Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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780 — zu einem Kinde, das entlaufen ist und das der Vater lockt mit allen schönen Versprechungen .... Die Schechinah hörte ihn; sie wußte von Qottes Bangnis und dem Leid des Alls. Und ihr Herz ward schwer; denn sie wußte, daß die Zeit der Erlösung noch nicht da sei. Schrecklich waren ihr die Worte Ahasvers, weil sie sah, daß ihre beseligende Nähe, die alles erfreut, dem rastlosen Wanderer noch stärkere Sehnsucht ins Herz legte und ihn ewig zu ihr trieb. Und sie wollte ihn von seinem Leid erlösen, denn sie konnte es nicht mehr ertragen. Darum floh sie vor ihm und anwortete ihm nicht .... Ahasver spürte sein Leid selbst mehr und mehr, und merkte sein fruchtloses Bemühen am meisten, wenn er unter Menschen kam. Wo er Juden traf, sprach er zu ihnen: „Die Schechinah weilt auf Erden!" Doch sie verstanden nicht den Sinn seiner Worte. Man schalt ihn einen alten, blinden Narren, höhnte ihn und schlug ihn sogar. Jammernd tastete er sich weiter. „Antworte mir, du Herrlichste Qottes, laß mich nicht in leidvoller Ungewißheit!" — wimmerte er. Und der Schechinah Erbarmen wurde groß und sie beschloß ihm Rede zu stehen .... Ein Sommerabend. Die Sonne tauchte hinter fernen Bergen unter. Ein sanfter Wind mahnte die Fluren zur Nachtruhe. Die Felder beteten ihr Nachtgebet um Schutz für ihre reifende Frucht. Die Dorfhäuser blinzelten schläfrig in die sinkende Sonne. Der Wald brummte den Vöglein ein Schlaflied. Aus dem Walde trat Ahasver und furchtbares Weh lag auf seinem Antlitz. Inbrünstig und verzweifelt kam seine Bitte an die Schechinah von den Lippen und weckte jäh die Stille des Abends. Da fühlte er ein lindes Wehen und vernahm eine weiche Stimme, die sprach: „Ich höre dich, Mahner! Dein Rufen ist umsonst, ich kann ihm nicht folgen. Meine Zeit ist noch nicht da! Meine Irrfahrten endet ein anderer, nicht du." „Dann ist meine Sehnsuchtsmühe nutzlos gewesen. Ich Unglücklicher!" — Ahasvers Stimme war gebrochen von wildem Schmerz. „Bitte den Herrn um die Erlösung, die er dir gerne gewährt und wecke nicht meinen Schmerz stets aufs neue mit deinem Lied." „Ich soll in weite Fernen von dir gerückt sein? Nein, das kann ich nicht. Sage mir, wer der Befreier ist, ich will ihn aufrütteln zu schnellem Tun, meine Stimme muß zu ihm dringen, er muß mich hören!" „Nur der Messias kann mich zur ersehnten Vereinigung bringen. Doch, ach, er hört dich nicht. Er ist weit, weit entfernt in Rom und seufzt ungeduldig nach Erlösung von seinen Leiden und seinen Wunden. Erst wenn* er gesundet, ist die Stunde da. Stark sehne ich selbst die Zeit herbei, da er gesundet!" Die letzten Worte tönten schon aus weiter Ferne an Ahasvers Ohr, wie Orgel klang eines Trauerchorals. Neue Hoffnung lebte in dem gequälten Wanderer auf: „Nach Rom will ich gehen, ich will den Messias suchen, ihn heilen, ihn zwingen zur Tat. Sie, die Herrliche sehnt es selbst herbei!" Das war sein rettender Gedanke. „Leute, ich bitte euch, wo geht der Weg nach Rom? Ich muß zum Messias!" schrill gellte die Stimme des Greises durch die Nacht. Erschreckt fuhren die IWenschen aus dem Schlafe. Als sie des Alten Worte hörten, lachten sie und einer £E LT --- No. 32 rief: Geh' erst rechts, dann im Kreis herum, dann links, so bist du gleich in Rom!" Doch zu Ahasvers Ohr drangen die Spottworte nicht mehr. Er jagte in rasender Eile dahin, stürzte der sinkenden Sonne zu, schlug hin, erhob sich wieder und wankte weiter. Wie ein Jubelschrei tönten aus der Ferne seine Worte hallend wieder: „Nach Rom! Zum Messias! Sie will es.". . . . III. .... Nacht war's, eine helle Nacht in Rom. Weiße Marmorgräber und schwarze Denksteine kämpften im Mondeslicht einen stummen Schattenkampf. Dazwischen flirrten helle Mondesstrahlen auf blanken grauen Sandsteinplatten im Lichtreigentanze. Nachtschwarz starrte der Titusbogen empor am Ende der Gräberstraße. Der Schatten, den er im Mondlichte warf, glich einer langen, hohnvoll grinsenden schwarzen Maske. Beim Titusbogen kauerte ein zerlumpter Bettler auf einem Säulenstumpf. Aus den Löchern seines Gewandes sahen eitrige Schwären, notdürftig mit Fetzen bedeckt. Nur das Antlitz war rein und edelgeschnitten, wie das eines Königs. Die Augen blickten wundersam frei und weit, wie die eines Fieberkranken oder eines, der wach träumt. Von Kummer und Sehnsucht sprachen die Züge des Gesichtes. Schwere Seufzer entrangen sich der Brust des Bettlers und seine Lippen murmelten: „Noch sind die Wunden feucht und offen, noch ist die Zeit nicht da. Mein Leid leidet die Welt und ich kann mich nicht erheben, ach!" Tritte schlürften heran, hastige, wankende Tritte. Und eine krähende Greisenstimme schrie schrecklich in die Nacht: „Messias, wo bist du? Höremich! Im Namen Gottes und seiner Schechinah, höre mich!" „Ich bin, den du ruftst", antwortete der Bettler. „Doch wer bist du und was willst du?" Freude, unermeßliche Freude glättete die Furchen im Antlitz Ahasvers und er sprach mit bebender Stimme: „Dank dir, daß ich dich traf, Gesalbter. Ahasver bin ich, dem Gottes Gnade gewährte, zu leben und die Schechinah zur freudvollen Vereinigung mit dem Ewigen zu führen. Wisse, der Herr bangt nach ihr und sie sehnt den Tag herbei, um befreit von ihrem Irren einzugehen zu ihm, der sie in seinem Zorn verstieß. Und du bist es, der sie, die Herrliche befreien wird, du wirst auch Israel dem Herrn wiederbringen. Mache dich auf und tu', was deine Pflicht ist. Komm'!" Noch tiefer grub sich der Kummer in das Antlitz des Messias .und er sprach: „Der Ewige sehnt sich nach seiner herrlichen Schechinah und seinen verjagten Kindern; o, wie gern will ich meine Pflicht tun. Doch ich bin wund, sieh' meine Schwären, die Israel mir schlug. Ich kann nicht, ach, ich kann nicht, wonach ich selbst schmerzvoll mich sehne." Tränen strömten aus des Messias Augen und verzweifeltes Schluchzen erschütterte seinen Körper. „Reiße die Binden von deinen Wunden! Ich will dich heilen, daß du dich erhebest über die Welt." „Mühe dich nicht vergeblich, Ahasver! Du kannst mich nicht heilen. Nur die mich schlugen, können mein Siechtum enden und sie wollen es nicht —" das Auge des Messias wurde noch dunkler, bitter klang seine Stimme. „Ich bin doch einer von ihnen. Ich will tun, was