und über von Kultur, — ihrer eigenen, in selbstgeschaffenen Grenzen die ganze Welt des Wißbaren umspannenden, alle Probleme erfassenden alten Kultur trieften, mit dan bleichen, physisch degenerierten und der Erde entfremdeten Aristokraten des Geistes zusammenkam, da mochte wohl in ihm, dem Naturmenschen, ein Doppelgefühl aufgekommen sein: die Verachtung des gesunden Vollblutmenschen für den degenerierten, schwächlichen Städter, das Unbehagen des Arbeitenden gegenüber dem .Müßiggänger — und anderseits eine tiefe Scheu vor dem Geiste, vor dem Wissen, ein Gefühl der Beschämung über die eigene undisziplinierte Kraft. Und das höchste Ideal so eines jüdischen Landjunkers war, einen „edlen", d. h. gelehrten Jüngling aus der Stadt zum Schwiegersohn zu bekommen. Aber Prachtkerle mußten diese Dorfjuden gewesen sein! Stark und hochgewachsen, stämmig und breit und wetterfest. Und keine Spur vom Leiden der „Schechina", vom Exil des jüdischen Geistes.. . . An diese leider bereits ausgestorbene jüdische Bauernschaft wird man erinnert, wenn man nach der Bukowina kommt. Besonders, wenn der Weg über Galizien führt. Galizien! Sicherlich ein viel und oft mit Unrecht geschmähtes Land. Und ich will nicht meinerseits ein Scheltender sein. Aber eines ist wahr, — es ist eine Brutstätte der physischen Degeneration der Juden. Man gehe in den Straßen von Krakau, von Lemberg, und man sehe sich einmal diese blassen, kleinen Juden in ihren wunderlichen Kleidungen an, oder die Studenten mit ihren abgehärmten Gesichtern, — man wird deprimiert durch so viel Armut, so viel sichtbares Elend. Der galizische Jude merkt dieses Elend nicht mehr. Um so düsterer wirkt das Bild . . . 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.