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Die Welt · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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gen haben, nichts Unbekanntes. Auch die Schlußfolgerung, zu der der Artikel gelangt, ist nicht neu, und ihre Verzeichnung hat ledig, lieh als publizistisches Merkmal für die Stimmung, die in der Öffentlichkeit Platz zu greifen beginnt, Wert und als Symptom für die Halbheit, mit der die liberale Presse das jüdische Problem betrachtet. Der Artikel kommt nämlich zu folgenden Schlüssen: Aus alledem ergibt sich, daß es sich hierbei nicht um rein innerrussische Fragen handelt, sondern um solche von allgemeiner Bedeutung. Und daraus erwächst allen Regierungen die Verpflichtung, sich ernstlich damit zu beschäftigen, mag die russische auch noch so obstinat sich gegen die „Einmischung in interne Angelegenheiten" wehren. Aber es ist auch die Sache aller human empfindenden Menschen, laut und energisch Protest zu erheben gegen die unmenschliche Behandlung und Herabwürdigung von Millionen Unglücklicher, denen nichts vorgeworfen werden kann als ihre Zugehörigkeit zu einem nichtchristlichen Glaubensbekenntnis." Das sind Spiegelfechtereien. Glaubt denn irgend jemand im Ernst an ein Einschreiten irgendeiner europäischen Macht in Rußland zugunsten der Juden? Und die Bereitwilligkeit hierfür vorausgesetzt, glaubt jemand an die Möglichkeit? Es ist zwar denkbar, wird vielleicht auch erfolgen, daß eines der von der jüdischen Auswanderung aufgesuchten Länder in Petersburg Vorstellungen erheben wird, die in ihrer Verfolgung zu Maßregeln an der russischen Grenze führen werden. Das bedeutet aber dann keine Erleichterung, wohl aber eine Erschwerung und Verschärfung der Lage der jüdischen Emigranten, an der wohlmeinende Proteste aller human empfindenden Menschen wenig oder nichts ändern können. Die Blätter von der Richtung des „Berliner Tageblatt" vermeiden.es eben, von der Zusammenfassung der Tatsachen zu dem einzig möglichen Schluß fortzuschreiten. Und der liegt im Zionismus. Die Schwäche der Konklusionen des zitierten Artikels hat übrigens inzwischen auch das „Berliner Tageblatt" eingesehen und sucht am 8. August in einem Leitaufsatz „Im Ghetto" den Fehler gutzumachen. Die Forderung einer Einmischung Europas in Rußland verschwindet vollkommen und macht einem frommen Wunsch Platz: „Die Lösung des jüdischen Problems in Rußland kann nicht durch die Abschiebung der russischen Juden auf das Ausland erfolgen, so sympathisch man auch allen Bestrebungen, auf diese Weise das russische Elend zu mildern, gegenüberstehen wird. Rußland selbst muß die Mittel und Wege finden, um seine jüdische Bevölkerung aus dem Ghetto' zu befreien und ihr die Möglichkeit zu bieten, ihre nicht geringen geistigen und wirtschaftlichen Kräfte im Rahmen des Gemeinwohls freier als bisher zu entfalten. Diese Erkenntnis kommt erfreulicherweise auch in Rußland selbst mehr und mehr zum Durchbruch. Die Forderung einer großen Anzahl der Dumaabgeordneten, die Wohnrechtsbeschränkung der Juden aufzuheben, könnte wenigstens einen ersten Schritt zur Emanzipation der russischen Juden bedeuten; indessen scheitern alle die Bemühungen an der reaktionären russischen Hofclique, gegen die sowohl der •schattenhafte Herr Stolypin wie die Duma machtlos sind." Danach sollten also die Juden Rußlands in Geduld warten, bis einnial eine aufrichtige Emanzipation kommen wird, und bis zu diesem Zeitpunkt alles über sich ergehen lassen. . . . Der internationale Friedenskongreß und die Juden. Der in Stockholm tagende internationale Friedenskongreß hat sich mit verschiedenen Fragen der internationalen Politik beschäftigt. Eine Rußland betreffende Resolution, die einstimmige Annahme fand — die russischen Delegierten enthielten sich der Abstimmung — y hat folgenden Wortlaut: „In dem Bewußtsein, daß kein Übereinkommen durch einseitigen Beschluß einer Partei abgeändert werden: kann, und daß das Verhältnis zwischen Rußland und Finnland auf rechtliches Übereinkommen gegründet ist, das Finnland als Nation: anerkennt, spricht der Kongreß sein lebhaftes .Bedauern aus, daß, die Reichsduma und die Regierung rechtliche Obereinkommen ohne Zustimmung der finnischen Nation abgeändert haben. Der Kongreß hofft, daß das russische Volk, nachdem es über die eigenen Interessen und die Wünsche der ganzen zivilisierten Welt aufgeklärt worden ist, nicht zögern werde, die rechtlichen Übereinkommen zwischen dem Kaiserreiche Rußland und dem Großfürstentum Finnland gemäß den Rechten beider Parteien in beiderseitigem Interesse wieder herzustellen." Für die Juden in Rußland fand der Friedenskongreß kein Wort. Negerpogrome. Die traurigen Rassenausschreitungen zu Reno in Texas und in den Südstaaten der Union, wo so viele Neger den Boxersieg Johnsons mit dem Leben bezahlen mußten, sind in der amerikanischen Presse anfangs ziemlich verlegen registriert worden. Später, als die Behörden allenthalben mit Militär und Austiahmszustand dem rasenden Pöbel Einhalt taten, stellte sich auch die amerikanische Presse pflichtgemäß der Hetze entgegen und nannte in ihren Artikeln die Sache beim richtigen Namen. Diese wenn auch verspätete Einkehr ist aber nicht nach dem Herzen der „Nowoje Wremja", die naturgemäß für die Niggerschlächtereien Sympathie empfinden muß. „Solche Explosionen"» schreibt das genannte Blatt am 26. Juli, „sind betrübend. Man muß sie jedoch dem Gebiet der Elemente zurechnen und nicht des bösen menschlichen Vorbedachts. Man kann die amerikanische Masse nicht „Pöbel" in diesem Sinne des Wortes nennen. Das Gros dieser Masse hat eine treffliche, wenigstens vierklassige Schule durchgemacht, ist in zäher Arbeit und Gesetzlichkeit erzogen. Sie hat mit den Negern weder soziale noch materielle, unversöhnliche Rechnungen, und nichtsdestoweniger hängt in Amerika ein Negerpogrom immer in der Luft. Seine Möglichkeit können weder Predigten noch die liberalen staatlichen Einrichtungen beseitigen. Aber welch ein Lärm wird von den liberalen amerikanischen Politikern erhoben, wenn ein ebensolcher elementarer Ausbruch anderswo, außerhalb der Vereinigten Staaten, erfolgt." Wozu zu bemerken ist, daß der russische „Chuligen" der böswilligere Bruder des Newyorker „Hooligan" ist. Und gegen elementare Gewalten die ja übrigens jüngst auch der König von Rumänien in einem Interview seufzend beklagt hat) baut ein Kulturstaat Dämme und Deiche. O II □□□□□□ o VS -- FEUILLETON □ □□□□□ ^1 O -<V O AHASVERS SENDUNG Eine Legende von Siegfried Schmitz, Wien I. Das Ende war da: Qottes Zorn hatte Jerusalem vernichtet. Schwer lastete auf der Welt die unfaßbare Qrimmtat des Höchsten; jäher Schreck hatte alles ergriffen: die Bäume bogen sich angstvoll, die Tiere des Waldes schrien auf in wildem Entsetzen, die Meereswogen bäumten sich wie unter Geißelhieben und die Erde bebte. Plötzlich ward, alles still, wie erstarrt; selbst die Himmelschöre verstummten. Das Lied der Welt tönte nicht mehr. Furchtbar wuchtete die Stille über Himmel und Erde. Da erscholl im weiten Himmelsraume ein tiefer Klageton, der immer machtvoller

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