Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Außerdem gibt es in der Anstalt zwei wundervolle Vasen, welche von Mordecai Schnitzer in Jerusalem angefertigt wurden, und welche Sir Moses speziell für die große Ausstellung in London bestellt hatte, da er zu zeigen wünschte, wie große Kunstfertigkeit es im Heiligen Lande gäbe. Es ist unmöglich, alle die andern Gegenstände in dem Seminar zu beschreiben, ohne einen Katalog zusammenzustellen. Das Interessanteste ist wohl die kleine Sammlung von Familienporträts, unter welchen das der Lady Montefiore vielleicht das hervorragendste ist. Es wurde gemalt, als sie noch sehr jung war, bald nach ihrer Heirat. Von ihm erfahren wir, daß sie eine große Schönheit war und in ihrer vornehmen Erscheinung vortrefflich zu ihrem stattlichen Gatten paßte. Sir Moses ist oft gemalt worden. Das beste Bild, wie ich glaube, ist jenes in dem Versammlungsraum der Bevis Marks Synagoge. Hier ist Sir Moses in seiner Uniform als „Deputy Lieutnant" dargestellt. In der Hand hält er den Ferman, welcher ihm vom Sultan Abdul Medjid überreicht wurde, und im Hintergrund sehen wir die Mauern und Türme von Jerusalem. Die Erwähnung der heiligen Stadt lenkt natürlich unsere Gedanken auf die Verbindung Sir Moses mit dem Lande unserer Vorfahren. Das tiefe Interesse, welches er immer an ihm nahm und seine vielen Reisen dorthin sind selbstverständlich zu sehr bekannt, als daß es wünschenswert oder notwendig wäre, daß ich mich bei diesem Thema aufhalte. Aber es ist oft gefragt worden, ob Sir Moses Zionist war, und Gegner unserer großen nationalen Bewegung haben nicht gezögert zu behaupten, daß er niemals seine Unterstützung dem Zionismus in seiner jetzigen Form geliehen hätte. Sie führen zur Rechtfertigung dieser etwas allgemeinen Behauptung an, daß, obgleich Sir Moses bei seinen vielen Besuchen im Heiligen Lande sowie auch zu andern Zeiten viel Zeit und Geld für die Besserung der Lage der dortigen Juden aufwendete, er niemals einen ernstlichen Versuch machte, für sie die politischen Rechte oder eben jene lokale Selbstverwaltung, welche die Kardinalforderung und die Grundlage der zionistischen Bewegung ist, zu erlangen. Ich möchte aber doch bei aller Achtung für diejenigen, die dieser Ansicht sind, bemerken, daß Sir Moses vor allen Dingen ein praktischer Mann war und daß es zu seiner Zeit mannigfache Gründe gab, die es schwierig und vielleicht selbst unmöglich gemacht haben würden, dem Baseler Programm praktischen Erfolg zu sichern. Aber seitdem hat sich vieles ereignet. Die politische Lage der Welt ist vollständig geändert, und viele verantwortliche Staatsmänner sind jetzt der Ansicht, daß die Erlangung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für die Juden eine Lösung der immer bestehenden gegenwärtigen und niemals geregelten jüdischen Frage sein wird. Die Führer der Bewegung haben keinen Zweifel gelassen, daß sie keineswegs wünschen die souveräne Autorität des Sultans zu schwächen, sondern daß es im Gegenteil ihr Wunsch ist, seine loyalen Untertanen, gute Bürger des großen ottomanischen Reiches zu werden. Aus all dem nun, was ich von Sir Moses weiß und gehört habe, habe ich mir die feste Oberzeugung gebildet, daß er heute ein treuer Anhänger der zionistischen Bewegung gewesen wäre. Als Beweis dieser Behauptung glaube ich nichts Besseres tun zu können als die folgende Stelle aus dem Buche, welches der hervorragende Schriftsteller Herr Luden Wolf über Sir Moses geschrieben hat, zu zitieren: „Bis vor vier Jahren war er ein regelmäßiger Besucher der Synagoge, und selbst jetzt liest er jedes Wort der vorgeschriebenen Gebete. Er fastet am Jahrestage der Einnahme Jerusalems durch die Römer und am Versöhnungsfeste. Den Speisegesetzen gehorcht er auf den Buchstaben, und während seines ganzen Lebens hat er sich streng des Genusses des Fleisches von Tieren, die keine geteilten Hufe haben oder keine Wiederkäuer sind, enthalten. Mit diesen traditionellen Beobachtungen vereint er ein buchstäbliches Festhalten an den Hoffnungen einer nationalen Wiederherstellung Israels, wie sie von den Propheten und ■■ Rabbinen geweissagt ist. Als er vor einigen Jahren über diesen Gegenstand befragt wurde, antwortete er mit einem zufriedenen Lächeln: „Ich bin dessen ganz sicher; es ist mein beständiger Traum gewesen, und ich hoffe, er wird eines Tages, wenn ich nicht mehr sein werde, verwirklicht werden." Auf die Entgegnung, daß es unmöglich sein würde, die Juden, die in allen Ecken der Welt zerstreut sind, zu sammeln, antwortete er: „„Ich erwarte nicht, daß alle Israeliten ihre Wohnstätte in solchen Gebieten, in welchen sie sich glücklich fühlen, verlassen, genau so wie es Engländer in Ungarn, Deutschland, Amerika und Japan gibt; aber in Palästina wird einst ein jüdisches Gemeinwesen entstehen." Doch da es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Gegnern der großen nationalen Bewegung gibt, die niemals müde werden zu behaupten, daß es unmöglich ist für einen Mann, der Zionist ist, ein patriotischer und loyaler Bürger seines Wohnlandes zu sein, so ist es sicherlich wert zu verzeichnen, daß es stets anerkannt wurde, daß Sir Moses sich sowohl durch seine Loyalität gegenüber seinem Herrscher, als auch durch den Eifer auszeichnete, mit dem er alle Pflichten eines englischen Bürgers erfüllte. Für die eingesetzten Behörden hat er stets den tiefsten Respekt gehabt, und eine seiner Lieblingsredensarten war: „Fürchte Gott und den König und gib dich nicht mit denen ab, die dem Wechsel ergeben sind." Man möge aber nicht glauben, daß er sich bei Dingen beruhigte, von denen er glaubte, daß sie falsch seien. Nichts ist der Wahrheit entfernter. Er war ein eifriger Verfechter von Freiheit und Gerechtigkeit, nur glaubte er, daß man sie in einer friedlichen und ruhigen Weise suchen solle. In der Zeit des großen Kampfes der Juden für ihre politische Emanzipation war er unermüdlich, obgleich er selbst niemals einen Sitz im Parlament suchte oder wünschte. In der Tat, hierin wie in all seinem andern Tun, dachte er nie an sich selbst. Sein einziger Wunsch war, dem Wohlergehen seiner Brüder zu dienen und es zu fördern. Ich erinnere mich noch gut, daß ich ihn von den großen Schwierigkeiten sprechen hörte, denen man begegnen müßte und die erst überwunden werden müßten, bevor dieser einfache Akt der Gerechtigkeit erlangt wäre. Es erscheint heute beinahe unglaublich, daß solch eine Frage einen solch bittern Streit heraufbeschworen haben sollte. Es ist indessen nur recht und billig, hinzuzufügen.