Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 18 (18.5.1910)
- Date
- 1910-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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394 DIE^ELT No. 18 über alle Hindernisse hinweghelfen. Juden mit Ehrgefühl, Juden mit zartem Nerven haben überall dieselbe Seelenpein, wenn sie bei aller Staatstreue und Büfgertugend irgendwo und irgendwann und irgendwie zurückgesetzt werden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Ost und West. Dann noch Eins. Die östlichen Juden, sagt Oppenheimer, müssen nach einem „Universalgesetz", vom .Orte des stärksten Druckes, nämlich ihren Heimatsländern, nach einem Orte des kleinsten Druckes, nämlich nach Palästina, abströmen. Die westlichen Juden aber haben keinen absolut höchsten Druck zu ertragen, für sie bedeutet also die Wanderung nach Palästina kein „Gefälle". Nun, das Universalgesetz, was Oppenheimer zitiert, ist zweifellos richtig, nur zitiert er es nicht ganz. Die Bewegung geht nämlich nach diesem Gesetz nicht nur vom Punkte des höchsten Druckes zu dem des kleinsten Druckes vor sich; sondern auch zu dem der größten Anziehung. Und gerade dieser Punkt ist bei unsern palästinopetalen Bestrebungen das entscheidende Moment. Ein Immigraftionsgebiet von politisch kleinstem Drucke ist Palästina wohl im Begriffe zu werden, war es aber bis jetzt nicht. Von ökonomisch kleinstem Drucke ist es auch noch nicht, vielleicht noch lange nicht. Und dbch wollen wir gerade in Palästina dem jüdischen Volke eine Heimstätte errichten, — weil Palästina auf unsere Völkspsyche die stärkste, die absolut stärkste Anziehung ausübt. Daß dieser Wille nichts Wildes, nichts dem Leben Fremdes und Fernes ausdrückt, haben wir nachgerade schon zur Genüge beweisen können: Unserm Weckrufe folgten Hunderttausende Juden, und sicherlich nicht die schlechtesten, und nicht die — Passiven. Gerade die Jugend, gerade die Intellektuellen, gerade die Aufgeklärtesten, gerade die Rührigsten, — sie füllen unsere Reihen. Offenbar übt eben auf diesen lebensvollsten Teil des jüdischen Volkes Palästina die stärkste Anziehung aus. Von den hunderttausenden Zionisten gibt es'verhältnismäßig nicht sehr viele; die religiös gestimmt das: „Übers Jahr in Jerusalem!" zweimal jährlich — mit je halbjähriger Prolongation! — rufen. Die Stockorthodoxen halten sich von uns nicht nur ferne, sondern sind sogar unsere erbittertsten Gegner und Verfolger. Wenn Oppenheimer das Nationalbewußtsein der östlichen Juden aus deren Religiosität ableitet, — daß sie nämlich die „jüdische Kultur als gottgewollt, heilig" ansehen, — so scheint er tatsächlich zu meinen, daß die Cadres der östlichen Zionisten sich aus den orthodoxen Kreisen des Judentums rekrutieren, mit denen er dann in kultureller Beziehung nicht viel gemein hat. Der Kenner .der Verhältnisse muß sich wieder einmal sehr wundern, wie wenig Mühe sich ein so großer Gelehrter und Denker genommen hat, um tiefer Einblick zu tun in die wirkliche Struktur der zionistischen Organisation. Dies ist nur eines der vielen Beispiele für die Irrigkeit der Voraussetzungen und die Mangelhaftigkeit der Kenntnisse der Tatsachen, auf denen Oppenheimer seine Thesen aufbaut. Natürlich muß er dann zu durchaus irrigen Schlußfolgerungen gelangen. So konnte es kommen, daß Oppenheimer bei den östlichen Juden eine größere Intimität und Unmittelbarkeit zum Zionismus voraussetzt, mit der merkwürdig falschen Begründung, daß sie eben ein unmittelbares Bedürfnis nach einem entsprechenden Immigrationsgebiet haben. Das ist natürlich grundfalsch, wie die Tatsachen be" weisen. Im letzten Vierteljahrhundert sind aus den östlichen Ländern mehr als 1V2 Million Juden abgewandert, davon ist noch nicht l°/o nach Palästina gegangen. Nein, mit solchen Argumentationen kann man weder zum Verständnis, noch zum Auf- und Ausbau des Zionismus gelangen. Mit bloßen verstandsmäßigen Konstruktionen und mit nationalökonomischen Lösungsversuchen ist überhaupt der Zionismus nicht zu erreichen. Der Zionismus hat seine Wurzeln ungleich tiefer. Er wurzelt zutiefst im persönlichen und nationalen Stolz eines jeden bewußten Juden, er liegt in dem starken Willen einer jeden geradgewachsenen Judenseele, ihre Eigenart betonen und voll ausleben zu könnender quillt hervor aus dem vollen Bewußtsein eines jeden geistig bedeutenden Juden, daß das jüdische Volk gewaltige Kulturmöglichkeiten in sich trägt, die nur in starker Konzentration der Kräfte sich erfüllen können. Das nenne ich: jüdisches Kulturbewußtsein! Was Oppenheimer über das „Kulturbewußtsein" sagt, beruht natürlich auch auf durchaus falschen Voraussetzungen und auf einer totalen Verkennung der in Betracht kommenden Tatsachen und Personen. Oppenheimer kennt nicht die östlichen Zionisten, aber er kennt wenigstens zum Teile die östlichen Zionistenführer. Nun, — so sieht zu 90°/o unsere ganze Anhängerschaft aus. Und sind das nicht Menschen, die an aller europäischen Kultur innig teilhaben? Sind das nicht: Industrielle, Kaufleute, Arzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Forscher, Gelehrte, Schriftsteller, klassenbewußte Arbeiter, — mit einem Worte lauter Leute, die bis an den Hals in der europäischen Kultur stecken? Was im östlichen Judentum noch kulturfremd und europafern ist, das hat noch nicht den Weg zu uns gefunden. Ja, wir, die wir in der praktischen Agitation, in der Propaganda stehen, haben es schon längst heraus, daß der Weg zum Zionismus über die europäische Kultur führt. Wir geben auch dem jüdischen Volke, den Massen diese Kultur durch Vermittlung der hebräischen und Jargonliteratur. Unsere moderne hebräische Literatur ist europäisch in des Wortes vollkommenster Bedeutung, — sogar die Auswüchse fehlen schon leider nicht. Sie trägt aber auch in jedem Zoll das Gepräge des jüdischen Geistes, jene eigene nationale Klangfarbe, durch die allein auch die andere europäische Literatur, bei aller inhaltlichen und formalen Gleichheit, doch von einander zu unterscheiden sind. Und das soll weiter und weiter erweitert und ausgebaut werden, bis sich unsere ganze reiche Volksseele wird voll ausleben können. Das ist des Zionismus jüdisches Kulturideal. Die jüdischen Assimilanten hatten ein anderes. Sie wollten die einzelnen Juden bilden, kultivieren1, europäisieren. Wir aber wollen das ganze jüdische Volk mit seinen innerlich reichen Begabungen, die es jetzt verkümmern läßt oder, verspritzt und zerstückelt, als glänzendes Kulturvolk in die Reihe der führenden Kulturvölker rücken. Das ist aber kein Arbeitsprogramm, — das ist eine Weltanschauung, ein Kulturideah von welthistorischer Tragweite. Unserm Nationalstolz genügt nicht das Bewußtsein dessen, was das jüdische Volk der Menschheit schon gegeben hat, wir sehnen ■•uns. nach dem, was es noch geben wird, und glauben fest und