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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 20)
Language
German
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370 — DIE 35 X. Wenn Veitel mit seinem jüdischen Verstand die Sache nicht begreifen kann, so versteht Feriko erst recht nicht, was hier vorgeht. Vor allem nahm ihn der Vater Kuretschka am Schopf, zerrte ihn an den gelben Flachshaaren und versetzte ihm als Zugabe einen tüchtigen Rippenstoß. Den Rippenstoß nahm Feriko mit philosophischem Gleichmut entgegen, er war daran schon gewöhnt. Und er hörte zu, wie seine Mutter mit den Bäuerinnen sprach und wie diese recht sonderbare Geschichten erzählten von einem Kinde, das die Juden am Erew-Pessach zu sich in die Stadt gelockt, es dort einen ganzen Tag und eine ganze Nacht im Keller verborgen hatten, und sich eben ans „Werk" machen wollten, als man ein Geschrei vernahm. Da liefen die Leute herbei und retteten das arme Kind. Das hatte schon Spuren auf dem Körper, vier Stiche an vier Stellen, wie ein Kreuz.. . . So erzählt eine resolute Bäuerin mit breiter Haube und rotem Gesicht, während die andern Bäuerinnen ihr andächtig zuhören, die umhüllten Köpfe schütteln und sich bekreuzigen: „Ach, du meine Güte!". . . Und Ferikos Köpfchen kann's nicht fassen, weshalb die Bäuerinnen ihn dabei so eigentümlich anblicken. Was hat die ganze Geschichte mit ihm und Veitel zu schaffen? Und warum hat ihn der Vater Kuretschka am Schopf ergriffen, an den gelben Flachshaaren gezerrt und ihm als Zugabe einen Rippenstoß versetzt? Es ist ihm nicht so sehr um den Schopf zu tun, nicht so sehr um den Rippenstoß; das ist ihm kein Neues. Allein er möchte gern wissen, warum er von allen diesen Dingen heute eine so große Portion bekommen hatte? Am Schöpfe ergriffen und bei den Haaren gezerrt, und einen Rippenstoß als Zugabe, — weswegen, wofür?. . XI. „Nun?" hört Veitel seinen Vater bald nach Pessach zur Mutter mit strahlendem Gesicht sprechen, als wäre ihm, Gott weiß, welches Glück widerfahren. - „Gelt, was du doch alles angestellt hast! Du hast ja schreckliche Angst gehabt. Ein Weib bleibt immer ein Weib. Vorbei ist unser und ihr Pessach, und — nichts!". .. „Gott sei Dank," sagt die Mutter, und Veitel kann wiederum nicht verstehen, warum die Mutter sich geängstigt hat.. . . Und warum diese Freude, daß der Pessach vorbei?... Wäre es denn nicht besser, daß der Pessach noch immer fortdauerte? . . Veitel begegnet dem Feriko draußen vor ihrer Wohnung und kann es sich nicht versagen, ihm gleich haarklein zu erzählen, wie man bei ihnen gebetet und wie man dann bei ihnen gegessen habe. O, gegessen! Und er schildert den Geschmack aller Pessach-Speisen, die man bei ihnen genossen, und den süßen Wein, den man bei ihnen getrunken hat. Feriko hört ihm nachdenklich zu und wirft einen verstohlenen Blick nach KELT No. 16 Veiteis innerer Rocktasche. Es träumt ihm noch immer von der Mazza!. . . Plötzlich erschallt durch die Gasse eine krächzende Sopranstimme: „Feri — ko!... Feri — ko!"... Das ist die Stimme der Mutter, die den kleinen Feriko nach. Hause zum Essen ruft. Aber Feriko beeilt sich nicht. Jetzt wird man ihn nicht mehr am Schopf ziehen. Erstens sind sie ja nicht bei der Mühle, und zweitens ist's nach Pessach!. . Nach Pessach braucht man sich vor den Juden nicht mehr zu fürchten.... Er bleibt also draußen auf dem Bauch liegen, das weiße Köpfchen auf die Hand gelehnt. Ihm gegenüber liegt Veitel ebenfalls auf dem Bauch, das schwarze Köpfchen auf die Hand gelehnt. Und der Himmel ist blau, und die Sonne scheint * warm. Und der Windhauch streicht kosend vorbei, und das Kälblein steht bei Seite, und auch der Hahn ist mit allen seinen Weibern zugegen, und beide Köpfchen, das weiße und das schwarze, liegen auf die Hand gelehnt, und die beiden Kleinen reden, reden, reden und können sich nicht satt reden.. . XII. Nachman Werebiwker ist nicht zu Hause. Er nahm nach Pessach seinen Stock und ging ganz früh am Morgen in das Dorf, um ein wenig zu handeln. Vor jedem Hofe macht er Halt, wünscht jedem Bauer einen guten Morgen, nennt jeden einzelnen beim Namen, spricht sich über alles in der Welt aus, nur nicht über die Geschichte von Erew-Pessach, nur nicht über den ausgestandenen Pessachschreck. Und bevor er weitergeht, tut er einen Griff in den Bauern wagen: „Bauer hast du nicht etwas, was du nicht brauchst?" „Nichts, Lachman." „Vielleicht altes Eisen, etwas Hirse, alten Kram oder gar ein Fell?" „Nichts für ungut, Lachman, wir haben nichts." „Schwere Zeiten!" „Schwere Zeiten? Wohl alles versoffen! Solche Feiertage!" . „Ach, wo saufen, wo Feiertage. Schwere Zeiten!" Der Bauer seufzt, und Nachman ebenfalls. Hierauf sprechen sie ein wenig von nebensächlichen Dingen, damit es nicht den Anschein hat, daß er nur gekommen sei, zu handeln. Dann geht er zu einem andern Bauer, dann zu einem dritten. Bis er etwas findet. Und er kehrt nicht mit leeren Händen nach Hause. . . Und Nachman Werebiwker, schwerbeladen und schweißbedeckt, greift mit seinen mächtigen Riesenbeinen zum Heimweg aus und denkt jetzt nur an eine Sache: Wieviel steht ihm jetzt zu verdienen oder zu verlieren bevor?. . . Was Erew-Pessach geschah, hat er schon vergessen. Der Pessachschreck ist ihm schon aus dem

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