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Die Welt · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 32 DiE3^EELT 779 anschwoll zu einem grauenhaften Wehschreu Endlich, endlich formte er sich zum Wort: „Weh' mir! Weh' meinem Zorne! Wehe! Ich habe mein Haus zerstört, wehe! Ich habe meine Kinder zerstreut, wehe! Ich habe meine Schechinah verstoßen, wehe! Meinen Schmuck, meine Schönheit hat mein Zorn mir geraubt! Wehe über meinen Zorn! Wehv mir!" Alle Weltwesen erfühlten die Klage und erschauerten. Dann stimmten alle ein in den ungeheuren Schmerzensschrei ihres Schöpfers. Und die Töne des Wehs verwoben sich zu einer furchtbar-prächtigen Harmonie und Ulangen zusammen in einem großen Trauerton: das war das große Weinen der Welt um den zerstörten Sitz der Gottesherrlichkeit. . . . Plötzlich brach der Trauerpsalm jäh ab: eine helle Stimme hatte seine Harmonie gestört mit einer Melodie, in der höchste Freude und Verzückung wohnte. Erschrocken und verwundert lauschte Himmel und Erde dem sonderbaren Sange: „Lob und Preis dem Herrn, der mich fühlen ließ die freudvolle Nähe seiner geliebten Schechinah. O, wäre mein Lied gleich dem Davids und Salomos, um sie zu besingen und dich, o Herr, um zu singen das Lied eurer hehren Vereinigung! Nimm mich bald hin, Qott, daß mein Auge sehend werde, zu schauen die Herrlichkeit deiner Schechinah! Nimm mich zu dir empor, denn nach ihr bangt mein Herz!*. . . . „Auch meines! Weh' mir!" tönte oben eine dunkle, klagende Stimme; es war Qottes Stimme, und tiefe Wehmut lag darin. Und Qottes Auge blickte hinab auf die Erde, um den zu sehen, der nichts wußte von der Trauer der Welt und in verzückter Freude zu dieser Stunde forderte, was nicht mehr war. Und Qott sah einen alten, blinden Mann, dem der Tod schon auf dem Antlitz lag. Die Freude verschönte des Greises Gesicht und erhellte selbst die starren, ausdruckslosen Augensterne. „Wer bist du, dessen Zunge nichts weiß vom schreckhaften Stammeln dieser Stunde, dessen Stimme obsiegt über Weltentrauerchöre?" tönte Gottes Stimme an das Ohr des blinden Greises. Der Alte erkannte das Wort des Herrn und erschrak: „Zürne mir nicht, mein Gott" — sprach er — „wenn mein Lied dich gekränkt. Deine Trauer sei auch meine. Doch sage mir, warum trauerst du? Sieh', ich bin ein blinder Mann, der nichts sieht und zu dem keine Kunde dringt. Ahasver heiße ich; den Sucher der Gottesherrlichkeit nennt man mich. Denn mein Leben weihte ich dem sehnenden Suchen deiner Schechinah. Auf Erden fühlte ich oft ihre beseligende Nähe, und nun, da meine Zeit erfüllt ist, erwarte ich freudig den seligen Augenblick, sie zu sehen. Stark ist mein Sehnen nach ihren Herrlichkeiten. . . „Stark ist dein Sehnen, Ahasver, stärker denn ich selbst. Denn ich kann deinen Wunsch nicht erfüllen.... „So bin ich ein Sünder, ein Verdammter, der nicht schauen darf die Schechinah in ihrer Pracht im Himmel?" — Verzweifelt schrie der Alte auf. „Herr übe Gnade und rufe mich nicht ab, ehe ich Buße getan!" „Auch Buße nutzt dir nichts mehr. Denn die Schechinah ist nicht mehr in meinen Himmeln, sie irrt im Weltenraum. Weißt du nicht, was geschah? Zerstreut sind deine Brüder, zerstört der Tempel, verstoßen die Schechinah von meinem Zorn. ..." Weh mir! Gott, was tatest du? Das Liebste hast du von dir gejagt. Und mir hast du geraubt, was mein ganzes Leben erhoffte. . . Wie ein Wahnsinniger schrie Ahasver diese Worte. Erschöpft brach er nieder und bat dann mit matter Stimme: „Herr, wenn du nicht auch deine Gnade von dir verjagt hast, lasse sie mir zuteil werden. Die Schechinah ist auf Erden, laß auch mich auf Erden." „Kann ich dir geben, was ich nicht zu geben vermag? Ich kann die Irrende nicht bannen. Es ist eine Zeit, da sie wieder in ihr Reich kommt. Es ist einer, der meine Kinder wieder sammeln wird, und ich kenne ihn. Willst du in ungewisse Ewigkeiten hineinirren? Sieh, ich will Gnade üben an dir. Ich nehme dich auf in meine Nähe. „Gott, mein Gott! Ihre Nähe will ich fühlen, wie früher. Laß mir, Herr, wenigstens dieses karge Glück, wenn du mir die große Freude nicht gewähren kannst. Laß mich auf Erden. Mein Sehnsuchtslied werde ich einen mit deinem Bangen, o Gott, und so werde ich auch die ungewissen Ewigkeiten überwinden. Ich werde den zur Pflicht mahnen, der dir dein Volk bringen und die Schechinah vom Golus erlösen soll. Ich will dir dienen, Herr, erfülle meine Bitte!" Jammernd flehte der Alte und sank auf die Knie. Und Gott erbarmte sich seiner und sprach: „Findest du in meinen Himmeln keine Freuden, so gewähre ich dir, um was du bittest. Denn ich fühle, was die Sehnsucht nach dem Fernen leidet. Doch wisse: Furchtbare Pein bringt dir die Herzensmühe, die du auf dich nimmst, und was du erreichen wirst, ist nicht viel. Jammer, Qual und Enttäuschung harrt deiner. Bedenke das wohl! Rufe mich, wenn du dein Geschick nicht mehr tragen kannst. Geh'!" Freudig beglückt lächelte Ahasver. So schnell er konnte, erhob er sich von seinem Lager und wanktfe hastig hinaus, nicht achtend der Steine, an die sein wankender Fuß stieß, dem das Auge nicht Stütze war. Ahasvers Lippen murmelten voll Inbrunst: „Groß ist deine Gnade, Herr! Dank! Dank!" II. Ahasver wanderte nicht, er jagte dahin durch Feld und Wald, durch Stadt und Dorf, in Regen und Schnee, unaufhörlich, in furchtbarer Hast. Seine Sehnsucht trieb ihn. Rastlos hastete, kollerte, irrte der Blinde durch Wirrnis und Wüste, und nie überkam ihn Müdigkeit und Schlaf oder Hunger und Durst. Seine erloschenen Augen starrten in steter Erwartung. Stets fühlte sein Herz die Nähe der Schechinah und seine Sinne sagten ihm, was seinem Auge versagt war. Im Walde hörte er die Bäume raunen von der Pracht der Göttlichen und die Quellen erzählten ihm, daß die Herrliche sie geküßt. Auf dem Felde, im Gewitter, auf den'Bergen, im Sonnenleuchten fühlte Ahasver ihre Nähe. Und das Gefühl trieb seinen Willen immer mehr, sie zu bannen und die Geliebte dem Herrn zu bringen. Nur sein Wort, sein Lied hatte er, um seine Tat zu tun und immer stärker, sehnsuchtsvoller klang es. Und er sprach von sich und rief: „Erbarme dich meiner, Herrlichhöchste, laß mich sehend werden!* Doch Ahasver erhielt keine Antwort. Der Zweifel erwachte in ihm: „Hört sie mein Lied nicht, weiß sie nichts von dem Bangen des Höchsten? Dann wäre mein Tun umsonst. Nein! Sie muß es hören, stärker sei mein Lied!" Und noch erhabener wrurden seine Worte, alle Lockungen legte er hinein, als spräche er

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