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Die Welt · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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No. 32 DIESffiELT 773 daß die, welche sich dieser Emanzipation widersetzten, mm größten Teil nicht von irgendwelcher antisemitischen itegung beeinflußt waren. Sie kämpften gegen die Vereitlung dieser Rechte aus dem Grunde, weil England ein christliches Land wäre und deshalb von Angehörigen les vorherrschenden Glaubens regiert werden sollte; und iele, die sich diesen Konzessionen widersetzt hatten, landen später im allerfreundlichsten Einvernehmen mit Sir Moses und den andern Führern der Emanzipationsewegung. Ich habe schon vorher Sir Moses' Loyalität gegenüber einem Herrscher erwähnt. Königin Viktoria, die ihn chon vor ihrer Thronbesteigung kannte, gab ihm viele ildvolle Zeichen ihrer Gunst, die von ihm immer mit efühlen der respektvollsten und innigsten Dankbarkeit ewahrt wurden, und von vielen andern Mitgliedern der oniglichen Familie empfing er ebenfalls Beweise der >hen Achtung, in der er bei ihnen stets stand. Mit der christlichen Geistlichkeit, sowohl mit der der;aatskirche wie auch mit der der Katholiken und der idern Konfessionen, stand er im besten Einvernehmen. Viele Geistliche, die in der Nähe seines Landhauses ohnten, erhielten von ihm Geld für die Armen ihres iprengels. Als er Sheriff der City von London war, wurde er Dil dem Erzbischof von Canterbury eingeladen, mit ihm Lambeth Palast zu dinieren; dies war das erstemal der Geschichte dieses Landes, daß ein Jude eine solche nladung erhielt. Er war mit all den folgenden Inhabern dieses hohen rehlichen Amtes bekannt, und er war auch ein persönher Freund des heimgegangenen Erzbischofs Tait.;icle, der Erzbischof sowohl wie Sir Moses, nahmen ■bhaftes Interesse an der Gründung eines Waisen- und enesungsheims, und Sir Moses beauftragte den berühmten ildhauer Weekes, mit der Einwilligung des Erzbischofs ne Büste des Primaten auszuführen, die in diesem Inntut aufgestellt werden sollte. Die Enthüllung der Büste fand in Gegenwart zahljicher Persönlichkeiten statt, unter denen sich fast alle leistlichen des Distriktes befanden. Zu seinem großen Bedauern und Verdruß war Sir loses, der damals in London weilte, durch Krankheit erhindert, dieser Feier beizuwohnen. Er ließ sich durch lerrn Dr. Louis Loewe vertreten. Kurz darauf erhielt Sir Moses den folgenden Brief vom Erzbischof: Stonehouse, St. Peters, Thanet, 21. November 1874.. Mein lieber Sir Moses! Herr Dr. Loewe sprach gestern vor, um Ihre äußerst gütige Botschaft auszurichten. So schön und gut sich auch Herr Dr. Loewe am Dienstag seiner Aufgabe entledigte, so gab es doch, —ich versichere Sie dessen, — ein allgemeines Bedauern, daß Sie nicht anwesend waren. Sie werden aus dem veröffentlichten Bericht und auch von Teilnehmern selbst gehört haben, wie glücklich der Tag verging. Es war heller Sonnenschein, und alle Dinge erschienen glückverheißend. Ihre Abwesenheit und der Grund derselben waren die einzigen Schattenseiten. Wie verschieden war doch der Tag durch Gottes Fügung von dem vor fünf Jahren, als Sie liebenswürdigerweise der Grundsteinlegung des Waisenhauses beiwohnten. In der Hoffnung, daß Ihre Gesundheit bald wiederhergestellt sein wird und daß Gottes bester Segen auf Ihnen und Ihren Lieben ruhen möge, bin ich, mein lieber Sir Moses, Ihr sehr aufrichtiger A. C. Cantuar. Mrs. Tait schließt sich all den besten Wünschen und Dankesworten an." Ich kann diese kleine Skizze über Sir Moses und meine Reminiszenzen an ihn nicht schließen, ohne der Feier seines neunundneunzigsten und hundersten Geburtstages* zu erwähnen. Ich war bei beiden Gelegenheiten in East Cliff, wo er damals wohnte, zugegen. Die Stadt Ramsgate, wie überhaupt die ganze Nachbarschaft, betrachtete diesen Tag als Feiertag. Die Schiffe im Hafen waren mit Flaggen geschmückt; die Hauptstraßen, speziell diejenigen, die nach East Cliff führten, waren wunderschön dekoriert, und mehrere Triumphbogen mit Inschriften, die Segen für Sir Moses erflehten, waren errichtet. Aber was mehr Eindruck auf mich machte, war die Menge von Leuten, die gekommen waren, Sir Moses zu gratulieren. Es gab beide Male einen feierlichen Umzug durch die Gärten, damit es Sir Moses, der an seinem Fenster saß, möglich war, alle ihn Beglückwünschenden zu sehen. Großartige Geschenke gingen ihm aus allen Teilen der Erde zu, und Briefe und Telegramme ohne Zahl kamen fortwährend an. Ich war zugegen, als er eine äußerst wohlwollende Botschaft von der Königin Viktoria erhielt. Es ist unnötig, hinzuzufügen, daß die Armen des Distrikts ohne Unterschied des Glaubens angemessen bewirtet wurden, und alle waren sehr befriedigt durch die gütigen Worte Sir Moses', der durch die Gratulationen und Kundgebungen warmer Gesinnung, welche er von allen Seiten empfangen hatte, über alle Maßen gerührt und erfreut war. Nur einmal noch kam ich dann nach East Cliff, aber diesmal war es eine Trauerreise; denn mein Onkel war von Gott abberufen worden. Niemals werde ich den schmerzlichen Eindruck vergessen, den das veränderte Aussehen der Stadt, die ich kurz vorher festlich geschmückt gesehen hatte, auf mich machte. Dieselbe Straße von der Station bis zum Hause erschien gänzlich verändert. Verschwunden waren die festlichen Dekorationen, die die Straßen schmückten; verschwunden waren die frohen Mienen derer, die die Straßen damals besetzt hatten. Zeichen der Trauer und niedergeschlagene Gesichter hatten ihren Platz eingenommen, und im Garten unterhalb des Fensters an derselben Stelle, wo wenige Monate vorher eine große und enthusiastische Menge dem großen alten Hundertjährigen immer wieder und wieder zugejubelt hatte, war jetzt eine kleine und stille Schar von kummervoll Trauernden im Begriff, ihn ehrerbietig an der Seite seiner Gattin, die er so sehr geliebt hatte, zu bestatten. _ Moses Montefiore Ein Charakterbild von Leopold Katscher.*) Zum 25. Jahrestag seines Todes— 7. Ab 1910. InderHauptstadt verteilten diebeidenreichlicheAlmosen und berieten mit den Rabbinern wegen des Ankaufs von Grund und Boden behufs Heranziehung der jungenGeneration zum Betriebe der Landwirtschaft. Es gelang dem *) Vgl. „Welt", Nr. 31.

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