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Die Welt · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mö< 32 NEBELT 775 Rechnung eine Windmuhle, eine Mädchen- und eine Gewerbeschule, für das ihm von Judah Touro zur Verfügung gestellte Geld einige Armenasylhäuser erbauen und in Betrieb setzen. Auch setzte er es durch, daß das öffentliche Schlachthaus, in dessen Umgebung sich seit Jahrhunderten Abfälle und Unrat angesammelt hatten, aus dem Judenviertel nach einem Platze außerhalb der Stadt verlegt wurde. Endlich legte er in Safed und Tiberias landwirtschaftliche Kolonien an. Seine übrigen Reisen nach Palästina fallen in die Jahre 1849, 1857, 1866 und, wie bereits erwähnt, 1875. Seine ebenfalls schon einmal berührte Reise nach Rom (1858) in Sachen des geraubten Edgar Mortara blieb erfolglos; er konnte die Herausgabe des einem Kloster übergebenen Knaben nicht bewirken. Im nächsten Jahre korrespondierte er mit dem nachmaligen Premierminister Gladstone, der damals Regierungskommissar auf den Jonischen Inseln war, und empfahl ihm, die politische und soziale Lage jonischer Juden in Metracht zu ziehen; da Gladstone aber seine Stelle sehr nald darauf niederlegte, verzögerte sich die Sache bis 1861. In diesem Jahre erließ der Metropolit von Korfu .inen von Erfolg begleiteten Hirtenbrief, des Inhalts, laß eine schlechte Behandlung der Juden dem Geiste ües Christentums durchaus entgegengesetzt sei. Heute eben — und das ist indirekt Monfefiores Intervention zu 'erdanken — die jonischen wie überhaupt die griechischen luden mit den andersgläubigen Einwohnern des lellenischen Staates im besten Einvernehmen. Im Alter on 79 Jahren unternahm unser heldenmütiger Greis!ie beschwerliche Reise nach Marokko, um sich vom Sultan der Mauren die Beschützung seiner verfolgten indischen Untertanen zu erbitten. Er erreichte meinen Zweck, und das betreffende Edikt der braunen Majestät diente seither jedesmal, wenn in Marokko Judenhetzen vorkamen, als Grundlage von Protesten und Vorstellungen. Vier Jahre später ließ er sich durch eine ihm aus Bukarest zugehende Todesandrohung nicht abschrecken, nach Rumänien zu gehen, um auch dort seinen persönlichen Einfluß nach Möglichkeit zugunsten der bedrückten Glaubensgenossen geltend zu machen. 1871 bekümmerte er sich um das Wohl der Juden in Persien; er eröffnete anläßlich der herrschenden Hungersnot eine Geldsammlung, welche achtzehntausend Pfund ergab. Bei Gelegenheit des zweihundertjährigen Jahrestages der Geburt Peters des Großen (1872) ließ er es sich, trotz seiner 88 Jahre, nicht nehmen, als Vertreter der britischen Judenschaft nach der russischen Hauptstadt zu reisen, um Alexander II. in dessen Eigenschaft als Befreier der Leibeigenen eine Adresse zu überreichen. Um seinem greisen Besucher einen Weg zu ersparen, ließ der Zar die Militärmanöver im Stich und kam eigens nach Petersburg; er empfing ihn im Winterpalast, erinnerte ihn an die Unterredung mit Kaiser Nikolaus und erteilte ihm die beruhigendsten Versicherungen hinsichtlich der Lage der Juden in Rußland. Damals war Montefiore angenehm berührt von den Fortschritten, die deren Lage seit seinem frühern Aufenthalt (1846) gemacht hatte; nachträglich mußten ihn die Rückschritte, die sich während der letzten fünf bis sechs Jahre seines Lebens in der Behandlung der russischen Juden gezeigt hatten, desto tiefer geschmerzt haben. Von neuem erwuchs ihm die traurige Pflicht, den Opfern der Verfolgungen materielle Hilfe zu senden, Er freute sich sehr ob der später wieder eingetretenen Besserung, und man erinnert sich wohl noch daran, daß er es nicht unterließ, in seiner an Alexander III. gerichteten Krönungsgratulation eine Befürwortung seiner russischen Glaubensgenossen einzuflechten, wobeier sich auf des verstorbenen Zaren Zusicherungen berief. Sehr wahrscheinlich trug dieser Appell nicht wenig zu einer wenigstens vorübergehend besseren Instruierung der moskowitischen Lokalbehörden — die schon damals Judenhetzen gegenüber gern einige Augen zudrückten — bei. IV. An seinem neunzigsten Qeburtstage legte Montefiore sein Ehrenamt als Vorsitzender der Zentral-Verwaltungsbehörde der britischen Judenschaft — „Board of Deputies" genannt — nieder. Aus diesem Anlaß wurde eine Sammlung veranstaltet, welche über 12000 Pfund ergab. Zur Erinnerung an seine Verdienste sollte mit diesem Betrage irgendeine gemeinnützige Stiftung begründet werden. Hierüber zu Rate gezogen, drückte er den Wunsch aus, daß das Geld für die Hebung der Lage der palästinischen Judenheit verwendet werde. Da ihm im Heiligen Lande der Mangel an gesunden Wohnungen aufgefallen war, wurde der Ehrenfonds dortigen Baugesellschaften zur Verfügung gestellt, und diese Angelegenheit war eine der Veranlassungen seiner letzten Pilgerfahrt (1875), über die der furchtlose Neunziger bekanntlich ein höchst interessantes Tagebuch unter dem Titel „Vierzig Tage im Gelobten Lande" veröffentlicht hat. Seither ist er nur sehr selten öffentlich aufgetreten, was sich bei einem so alten Manne eigentlich von selbst versteht. 1878 empfing er als Erster seinen einstigen Glaubensgenossen Disraeli-Beaconsfield bei dessen Heimkehr von seiner politisch erfolgreichen Tätigkeit auf dem Berliner Kongreß und begrüßte den damals ungemein populären Staatsmann herzlich. Während des Tisza-Eszlärer Schandprozesses ließ er den Angeklagten Hilfe zukommen und sandte jedem Mitgliede des ungarischen Reichstages ein gedrucktes Exemplar des Blutschtild-Fermaiis von 1840. Die Eigenschaft, auf andere Rücksicht zu nehmen und ihnen Teilnahme zu zeigen, äußerte sich bei Montefiore u. a. auch darin, daß er bis zuletzt sehr darauf sah, seinen Freunden bei jeder gegebenen Gelegenheit schriftlich oder telegraphisch seine Glückwünsche darzubringen oder sein Beileid auszudrücken. Oberhaupt unterhielt er einen umfangreichen Briefwechsel in hebräischer, englischer und andern Sprachen, wobei drei Sekretäre vollauf zu tun hatten. Bis zum Tode bewahrte er sich die Lust an der Geselligkeit und das gute Gedächtnis. Er plauderte sehr gern. An seinem auf die See hinausgehenden Erkerfenster sitzend, erzählte er, wie es allgemein heißt, seinen Besuchern „mit erstaunlicher Lebhaftigkeit und Genauigkeit" seine Erlebnisse. Am liebsten sprach er von der Besserung der Lage der Israeliten, zu der er selbst so viel beigetragen. Seine Lebensweise war zuletzt, seinen Jahren entsprechend, eine recht einfache. Er nährte sich zumeist von Milch und Wein, hier und da nahm er Suppe oder Butterbrot. Er trank täglich zwei bis drei Glas alten Portweins, das Lieblingsgetränk der alten Engländer. Bis zum Tode seiner Gattin trug er den langen, blauen, mit goldenen Knöpfen versehenen Rock, der in seiner 2*

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