Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 18 (18.5.1910)
- Date
- 1910-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316406-3316424--53170-3346942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 18 biE^i ELT 39-3. leben heute ein solches grandiosesWerden einer „s t a mmlosen" großen Nation, — der nordamerikanischen. Wer war denn ihr Stamm? Waren es die Rothäute? Waren es die paar tausend Quäker? Waren es die Hunderttausende und Millionen von zusammengewürfelten Einwanderern? Das weiß ich nicht, das weiß kein Mensch. Jetzt aber sieht . jedermann eine gewaltige Nation werden und wachsen. Und wenn nach Hunderten oder gar nach Tausenden von Jahren die menschliche Phantasie noch inythfcnbildenden Schwung haben wird, dann wird vielleicht Washington zum Stammvater erhoben, und so viele Söhne werden ihm angedichtet werden, wie viele Staaten in der Union vereinigt sind. Für die historische Erkenntnis wird das aber vollständig irrelevant sein.1, Also: der Stamm ist nichts, das Volk.ist alles. \p Kann es also so etwas wie Stammesbewußtsein geben? Durchaus nicht. Bewußtsein kann es nur von etwas geben, was wirklich, und von dem, was aktiv ist. Man kann und darf bloß von National- oder Volksbewußtsein sprechen. Stammesbewußtsein ist eine der vielen Hunderte von sprachlichen Ungenauigkeiten und Unsinnigkeiten, die an sich harmlos sind, die aber sehr schädlich werden, wenn man aus ihnen wissenschaftliche Kategorien prägt. Indessen war der Gebrauch des Wortes „Stammesbewußtsein", der sogar, wie ich schon sagte, in der Berliner Johannesstraße im Gebrauche war, mehr als eine, sprachliche Sinnlosigkeit. Dort, bei den Assimilanten in der und um die Reformgemeinde, war das Wort geradezu ein Verbrechen, weil eine Abtrünnigkeit, weil eine Fahnenflucht. Man drückte mit diesen Worten, bewußt oder unbewußt, aus, daß das Judentum aus dem geschichtlichen Leben bereits ausgeschaltet ist. Unsere ganze Geschichte ist also sozusagen in die — Prähistorie geworfen worden. Mit den großen Toten konnte man ruhig prahlen, das verpflichtet zu nichts, aber die lebenden Verwandten, die da riefen und mahnten, brauchte man nicht anzuerkennen. Solches Familiengefühl, — eben: „Stammesbewußtsein4'! — findet man manchmal bei wieder reich gewordenen Abkömmlingen verarmter Familien: auf den längst verstorbenen Urgroßvater ist man mächtig stolz, aber die unbequeme Verwändtschaft mit den armen Geschwistern leugnet man vermessen ab. So sieht das Stammesbewußtsein aus, das stolz ist auf die „drei Weltreligionen", die die Altvordern aus sich hervorgebracht haben, aber andern Leben und Streben der Volkspsyche nicht teilhaben will und bloß noch etwas. Mitleid für die Armen übrig hat. H Nein, — auf Stammesbewußtsein wird man nichts aufbauen können, weil es ein hohles Nichts ist, ein Wort,-dein der Begriff fehlt. Bauen kann man nur auf Volksbewußtsein, weil nur dieses etwas Wirkliches, etwas Aktives ist. Wenn ich mit der konzentriertesten Anstrengung einen seelenlosen, lendenlahmen und aller Flug- und Tragkraft baren Zionismus konstruieren wollte, der auf dem Fundamente des Stammesbewußtseins aufgebaut werden sollte, — ich könnte wirklich kein anderes Bild entwerfen als das, welches Oppenheimer zur Verteidigung seines Standpunktes entwirft. Zunächst ist sein Zionismus natürlich durchaus — altruistisch. Er braucht ihn nicht, denn ihmgeht es gut. Bloß die armen und unglücklichen russischen und rumänischen Juden brauchen »hn. (Aus Lokalpatriosismus, zu dem ich mich durchaus bekenne, möchte ich doch bitten, daß Galizien aus diesem Zusammenhange weggelassen werden soll. Geld haben wir galizischen Juden wohl eine ganze' Menge weniger als die deutschen Juden, aber Rechte, Gleichberechtigung haben wir mindestens genau sovielwie sie!) Das gezwungene Abströmen dieser Massen aus ihren Geburtsländern, in denen sie weder Brot noch Achtung haben, macht die Erschließung eines Zufluchtsortes nötig. Die westlichen Juden, denen es doch so gut geht, sind also die reinen — Idealisten. „Wir Westler sind die Idealisten! Die Östler wollen etwas für sich. .... aber wir wollen nichts für uns; sie dienen sich und müssen sich dienen; — wir, die wir glücklicher sind. .... dienen einer Idee!" Stammt diese ganze heillose Verworrenheit wirklich von Franz Oppenheimer? Ich lasse absichtlich die ethische Wertung dieses Standpunktes ganz beiseite. Ich will über diese Seite der Sache bloß ein Wort sagen: Wenn das Zionismus, Altruismus, Idealismus und noch etliche „ismen" ist, dann tue ich in" tiefster Seele Abbitte bei allen möglichen und unmöglichen Geheimräten von der Konferenzgemeinschaft, die ich schnöder Abtrünnigkeit und „altruistischer" Fremdheit gegenüber ihrem eigenen Volke, ihrem Blute geziehen habe. Sie sind die edelsten Altruisten und Idealisten, denn sie wollen den notleidenden Juden helfen. Sie haben vor Oppenheimer noch den großen Vorzug voraus, daß sie dabei praktisch sind und nicht auf lange Sicht arbeiten. Und sie haben den noch größern Vorzug, daß sie — Geld haben, während der Zionismus Oppenheimers eine ICA oder Alliance — ohne Geld ist...... Doch lassen wir diesen wurmstichigen, faulen Idealismus, der dort Mitleid empfindet, wo er sein heißes Blut in den Adern rollen hören soll, den dort weinerliches Erbarmen erfaßt, wo sich seine ganze Seele zur großen welthistorischen Tat aufraffen soll, der dort den Armen Brot geben will, wo er seine eigene Adelsfamilie zu stolzer Höhe führen soll. Davon will ich hier nicht sprechen. Ich will vielmehr die sonderbare Argumentation von einigen andern Seiten beleuchten. Zunächst ein Wort über die „unglücklichen Östler" und die „glücklichen Westler". Ich lehne es zwar grundsätzlich ab, den Zionismus als Folgeerscheinung des Antisemitismus anzusehen. Das habe ich seit fast 20 Jahren schon des öftern auseinander gesetzt. Allein gesetzt, es wäre doch so; gesetzt, daß in der Tat bloß die materielle Judennot den Zionismus hervorgerufen hätte. Ich frage dann: Geht es den Juden im Westen — abgesehen von den bessern ökonomischen Verhältnissen, die sie mit ihrer Umgebung teilen, weil sie in reichen Ländern leben — wirklich besser als denen im Osten? Gibt es wohl einen deutschen Juden mit Ehrgefühl, der Xanten und Könitz als geringere Schmach empfände als Kischinew? Ist zwischen der Schmach der Tscherta, dem Nicht-überallwohnen -können und dem Nicht- Off izier-werdenkönnen ein Art unterschied, und nicht vielmehr bloß ein Gradunterschied? ,;Besser" haben es im Osten und im Westen nur die Hartfelligen, die über eine Zurücksetzung, von welcher Art und welchem Grade immer sie sei, keine Seelenpein empfinden. „Besser" haben es im Osten und Westen die Ehrlosen, die sich damit abfinden, daß ein paar Wassertropfen l \ i