Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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Stande sind und zu deren Lösung eine landwirtschaftliche Versuchsstation und ein gut geleitetes Fachorgan viel beitragen könnten. Bedauernswerter Weise hat sich die Zahl der jüdischen Arbeiter bei uns verringert, weil es für sie keine feste Beschäftigung im Laufe des ganzen Jahres gab. NACHRICHTEN Sterbefälle. In Pohrlitz (Mähren) ist am 10. d. M. der Vater des dortigen Stadtarztes Dr. Gustav Pick, Herr Moses Pick, emeritierter Hauptschullehrer, Verfasser der hebräischen Bibel „Limdu hetew", der Jugendschriften „Tautropfen", ,.Jugendschatz", im Alter von 88 Jahren verschieden. Herr Josef Co wen in London hat dieser Tage einen schweren Verlust durch den Tod seines Vaters erlitten, der im Alter von 72 Jahren am Samstag, den 16. d. M. gestorben ist. Das Begräbnis fand am Montagnachmittag statt. Unter den Trauergästen befand sieg auch Herr Wolffsohn. In Reschitza (Rußland) ist am 14. d. M. der Rabbiner von Lomsza, Malkiel Zwi Tennen bäum auf der Heimkehr von der Petersburger Rabbinerkonferenz plötzlich gestorben. Jüdische Kurgäste in Karlsbad Nunmehr, wo die Badesaison in den Kurorten beginnt, empfiehlt es sich, über wahrhaft beschämende und ärgerniserregende Zustände in der Kurstadt Karlsbad zu sprechen. Bekanntlich wird Karlsbad von einer nicht geringen Zahl von Juden aus Galizien, der Bukowina, Rußland usw. besucht, welche oft ihre letzten Ersparnisse zusammengerafft haben, um an den heilkräftigen Quellen von qualvollen Leiden Heilung oder Besserung zu erlangen.. Vier bis sechs Wochen hält sich der arme Mann an die ärztlichen Vorschriften mjt einer Genauigkeit, als ob ein verlängertes Bad oder einige Tropfen mehr vom Brunnen die schwersten Folgen nach sich ziehen würden. Endlich kommt der Tag der Abreise, und was sehen wir nun? Sobald wenige Minuten vor Abgang des berüchtigten „polnischen" Zuges die gänzlich unzureichenden direkten Wagen nach Galizien geöffnet werden, beginnt ein wahres Handgemenge unter den anstürmenden Kranken und Rekonvaleszenten. Greise, Frauen, Männer und Kinder kämpfen um die Sitze, fallen übereinander, balgen sich, und in der Nähe stehen die Beamten, Träger, Türhüter und Portiers, und sehen hohnlachend diesem Treiben zu. Freilich sind es nur arme Juden, die mit diesem Zuge dritter Klasse nach Hause fahren wollen; aber trotzdem ist es merkwürdig, daß ein solcher skandalöser Zustand seit Jahren bestehen kann, ohne daß sich die Gemeinde, die Polizeu die Bahngesellschaften, Behörden usw. um die Abstellung des Übels kümmern und für eine entsprechende Unterbringung der Reisenden sorgen. Die Stadt Karlsbad gibt, laut ihren Angaben, jährlich Hunderttausende oder gar Millionen für-den Komfort ihrer Besucher aus; sollte es kein Mittel geben, daß sie auch für die menschenwürdige Rückbeförderung der nach absolvierter Kur abreisenden Personen Sorge trägt? Freilich in diesem Falle sind es nur Juden, aber schließlich sind das ja auch Menschen und — Kurgäste. Ein neues Industriegesetz in Rumänien Die „Voss. Zeitung" erhält von ihrem Bukarester Berichterstatter interessante Einzelheiten über die neue Vorlage zur Abänderung des bestehenden Industrieförderungsgesetzes, welche die rumänische Regierung vor kurzem in der Kammer eingebracht hat. Darnach verfolgt das neue Gesetz den Zweck, die Fremden, und ganz besonders die eingeborenen Juden, so gründlich wie nur möglich aus der Betätigung im industriellen Leben des Landes hinauszudrängen. Gleich im ersten Artikel wird nämlich festgesetzt, daß alle Industrien in Rumänien, für die irgendein Schutzzoll besteht, — und so ziemlich alle Industrien des Landes fallen in diese Kategorie, — als staatlich gestützt betrachtet und den Bestimmungen des neuen Gesetzes unterworfen werden. Und im Anschluß daran wird angeordnet, daß in jeder Fabrik, die unter der Herrschaft des neuen Gesetzes fünf Jahre besteht, 7 5 v. H. des darin beschäftigten Personals aller Kategorien Rumänen sein müssen, und daß dieseRumänen 75 v. H. derGesamtsumme der zur Auszahlung gelangenden Gehälter und Löhne zu bekommen haben. Die fortan bei den Industrieunternehmungen sich ergebenden freien Stellen müssen mit Rumänen besetzt werden, und überdies werden die Fabriken verpflichtet' alle rumänischen Lehrlinge, die das Ministerium ihnen zuzuschicken für gut findet, aufzunehmen und in die Lage zu versetzen, das Gewerbe zu erlernen. Der Fabrikant hat nicht die Möglichkeit, sich durch Verzicht auf die Begünstigung des Gesetzes diesen Verpflichtungen zu entziehen, und die Regierung hat das Recht, im Übertretungsfalle mit Strafen gegen ihn vorzugehen. Was die eingeborenen Juden betrifft, so haben sie sich unter dem Drucke der ihrer Erwerbstätigkeit auferlegten Beschränkungen in immer höherm Maße der Industrie zugewendet, wo sie als Angestellte aller Kategorien ein sehr brauchbares und nützliches Element sind. Diese Leute, die seit Generationen im Lande ansässig sind und alle Staatsbürgerpflichten erfüllen müssen, werden durch das neue Gesetz ganz und gar den für die Fremden geltenden Bestimmungen unterstellt und buchstäblich auf die Straße geworfen. In dieser Weise wird das nun schon seit mehr als 30 Jahren geübte System der wirtschaftlichen Aushungerung der eingeborenen Juden um eine neue, überaus harte Maßregel vermehrt, und Tausende von Leuten, die bis heute in ehrlicher und nützlicher Arbeit ihr Brot verdienen konnten, werden der Verelendung preisgegeben. Die „Vossische Zeitung" bezeichnet diese Gesetzes vorläge als eine Ungeheuerlichkeit, die in letzter Linie darauf hinausläuft, den ausländischen Kapitalisten, die in Rumänien Industrien geschaffen haben, die Früchte ihrer Arbeit aus den Händen zu winden, um sie unfähigen rumänischen Händen zu überantworten. Man gehe auf einen großen Raubzug aus, der nicht nur mit der Vernichtung tausender Existenzen, sondern auch mit der Zerstörung alles dessen, was bisher auf industriellem Gebiete in Rumänien geleistet worden ist, enden muß. Sir Rufus Isaacs Ans London wird uns berichtet: Die Zeitungen berichteten unlängst, daß der bekannte Rechtsanwalt Rufus Isaccs, der vor kurzem zum Solicitor General ernannt war, in den Adelstand erhoben wurde. Sir Rufus Isaacs ist eine sehr populäre Persönlichkeit in England und erfreut sich der Achtung aller gesellschaftlichen Klassen und politischen Schattierungen. Er ist ein Self-mademan, der dank seinen glänzenden Fähigkeiten, nach einer abenteuerlichen Karriere, die höchsten Stufen der gesellschaftlichen Leiter erklommen hatte. Wegen seiner Liebenswürdigkeit und äußersten Klugheit ist er zugleich geliebt und gefürchtet. Sogar diejenigen, die öffentlich oder im Innern ihres Herzens finden, daß das Ministerium bereits zu viele Juden in seiner Mitte zählt, nehmen es keinesfalls übel, daß es Rufus Isaacs in seinen Kreis aufnahm, und die Konservativen seines Wahlbezirks beschlossen nach einer kurzen Beratung, keinen Gegenkandidaten aufzustellen, als durch seine Ernennung zum Solicitor General seine Neuwahl nötig war, obwohl sie vielleicht die Möglichkeit hatten, ihn in den Wahlen zu stürzen. Die englische Judenheit ist sehr stolz auf die Ehre, die ihr seitens der liberalen Regierung durch die Auszeichnung von Isaacs, Nathan, Samuel und Montague erteilt wurde. Zum ersten Mal finden wir in der Geschichte der Welt ein Ministerium, das drei Juden, wirkliche Juden, zu seinen Mitgliedern zählt, und das die Verwaltung des Post- und Telegraphenwesens des ganzen Reichs in die Hände von zwei Juden gelegt hat. Aber noch stärker als das Gefühl des Stolzes ob der erwiesenen Ehre ist das Gefühl der Erleichterung, das sich überall bemerkbar macht. Denn vor den Wahlen fürchtete man allgemein (obwohl man nicht die „Chuzpah" hatte, es offen herauszusagen), daß die Campagne von Lord Rothschild gegen das Budget den traditionellen Sympathien der Liberalen den Juden gegenüber ein schnelles Ende machen werde, wofür man gewisse angeregte Ausdrücke von Lloyd George deutlich zu sprechen glaubte. Aber die liberale Partei bewies durch ihre Haltung und Handlungen den Juden gegenüber, daß sie mehr als dem Namen nach liberal ist und daß sie keinesfalls mit den Liberalen in Deutschland oder in Österreich zu vergleichen sei. Freilich wußte sie, daß das Gros der jüdischen Wähler, die Masse, für sie stimmte, ohne auch irgendwie auf die Mahnungen und Aufrufe von Lord Rothschild zu achten, deren sich konservative Kandidaten, manche von sehr zweifelhafter Judenfreundlichkeit, zum Fange jüdischer Stimmen bedient hatten. Man munkelt zwar in konservativen Kreisen, daß diese Auszeichnungen der Juden, die zufälligerweise zwei Mitgliedern der Familie von Lord Swaythling zugute kamen, nicht ihnen persönlich gelten, sondern als Mittel dienen, urn Rothschild zu ärgern (die Verhältnisse zwischen dem Hause Rothschild und dem Hause Montag en sind etwas „strained", wie man hier sagt, daher auch die entgegengesetzten Richtungen in der allgemeinen und in Kehille- Politik), wozu noch der Grafentitel für Lord Swaythling kommen soll; aber wer die Personen, die jetzt an der Spitze der liberalen Regierung stehen kennt, weiß, daß diese Ansicht grundfalsch ist. Die englischen Liberalen sind einfach liberal im wahrsten Sinne des Wortes.