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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 16 - DIE2 schon bei der Mühle, das ist doch die Mühle des Dorfältesten. Einst war es Nachman Werebiwkers Mühle, jetzt gehört sie dem Dorfältesten; Opala heißt er, ein schlauer Goi, der einen Ohrring trägt und einen Samowar in seiner Stube stehen hat. Opala, der Dorfälteste, ist ein reicher Bauer. Außer der Mühle besitzt er einen Laden, eben den Laden, der einst Nachman Werebiwker gehörte. In listiger Weise überbot er den Juden bei dem Mietsherrn und brachte ihn um den Laden und um die Mühle. . . Um diese Jahreszeit ist die Mühle sonst im Gang, nur heute nicht. Heute steht sie still. Es fehlt an jedem Wind. Ein sonderbarer Pessach-Vorabend, ein Pessach-Vorabend ohne Wind. Darum steht sie still, die Mühle. Unsern Freunden Veitel und Feriko kommt dies gerade zu statten. Wenn die Mühle stillesteht, kann man sie genauer betrachten. An einer Mühle gibt es immer etwas zu sehen. Die Mühle an sich ist zwar noch lange keine solche Sehenswürdigkeit wie der Holzblock, der vor sie hingelegt wurde und mit einem Rädchen an der Spitze versehen ist, um die Mühle nach der Richtung des Windes in Bewegung zu setzen. Auf diesen Block setzen sich die beiden Freunde, und nun entspinnt sich zwischen ihnen ein Gespräch, eines jener Gespräche, die keinen Anfang und kein Ende haben. Veitel erzählt Neuigkeiten aus der Stadt. Der Vater hat ihn einmal mit nach der Stadt genommen, war mit ihm auf dem Markte, da hat er Läden gesehen. Nicht einen Laden, wie bei ihnen in Werebiwka, sondern viele, viele Läden. Und hernach gegen Abend, so erzählt Veitel, gingen sie in die Synagoge. „Der Vater hatte gerade Jahrzeit nach seinem Vater, nach meinem Großvater, verstehst du, Feriko, oder verstehst du nicht?" Es mag sein, daß Feriko versteht, aber er hört nicht hin, denn er unterbricht ihn plötzlich mit einer Geschichte? die zu Veiteis Erzählung wie die Faust aufs Auge paßt. Feriko erzählt dem Veitel, wie er vor Jahren ein Vogelnest auf einem hohen Baum erblickt habe. Er wollte hinauf, konnte aber nicht, da wollte er es mit einem Stock erreichen, es ging aber nicht. Er begann nun Steine nach dem Vogelnest zu werfen und warf so lange, bis zwei blutende Vöglein zur Erde herabfielen. „Erschlagen?" — fragt Veitel erschrocken und fährt zusammen.— „Ganz junge," verteidigt sich Feriko. „Aber erschlagen!" „Ohne Federn, gelbe Schnäbel, dicke Bäuche." „Aber erschlagen, erschlagen. ..." VIII. Es war nicht mehr früh, als unsere beiden jungen Freunde sich nach der Sonne am Himmel umsahen. Es war schon Zeit, nach Hause zu gehen. Veitel hatte schon vergessen, daß heute abend Pessach sei. Nun erinnerte er sich, daß die Mutter ihm noch den Kopf gELT 369 waschen und eine neue Hose anziehen müsse, und er erhob sich hastig, und Feriko ihm nach, und sie machten sich frisch und freudig auf den Heimweg. Damit aber der eine nicht früher, der andere nicht später nach Hause käme, nahmen sie einander wie treue Freunde bei der Hand und schnellten wie ein Pfeil aus dem Bogen ins Dorf. Und als sie ins Dorf kamen, entrollte sich ihren Augen folgendes Bild: Nachmans Stube ist von Bauern und Bäuerinnen, Bauernburschen und Bauernmägden belagert. Kuretschka, der Schreiber, Opala, der Dorfälteste, der Kanzlist, der Gendarm, alle stehen hier, alle reden, alle lärmen. Und Nachman mit seiner Frau stehen in der Mitte, setzen den Bauern etwas auseinander und gestikulieren mit den Händen, Nachman beugt sich ein wenig, wischt # sich mit beiden Händen den Schweiß ab. Seitwärts stehen die ältern Kinder Nachmans mit finstern Blicken da. . . . Plötzlich ändert sich das ganze Bild, einer deutet auf die beiden jungen Freunde, und der ganze Haufen mit dem Schreiber, dem Kanzlisten, dem Dorfältesten und dem Aufseher bleibt wie gelähmt stehen. Nur der eine Nachman wirft einen Blick auf die Menge und reckt seine breiten, stämmigen Schultern. „Nun!" ruft er und bricht in Lachen aus. Und Nachmans Frau faltet die Hände und beginnt zu weinen. . . . Der Dorfälteste mit dem Kanzlisten und dem Aufseher treten hervor und gehen auf die beiden Kleinen zu. „Wo wart ihr, ihr. . . ." „Wo wir waren? Bei der Mühle waren wir. . . -" IX. Beide Freunde, sowohl Veitel als Feriko, mußten an diesem Abend etwas Schönes erleben, und beide konnten nicht begreifen, warum. Veitel bekam zunächst von seinem Vater „Prügel" mit dem Käppchen. „Der Junge soll wissen".... Was soll der Junge wissen?. . Und die Mutter riß ihn, wohl aus Mitleid, aus den Händen des Vaters, versetzte ihm ihrerseits ein paar Püffe und begann gleich darauf, ihm den Kopf zu reinigen und ihn in eine Hose zu stecken, — das einzige neue Garderobestück für Pessach.. . . Und sie seufzt. Warum seufzt sie?... Und hernach hört er, wie die Mutter zum Vater sagt: „Möge Gott helfen, daß wir dieses Fest glücklich überstehen, möge es doch nur glatt ablaufen. Der Pessach hätte wegbleiben dürfen, noch ehe er gekommen ist!"... Und unserm Veitel will es nicht in den Kopf hinein, warum der Pessach hätte wegbleiben sollen, ehe er noch gekommen war. Und Veitel zermartert sein kleines Hirn, er versteht nicht die Prügel des Vaters, er versteht nicht die Hiebe der Mutter, er versteht nicht, was für ein sonderbarer Erew-Pessach das heute ist.

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