Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 32 , DIE] Ein Dr. Gabel-Stipendium für den Bezalel Das Zentralkomitee der galizischen Zionisten veröffentlicht nachstehenden Aufruf: Die Trauer über den Verlust unseres Führers Dr. Gabel gibt sich weit über die Grenzen unseres Landes kund. Jedermann fühlt es, daß nicht nur die zionistische Partei, sondern das ganze jüdische Volk plötzlich einen seiner edelsten und besten Söhne, einen seiner gesinnungstüchtigsten und treuesten Kämpfer verloren hat. Es wird allgemein als Bedürfnis empfunden, den Verewigten durch Errichtung einer seinen Namen tragenden Stiftung zu ehren. Das gefertigte Zentralkomitee der galizischen Zionisten hat daher beschlossen, ein Dr. Heinrich Gabel-Stipendium für einen Bezalelschüler ins Leben zu rufen. Wir bitten daher alle EELT 777 diejenigen, die ihren Gefühlen für den Verstorbenen Ausdruck geben wollen, alle denselben Zwecken zugedachten Spenden diesem Stipendienfonds zuführen zu wollen. Es muß jedoch ein größerer Foncs aufgebracht werden, um so die Dankbarkeit unserer Partei wie auch der jüdischen Bevölkerung für den verstorbenen Abgeordneten in würdiger Form zum Ausdruck zu bringen. Wir erwarten, daß alle unsere Gesinnungsgenossen und Freunde, alle Vereine und Institutionen sofort mit den Sammlungen beginnen werden. Spenden wolle mm an die „Credit-Union" in Lemberg, Karl- Ludvvig-Straße, mit der Bestimmung „für das Dr. Gabel-Stipendium" richten und werden dieselben in den Parteiblättern ausgewiesen werden . Für das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens Dr. Dawid Schreiber O!!□□□□□ o \V -O REVUE DER WOCHE □ Kuropatkins Tagebuch. In dem Kampf, der von den „echten Russen" (diese, Bezeichnung als Gattungsnamen genommen) aller Völker gegen die Juden geführt wird, hat man vielfach zwei «ieutlich erkennbare und verschiedene Methoden festzustellen gesucht. Man hat von einer zivilisierten Art gesprochen, die, wie etwa in Österreich und Deutschland, mehr auf einen Boykott des Judenums, eine planmäßige Ausschaltung des jüdischen Elementes aus illen Gebieten des staatlich-sozialen und wirtschaftlichen Lebens, gerichtet ist, also mehr einen Asemitismus darstellt. Dieser steht die, wie sich die Leitartikel der liberalisierend schillernden euro-;»Mischen Presse ausdrücken, barbarische Form gegenüber, deren sich '. B. Rußland und Rumänien bedienen. Man konnte freilich des fieren eine gewisse Annäherung Westasiens an Westeuropa bedachten. Denn wenn Europa in so vielen Dingen der gebende Feil war, warum sollte es gerade, was die Juden betrifft, einen Jnterschied machen? Und es gab und gibt Russen genug, denen iie ewigen Pogrome als ein etwas geräuschvolles und unbegründetes Bekämpfungsmittel nicht mehr opportun erscheinen. Sie sehnen sich in der Arbeit, die breiten Volksmassen mit Judenhaß zu infizieren, nach einem mehr „wissenschaftlichen" Instrument, und das haben sie in der antisemitischen Literatur des Westens oft j[cnug gefunden. Freilich: die Schriften Treitschkes, Bartels und vieler anderer waren dem naiven Gemüt rustikaler Bevölkerung nieist nicht verständlich genug. Und so mußte man in Wien oder andern Kulturzentren dem suchenden Russentum andere, tauglichere Waffen schmieden. So entstand z. B. vor einigen Jahren das berühmte Flugblatt, das in mittelalterlicher Sprache die Geschichte von dem Rabbiner erzählte, der in der Nacht zum 9. Ab auf dein alten Prager Judenfriedhof seine Gemeinde auffordertet dem Christentum ewigen Haß zu schwören. Dieses Flugblat, erschien gleichzeitig in drei Ausgaben, in denen das Thema immer dem geplanten Verbreitungsort entsprechend variiert wurde. Das Hauptgewicht lag in der romantischen Schilderung der Szene. Die russische Ausgabe ließ den Mond phantastisch auf die uralten Grabsteine blicken, die magyarische Übersetzung gab eine nervenerregende Schilderung einer stürmischen Wetternacht auf dem Friedhof, und es war recht gruselig zu lesen, wie die Stimme des alten Rabbiners den Donner übertönte, und wie zuckender Blitzschein seine Gestalt umfloß, als er „Tod den Goim! ausrief. Dieses interessante Literaturerzeugnis erregte, als es die Druckpresse verließ, viel Staunen, Befremden, auch Lächeln, tat aber im übrigen den erwarteten Dienst .... Man las es in den Vorstadtwirtshäusern, in Fabriksälen, auf der Tenne und im ländlichen Einkehrhaus. Es klang erst in drei Sprachen, und als die Nachfrage drängender wurde, tauchte es in französischer und englischer Sprache auf und fand sogar einen Ehrenplatz in den Interpellationsbüchern der Parlamente Österreichs und Ungarns. Es übte immer und überall, wie schon gesagt, seine Wirkung. Dann verschwand es. Inzwischen ist man in Rußland, was Zivilisation und Kultur anlangt, fort- und vorwärtsgeschritten. Man emanzipiert sich von Europa. Und da der gespenstige Prager Rabbiner auf die etwas diffiziler gewordene Psychologie der Masse nicht weiter zu wirken schien, so fabrizierte man ein bodenständiges, von Heimatskunst durchwehtes Flugblatt, das eben jetzt seine Reise antritt. Diese autochtone Dichtung, die wir schon vor Monatsfrist besprochen haben, weiß zu erzählen: Nach einer Aufzeichnung im Tagebuch des Generals Kuropatkin, des Befehlshabers der russischen Armee im japanischen Kriege, habe man in den Kleidern eines gefallenen jüdischen Soldaten das Schreiben eines angesehenen Rabbiners aus dem Ansiedlungsrayon gefunden, in welchem ausgeführt wird, daß die jüdischen Soldaten auf dem Schlachtfelde die Pflicht und die Aufgabe hätten, die Niederlage der russischen Armee herbeizuführen. „Jeder Krieg, jede Revolution, wie jede politische Umwälzung, die das Reich schwächt und schädigt, kommt uns Juden zugute und bringt uns dem Ziele näher. Wir haben Interesse daran, möglichst die Saat der Unzufriedenheit ins Volk zu streuen. Das Bildungswesen, sowie alle intellektuellen Berufe müssen wir uns., erobern. Besonders wichtig ist es, daß sich die Juden des Ärztestandes bemächtigen, da auf diese Weise uns die Christen mit Leib und Leben .ausgeliefert sind. Daß der Geldmarkt, die Presse, sowie die ganze öffentliche Meinung uns Untertan sein müssen, bedarf keiner weitern Erörterung. Wir müssen die Macht über das Proletariat gewinnen, um mittels aller unzufriedenen Elemente, die wir uns möglichst zunutze machen, die Regierung zu stürzen und das neue Reich nach unserm Geschmacke umzubilden." Schauplatz und Inhalt der Erzählung ist also verändert. Prag hat der Ansiedlungsrayon abgelöst, und aus dem Friedhof ist die Mandschurei geworden. Und man stelle sich die Leser des Blattes bei der Lektüre oder, — was sicherlich richtiger ist, — bei der Anhörung desselben vor. Vor ihren Augen breitet sich die riesige schneebedeckte Landschaft, auf der Rußlands Armee zusammenbrach. Und in der Tasche eines erschossenen Juden fand sich dieser Brief. Bei wievielen solcher jüdischer Märtyrer hätte wohl Kuropatkin diesen Brief finden müssen! Er muß wohl recht eindrucksvoll gewirkt haben, denn sonst hätte ihn die russisch-offiziöse „Rossija" nicht abgedruckt. Und aus Stolypins Blatt geht diese Mär in die übrige russische Presse, und so kreist bald dieses Gift im russischen Volkskörper. Seine Wirkung werden wir vielleicht bald sehen. . . . Das Elend der russischen Juden heißt ein längerer Aufsatz, ' den das „Berliner Tageblatt" am 2. d. M. veröffentlicht hat. Der Artikel, der alle in der letzten Zeit bekanntgewordenen Beschränkungen des Wohnrechts der Juden in Rußland in eingehender Darstellung 2usammenfaßt, enthält für die Leser jüdischer Zeitungen, die sich leider jahraus, jahrein mit dieser Angelegenheit zu beschäfti-