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Die Welt · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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774 DIE^ELT No. 32 „Freund Ägyptens", von dem damals über Syrien herrschenden Mehemet Ali in Ägypten für die Juden in Palästina die Erlaubnis zu erwirken, Ländereien zu erwerben und zu bebauen. Anderthalb Jahre später (1840) wurde im Orient gegen die Juden dieselbe widersinnige Beschuldigung erhoben, wie seither wiederholt: daß sie Christen ermorden, um für rituelle Zwecke Blut zu haben. Auf Rhodus verschwand ein griechischer Knabe, in Damaskus ein Kapuzinermönch nebst seinem Diener. Die gewissenlose Beschuldigung, das Blut der Vermißten sei bei der Bereitung von Osterkuchen zur Verwendung gekommen, wurde wahrscheinlich von den wirklichen Mördern ausgesprengt. Auf eine Besprechung des Gegenstandes im Londoner Hause Montefiore folgte eine öffentliche Versammlung im Mansion House, dem Amtssitz des Lord-Mayors; dieselbe erklärte jene Beschuldigung als Verleumdung und entsandte Sir Moses als Delegierten der britischen Juden, der auf einer unparteiischen Untersuchung bestehen sollte. Bis Ägypten begleitete ihn Adolphe Cremieux, der spätere Vorsitzende des republikanischen Ministeriums von Frankreich, der selbst Jude war und nachmals die Alliance Israelite Universelle begründete. Auf dem Wege erfuhren sie, daß die Stambuler Gerichtsverhandlung mit dem vollständigen Freispruch der jüdischen Bevölkerung von Rhodus geendigt hatte. Die syrische Affäre dagegen bot Schwierigkeiten, die überdies durch die politische Lage erhöht wurden. Von den zwölf in Damaskus eingesperrten Juden starben drei an den Folgen der Foltern, denen man sie unterwarf, und eine öffentliche Schlußverhandlung war nicht zu erzielen. Die Schuld hieran trugen politische Intrigen der französischen Konsuln zu Damaskus und Alexandria. Endlich aber gelang es dem Einflüsse Montefiores zu erreichen, daß Mehemet Ali die Befreiung der Gefangenen* anordnete, seine Ungläubigkeit hinsichtlich der gegen sie erhobenen Anklage aussprach und an sämtliche Statthalter den Befehl ergehen ließ, die Juden vor Verfolgung zu schützen. Sodann begab Montefiore sich nach Konstantinopel, wo er im Interesse der Juden wirkte und einen glänzenden Erfolg errang. Am 12. November 1840 überreichte ihm Reschid Pascha einen vom Sultan Abdul Medschid unterschriebenen Ferman, in welchem die Freisprechung der Rhodenser Juden bekräftigt, das volkstümliche Vorurteil gegen dieselben widerlegt, das biblische Verbot des Blutgenusses betont, die Beschuldigung des Gebrauchs von Menschenblut als grundlos hingestellt, die Gleichheit der Israeliten mit den übrigen Bewohnern des ottomanischen Reiches ausdrücklich erklärt und jede Belästigung derselben untersagt wurde; endlich kam in dem Ferman der Befehl vor, daß sie gegen jede Verfolgung zu schützen und zu verteidigen seien. Dieses wertvolle, am 12. Ramazan 1856 vom Padischah gezeichnete Schriftstück ist Montefiore seither wiederholt zustatten gekommen, wenn es sich darum handelte, die Juden der Türkei — namentlich Rumäniens, wo sie schon vor dem Berliner Kongreß häufig verfolgt wurden — vor drohender Gefahr zu bewahren oder ihnen ihre Sicherheit wiederzugeben. Der edle Mann ist später nicht von der Insinuation verschont geblieben, er habe den Ferman erkauft. Als er nämlich im Jahre 1858 mit Kardinal Antonelli wegen der bekannten Mortara-Affäre — der Judenknabe Mortara war entführt, insgeheim zu Bologna getauft und zum Mönch bestimmt worden — unterhandelte, erlaubte sich der Staatssekretär Pius' IX. die taktlose Frage: „Wieviel von Rothschilds Gold haben Sie für das Dokument bezahlt?" Darauf erhielt er die entrüstete Antwort: „Nicht so viel, wie ich Ihrem Lakaien dafür gab, daß er meinen Mantel in Ihrem Vorzimmer aufhing." Auch den Beherrscher aller Reußen besuchte Montefiore noch in demselben Dezennium. Die Einverleibung Litauens und Polens hatte mehrere Millionen Juden unter die Herrschaft des nordischen Kolosses gebracht. Der Zar, ob der gewaltigen Rassenverschiedenheiten seiner Untertanen ohnehin in nicht geringer Verlegenheit, glaubte die Israeliten den Russen dadurch am besten assimilieren zu können, daß er sie massenweise in den Armee- und Flottendienst zwängte. Da die Rekrutierung mit Strenge gehandhabt wurde, trachteten die in der Nähe der Landes lebenden Juden, sich der ihnen traditionell verhaßten, weil ungewohnten Militärpflicht durch die Flucht nach Nachbarstaaten zu entziehen. Die Folge war, daß Nikolaus einen Ukas erließ, wonach alle innerhalb fünfzig Werst von den Grenzen wohnenden Juden mehr ins Innere des Reichs zu ziehen hätten (1845). Die Flucht wäre den meisten dadurch erspart worden, allein die Übersiedlung hätte über sie materielles Elend gebracht. Das Mitleid veranlaßte Sir Moses und Lady Judith, eine gefahrvolle Winterfahrt nach St. Petersburg zu machen, die mehr als einen Monat dauerte; sie brachen im Februar 1846 auf und erreichten ihren Bestimmungsort erst nach fast fünf Wochen. Sie hörten das Heulen von Wolfsrudeln und mußten, um diese abzuschrecken, Lärmgongs schlagen lassen. Es gelang dem Eifer Montefiores, den Kaiser von kommerziellen Nachteilen, die die Ausführung seines Dekrets nach sich gezogen hätte, zu überzeugen; dasselbe wurde zurückgezogen. Als der englische Menschenfreund sich vom Zar verabschiedete, sagte er; „Majestät, ich empfehle meine Glaubensgenossen Ihrem Schutze." Nikolaus antwortete: „Der soll ihnen zuteil werden, wenn sie Ihnen gleichen." Die nächsten Jahre widmete der nun in den Freiherrnstand erhobene Greis der Heimat. Er beschäftigte sich mit der Förderung jüdischen Bildungswesens, der Verbesserung der mosaischen Ehegesetzgebung und andern ähnlichen friedlichen Arbeiten. Schon damals genoß er eines so hohen Rufes, daß — um nur ein Beispiel anzuführen — ein reicher Glaubensgenosse, der in New-Orleans (Vereinigte Staaten) lebte, Judah Touro, ihn testamentarisch beauftragte, fünfzigtausend Dollars, die er ihm vermacht, nach eigenem Ermessen zum Wohle der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu verwenden. Der Ausbruch des Krimkrieges rief in Jerusalem im Zusammenhang mit der Winterstrenge eine Hungersnot hervor, der viele Personen zum Opfer, fielen. Der dortige Oberrabbiner, der sich auf den Weg nach Europa machte, um Hilfe zu suchen, starb in Alexandrien. In England erließ Montefiore in Gemeinschaft mit dem Londoner Oberrabbiner Adler einen Aufruf, der zwanzigtausend Pfund Sterling einbrachte. Nachdem ein großer Teil des Geldes ihnen vorausgegangen, traten Sir Moses und Lady Judith 1855 neuerdings eine Reise nach Palästina an. In Konstantinopel erlangte Montefiore vom Sultan einen Ferman, durch den ihm der Ankauf von Ländereien im Heiligen Lande gestattet wurde. Auf den erworbenen Grundstücken ließ er in der Hauptstadt Jerusalem für eigene

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