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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 24

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 24)
Language
German
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374 DIEMELT No. 16 einen Artikel über Territorialismus und Zionismus geschrieben hat, der nach meiner Ansicht nur von einem Renegaten geschrieben werden konnte. (Beifall.) Zangwill hat sehr lange gewartet, ehe er zu uns kam. Er hat es sich 4—5 Jahre überlegt und dann ist er begeisterter Zionist geworden. Nach weiteren vier Jahren hat Zangwill, nachdem Herzl gestorben war, und nachdem der 7. Kongreß das Ostafrika-Projekt abgelehnt hatte, die Ito gegründet und gegen den Zionismus zu kämpfen begonnen. Jetzt tritt Mr. Zangwill vor die Öffentlichkeit und schreibt gegen den Zionismus, wie noch nie ein Feind über uns geschrieben hat. Er schreibt genau das Gegenteil von dem, was er früher über den Zionismus sagte. Wer früher seine Artikel oder seine Reden im Article Club las oder seine Reden auf dem Zionistenkongreß, wird wissen, daß Herr Zangwill heute das Gegenteil schreibt. Früher hat er Palästina in den Himmel gehoben, jetzt ist Palästina das schlechteste Land, das existiert. Früher war der Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage, jetzt ist er die schlechteste. Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen. Ich möchte nur auf den Pessimismus hinweisen, den Zangwill am Schlüsse des letzten Artikels zeigt. Er sagt dort, daß alles bei uns bankrott ist, daß alles tot ist; die zionistische Idee ist tot, der Zionismus ist tot, Palästina ist bankrott, das jüdische Volk ist tot. Sogar der Territorialismus ist nach Zangwills Ansicht tot. Alles ist tot, alles ist für ihn gestorben, und ich finde es nicht schön von einem so gebildeten Manne, wie Zangwill ist, daß er einem Toten so viel Schlechtes nachsagt (Heiterkeit und lebhafter Beifall). Zangwill kann froh sein, daß er kein Prophet ist. Wäre er ein Prophet gewesen, dann wäre es ihm wahrscheinlich so ergangen, wie dem Propheten Elias. Als Elias in die Wüste flüchtete, hatte er vor Gott auf die Juden fürchterlich geschimpft, ihnen alles Schlechte nachgesagt und ging sogar soweit, daß er sagte: „Sie haben Deinen Bund verlassen, sie haben Dir die Treue gebrochen!" Da strafte Gott den Elias und sagte: „Von jetzt an mußt Du zu jedem „Brith" persönlich erscheinen, mußt überall dabei sein und Dich überzeugen, daß Du nicht ganz richtig berichtet hast, und daß Du kein Recht hattest so zu klagen!" Wie wurde es nun Zangwill ergehen, wenn er zu allen zionistischen Versammlungen und Kongressen kommen müßte, um zu sehen, daß der Zionismus lebt! (Lebhafter Beifall.) Wie würde es Zangwill .ergehen, wenn er in alle jüdischen Vereine, Turnvereine gehen müßte, in die Vereine für hebräische Sprache, Literaturvereine und nach Palästina, um zu sehen, was der Zionismus dort geschaffen hat, um zu sehen, wie unser altes Land jetzt zu neuem Leben erwacht ist« (Lebhafter Beifall.) Zu seinem Glück und vielleicht zu unserm ist Mr. Zangwill kein Prophet; er macht auch gar keinen Anspruch darauf. Aber etwas anders behauptet er. Er hat wiederholt gesagt, daß er der natürliche Nachfolger Herzls ist. Ich kenne nur eine Ähnlichkeit zwischen Herzl und Herrn Zangwill, nämlich, daß Herr Zangwill auch ein großer Schriftsteller und Dichter ist. Andere Ähnlichkeiten finde ich nicht. Herzl war ein großer Dichter, aber deswegen ist noch nicht jeder Dichter ein Herzl. (Lebhafter Beifall.) Herzl war ein Dichter, aber er war auch ein praktischer Politiker. Als er daran ging, die Idee des Judenstaates praktisch durchzuführen, hat er sich sofort der zionistischen Idee bemächtigt und hat sich sofort dem Zionismus angeschlossen. Er ist Zionist geworden. Als aber Zangwill ging, seine eigenen Ideen durchzuführen, hat er sich vom Zionismus getrennt, wollte er nicht mehr Zionist sein. Dr. Herzl hat die gleichdenkenden Juden vereinigt, den Kongreß geschaffen, er hat die Juden aus der ganzen Welt zusammengeführt. Zangwills erste Tat war, als er daran ging seine Ideen durchzuführen, daß er sich von der Organisation trennte. Herzl hat Finanz-Institutionen geschaffen, die jüdische Kolonialbank, den Nationalfond, die doch schließlich keinen andern Zweck haben, als Palästina zu kolonisieren, Juden dort anzusiedeln. Zangwills erste Tat aber war, diese Institutionen zu bekämpfen, Prozesse gegen uns zu führen, um unserer Bank zu schaden. (Hört, hört!) Herzl hat mit der englischen Regierung wegen El Arisch, eines Stückes von Palästina, verhandelt, welches jenseits der türkischen Grenze liegt. Und als die Verhandlungen daran scheiterten, daß dieses Gebiet für uns nicht brauchbar war, da entwickelten sich daraus die Verhandlungen betreffend das Ostafrika-Projekt. Dort wollte Herzl ein sogenanntes Nachtasyl schaffen, wenn — das Land dafür geeignet schien. Zangwill war dafür, er wollte aber, als unsere Kommission uns berichtet hatte, daß Ostafrika für uns ungeeignet sei, trotzdem dorthin gehen und dort kein Nachtasyl, sondern eine Heimstätte für das jüdische Volk schaffen. Dr. Herzl unterhandelte zu derselben Zeit mit dem früheren Sultan Abdul Hamid; .der Sultan stellte ihm die Einwanderung der Juden in der Türkei frei. Herzl lehnte dies sofort ab und sagte, die Lösung der Judenfrage könne nur in einer jüdischen Heimat, in einer Heimstätte, in einem Zentrum erfolgen, und das jüdische Zentrum könne nur Palästina sein. Zangwill hatte genau denselben Gedanken und dieselben Ideen und — geht nach Galveston! Herzl war ein Dichter, kein jüdischer Dichter. Als er zu uns kam, wußte er wenig vom Judentum. Er hat sich aber hineingefühlt und hat „Das Neue Ghetto" geschrieben, ein Drama, in welchem er beweist, daß das Heil des jüdischen Volkes nur in seinem Bekenntnis zur Nationalität liegt und daß die Assimilation für uns Juden ein Unglück ist. Das hat Herzl getan 1 Zangwill, der jüdische Dichter, der sich als Nachfolger Herzl's erklärt, schreibt sein „Melting-pot"! Sie sehen schon, daß Zangwill wenig Ähnlichkeit mit unserm Herzl hat und daß er nicht der natürliche Nachfolger Herzls ist. Er ist auch nicht der wirkliche Nachfolger, denn der wird vom Kongreß gewählt, nicht aber von der Ito (Lebhafter Beifall)! Zangwill gibt uns einen guten Rat. Nachdem er gefunden hat, daß alles tot ist, findet er kein anderes Mittel, als daß die Juden nach Amerika auswandern und lieber Amerikaner als Ottomanen werden sollen. Dieser Rat ist nach meiner Ansicht überflüssig, er kommt auch viel zu spät. Die Juden sind nach Amerika ausgewandert, lange bevor Zangwill zur Welt kam. Sie haben auf seinen Rat nicht gewartet. Herr Zangwill vergißt, daß unter diesen eingewanderten amerikanischen Bürgern viele Tausende Zionisten sind, die nach Zion gehen 'wollen. (Lebhafter Beifall). Ich muß aufrichtig sagen, es ist schwer, bei aller Achtung vor der Person Zangwills, seine Ratschläge in jüdischen Angelegenheiten zu befolgen, denn er hat zu oft seine ivleinung geändert. Er hat auch den Glauben an das jüdische Volk verloren, an dessen Zukunft er verzweifelt. Aber ich möchte dem Meister des jüdischen Witzes empfehlen, er solle nicht den Judenwitz mit dem Judenschmerz verwechseln! („Hörr, hört!" Lebhafter Beifall). Und nun, meine Damen und Herren, nachdem ich mit dem Wegräumen des Chomez fertig bin, (lebhafte Heiterkeit und Beifall) will ich zur Hauptsache kommen. Es ist bereits von Herrn Dr, Dreyfuß auf die letzten Vorgänge auf dem Kongreß in Hamburg hingewiesen worden. Es wurden dort von einer großen Opposition eine ganze Reihe von Vorwürfen gegen die Leitung — damit werde ich hauptsächlich gemeint — erhoben, die dort widerlegt und entkräftet worden sind. Trotzdem aber tauchen noch immer verschiedene Vorwürfe auf, zum Teil die alten von früher, zum Teil neue. So wird jetzt von mir behauptet, daß ich als politischer Zionist gegen praktische Arbeit bin. Ich habe bereits auf dem Kongreß gesagt, es solle doch einer vortreten, und' mir beweisen, wann und wo ich gegen praktische Arbeit war. Von der ersten Minute an seit dem Beginn unserer Bewegung habe ich nichts anderes getan, als praktische Arbeit für den Zionismus zu leisten. (LebhafterBeifall.) Das tue ich auch heute und zu jederzeit. Nur verstehe ich unter praktischer Arbeit etwas anderes, als vielleicht manche unter uns, die Kritik üben. Es wird ja so getan, als wenn der politische Zionist etwas minderwertiges wäre. Ich glaube aber, jeder Zionist, der unserer Organisation angehört, muß ein politischer Zionist sein. (Lebhafter Beifall). Worin unterscheidet sich der politische Zionismus 'von dem sogenannten praktischen? Die Praktischen nach dem alten System der Chowewe Zion betrachten die praktische Arbeit als Selbstzweck. Ich aber denke, daß unsere Organisation nur Arbeiten unternehmen darf, die nicht als Selbstzweck aufzufassen sind, sondern als Mittel zum Zweck, als Mittel für unsere große- Idee. Ich will es Ihnen an einem kleinen Beispiel klar machen. Wir haben 2 Millionen Francs in der A. P. C. investiert. Hätten wir sie nach dem Muster der Chowewe Zion verwendet, so hätten wir damit höchstens 100 jüdische Familien ansiedeln können. Die A. P. C. hat aber mit ihren 2 Millionen tausende unterstützt, sie unterstützt Industrie und Handel, wovon nicht einzelne, sondern alle Vorteile haben. Wenn wir beispielsweise mit den 150 000 Frs., die der Nationalfonds für die Gewerbeschulen, den Bezalel usw. bereit gestellt hat, nach dem alten System verwendet hätten, so würden wir damit 5, vielleicht 7 Familien angesiedelt haben." Der Bezalel ernährt aber schon heute hunderte Familien in Jerusalem und wird noch Tausende und Abertausende unterstützen. Das ist

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