Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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368 , DIE^ er, — einen Ministerkopf. Nur einmal braucht man ihm von ungefähr ein Alef oder Bes zu zeigen, da weiß er schon, was ein Alef und was ein Bes ist. Nie wird er von einem Alef sagen, es sei ein Bes, und von einem Bes, es sei ein Alef. Und eine solche Perle muß im Dorf aufwachsen zwischen Kälblein und Ferkeln, spielt mit Kuretschkas Söhnchen Feriko, reitet mit ihm auf einem Steckenpferd, jagt mit ihm nach einer Katze, gräbt mit ihm ein Grübchen und macht mit ihm alles gemeinsam, was kleine Kinder zu machen pflegen. Und wenn Nachman sieht, wie sein Kind mit dem „Scherez" spielt, so kränkt ihn dies bitter, und er fühlt sich verdorrt wie ein durchsägter Baum. . . . V. Feriko ist just ein wohlgeratener Bengel mit einem frischen, pausbäckigen Gesicht, flachsgelben Haaren und in einem Alter mit Veitel. Er lebt und stirbt für Veitel, und auch Veitel hat ihn lieb. Den ganzen Winter sitzen die beiden Kinder jedes bei seinen Eltern neben dem Ofen, blicken zum Fenster hinaus und sehnen sich nach einander. Selten, gar selten haben sie das Glück, einander zu sehen. Nun ist der lange böse Winter endlich vorbei. Eben hat die schwarze Erde ihren weißen, kalten Schleier abgelegt, die Sonne hat ihre ersten Strahlen ausgesandt, und ein trockener Wind streicht über den feuchten Boden. Und ein Grashalm war aufgesproßt. Und dort am Fuße des Berges plätschert das Bächlein, und das Kälblein weitet die Nüstern und blökt Und der Hahn macht ein Auge zu und steht verträumt da. Alles rings lebt auf, alles grüßt, alles freut sich. Es ist Erew Pessach! Nun kann man sie nicht mehr in der Stube zurückhalten, weder Veitel noch Feriko. Beide stürmen hinaus in die Gotteswelt, die sich beiden gleich weit öffnet. Und sie nehmen einander bei den Händen und rennen zum Berg, der beiden gleicherweise zulächelt: „Kinder, kommt her!*.;. Und sie hüpfen der Sonne entgegen, die beide gleicherweise grüßt und beiden zuruft: „Kinder, kommt her!" Und wenn sie vom Laufen müde sind, setzen sie sich beide auf Gottes Erde hin, die keine Juden und keine Christen kennt. „Kinder, zu mir, zu mir!" VI. Beide haben einander viel zu erzählen, — man hat einander den ganzen langen Winter hindurch nicht gesehen. Veitel brüstet sich vor seinem Freunde Feriko, daß er fast das ganze Alphabet schon kennt, und Feriko prahlt, er habe eine Peitsche. Veitel sucht ihn zu übertrumpfen: Bei ihnen sei heute abend Pessach, sie hätten schon Mazzes für die ganzen acht Tage Pessach und Wein für die „vier. Becher". „Erinnerst du dich, Feriko, voriges Jahr habe ich dir eine Mazze gebracht?" „Mazza?" sagt Feriko,und über seine roten Backen huscht ein breites Lächeln. Er entsinnt sich :ELT ' No. 16 wohl des Wohlgeschmacks der vorjährigen „Mazza" . . „Hättest du Lust, Feriko, jetzt ein Stückchen Mazze zu kosten, frische Mazze?" Auch eine Frage, — ob Feriko Lust hat! Muß man das noch fragen? „Na, so komm doch", sagt Veitel und zeigt auf den Berg hin, der ihnen entgegengrünt und zuwinkt: Kommt her!... Und die beiden klettern den Berg hinauf, bleiben eine Weile wie verzaubert stehen, blicken durch die Finger auf die spielenden spärlichen Strahlen der lieben Sonne und werfen sich auf die noch feuchte Erde, die schon nach jungem Gras duftet. Veitel zieht aus der innern Tasche eine frische, rundliche, weiße Mazze hervor, die von beiden Seiten mit unzähligen kleinen Ritzen durchfurcht ist. Und Feriko schnalzt mit der Zunge, bevor noch Veitel die Mazze in zwei gleiche Hälften geteilt und die eine Hälfte seinem Freunde gereicht hat. „Was sagst du, Feriko, zu dieser Mazze?" Was kann nun Feriko sagen, wenn er den Mund mit der Mazze vollgestopft hat, die unter seinen Zähnen knirscht und auf seiner Zunge wie Schnee zergeht. Noch ein letzter Schluck, und mit der Mazze ist es aus. „Hast du noch mehr?..." fragt Feriko und blickt mit seinen grauen Augen auf die innere Rocktasche seines Freundes und leckt seine Finger, wie eine Katze ihre Pfoten, wenn sie Butter genascht hat. „Möchtest du denn noch essen?" fragt ihn Veitel mit einer Unschuldsmiene, indem er das letzte Stückchen Mazze kaut und ihn mit seinen schlauen, scharfen Augen anblinzelt. Auch eine Frage, ob Feriko noch essen möchte! „Dann mußt du schon ein wenig warten, nächstes Jahr gibt's mehr." Beide lachen über diesen Einfall, und ohne einander ein Wort zu sagen, als hätten sie sich vorher verabredet, lassen sie sich den Berg herunterrollen, wie zwei Knäuelchen, blitzschnell in einem Fluge. . . VII. Unterhalb des Berges erheben sich die beiden und betrachten das murmelnde Bächlein, das sich links hinzieht, während sie selbst ihren Weg nach rechts nehmen. Immer weiter über das weite freie Feld, das noch nicht ganz grün ist, aber bald völlig grün zu werden verspricht, das noch nicht mit duftendem Gras überzogen ist, aber den nahenden Duft schon ahnen läßt. Und sie gehen immer weiter fort, schon ganz wortlos, versonnen und traumverloren, über die weiche, duftende Erde, unter der strahlenden lächelnden Sonne. Sie gehen, oder vielmehr, sie gehen nicht, sie schwimmen. Doch nein, sie schwimmen auch nicht, sie fliegen. Sie fliegen gleich den Vöglein, die vor ihren Augen vorüberschweben, die da gaukeln und sich wiegen in der grünen Luft dieser lieben, lieben Welt, die der liebe Oott für alles Lebende geschaffen hat. Horch, sie sind