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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 16 DIE^ELT 367 alle Nöten und Sorgen der Dorfbewohner. Zudem liest Kuretschka alle guten Zeitungen, die heutzutage Verleumdungen gegen die Juden schreiben, — Pech und Schwefel. Kuretschka ist sonst kein schlechter Goi, er ist Nachmans Nachbar und quasi sein guter Freund. Hat Kuretschka Zahnschmerzen, so gibt ihm „Lachman" etwas zum Mundspülen, oder wenn Kuretschkas Weib in Wochen kommt, ist die „Lachman" ihre Hebamme. Allein schon seit einiger Zeit, wahrscheinlich seitdem er die schönen Zeitungen liest, ist Kuretschka ein ganz anderer geworden, „Esau ist in ihn gefahren". . . Jedesmal kommt er zu den Juden mit einer andern Neuigkeit: „Ein ___ neuer Gouverneur", ein „neuer Zirkularerlaß vom Minister", „eine neue Judenverordnung". Der Jude fühlt dabei fürwahr einen Stich im Herzen.und es überläuft ihn schaurig kalt, doch will er es ihn, den Goi, just nicht merken lassen und er hört seine Neuigkeiten lächelnd an und zeigt auf seine flache Hand, als wollte er sagen: „ Wenn da malH aare wachsen". Mögen Gouverneure wechseln, mögen Minister Zirkulare erlassen, was geht das Nachman Werebiwker aus Werebiwka an! Dem Nachman Werebiwker geht es in Werebiwka gut. Freilich, mit den frühern Jahren ist das nicht zu vergleichen. Ja, ja, solange der Großvater Arjeh noch lebte, waren es ganz andere Jahre! Ganz Werebiwka gehörte damals sozusagen — ihnen. Sie hatten nicht eine, sondern viele Erwerbsquellen: eine Schenke, einen Laden, eine Mühle, ein Getreidemagazin. Und sie hatten zu leben — in Hülle und Fülle. Allein dies war einst, jetzt haben alle diese Dinge aufgehört: keine Schenke, kein Laden, kein Magazin, nichts, rein nichts. Ihr werdet wohl fragen: „Wenn dem so ist, wozu bleibt Nachman in Werebiwka?" Ja, wo sollte er denn sonst hin? Würde Nachman sein Haus verkaufen, so wäre er kein Werebiwker mehr, er würde dann ein geduldeter Gast, ein Fremder heißen. Jetzt aber ist er doch ln seinem eigenen Heim. Er hat sein eigenes Haus, mimim'smMwmmm Ex-libris für J. Kremenetzky von j. Starck (Bezalel-Schule.) seine sfändige Wohnung. Und neben der Wohnung ist ein Garten. Die Frau und die Tochter bestellen selbst den Garten, und wenn Gott ein gutes Jahr schenkt, so gibt es Grünzeug für den ganzen Sommer und Kartoffeln für den ganzen Winter bis gut nach Pessach. Von Kartoffeln allein kann man aber nicht leben. Zu Kartoffeln, sagt man, gehört auch Brot, und Brot gibt es keins. So nimmt er den Stock und geht durchs Dorf handeln. Und wenn Nachman handeln geht, kommt er nicht mit leeren Händen zurück. Er kauft alles mögliche: altes Eisen, Hirse, einen alten Sack oder gar ein Fell. Das Fell breitet er aus, lüftet es ordentlich und trägt es zu Awrohom Eli, dem Kürschner, in die Stadt. Und bei all diesen Geschäften verdient er entweder ein gutes Stück Geld, oder er verliert etwas. Dafür ist man ja Kaufmann. „Ein Kaufmann ist wie ein Schütze," sagt Nachman,dergerne ein derbes Sprichwort gebraucht. Und Awrohom Eli, der Kürschner, ein Jude mit einer bläulichen Nase und kurzen, wie von Tinte befleckten Fingern, spottet darüber, daß er im Dorf unter den daß sogar seine Goim so sehr verbauert worden ist, Sprichwörter „goisch" sind. IV. Ja, er ist verbauert. Nachman fühlt selbst, daß er immer mehr zu einem Bauer wird. Ach, wenn sein Großvater, der sei. Arjeh Werebiwker, aufstände und seinen Enkel ansähe! O, auch der war ein Riese, aber ein Jude, der etwas lernen konnte. Er wußte Perek, Machsor und Tehillim auswendig. Die frühern Juden!... Und er, Nachman, was kann er denn? Unter un.s gesagt, kaum beten. Aber das ist noch gut. Seine Kinder werden nicht einmal so viel können. . . . Und sieht er mal seine Kinder an, wie sie alle in den Schornstein hinein wachsen, hoch und breit wie er, und auch so ungeschlacht und unwissend wie er, so wird's ihm traurig zumute. Und am meisten tut es ihm um den Jüngsten leid. Veitel heißt er, nach seinem sei. Vater Veitel Werebiwker. Ein wohlgeratenes Kind, dieses Veitel, das alle Vorzüge besitzt. Selbst sein Wuchs ist edler, mehr jüdisch. Ein jüdisch Kind. Und einen Kopf hat

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