Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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366 DIE^I ELT No. 16 PESSACH IM DORF. Idylle Von Scholem Aleichem. I. Mögen Winde rauschen, mögen Stürme brausen, mag die Welt ins Wanken geraten, — der alte knorrige Baum, der seit uralter Zeit sich zum Himmel emporhebt, und dessen Wurzeln sich weit, weit, wer weiß in welche Fernen erstrecken, — was kümmert ihn Wind und Wetter, was fragt er nach Stürmen? Der alte Riesenbaum, das ist kein Symbol, es ist^ein leibhaftiger Mensch, der heißt Nachman Werebiwker aus Werebiwka. Ein hochgewachsener, breitschultriger Jude, ein Riesenkerl. Die Juden aus der Stadt blicken zu ihm auf, beneiden ihn und machen sich zugleich über ihn lustig: „Grüß Gott! Na, wie geht's, wie steht's mit Ihrer Gesundheit? . . ." Nachman weiß, daß sie ihn und seine Wohlgenährtheit verlachen, er beugt sich ein wenig, damit er „etwas jüdischer" aussieht, doch es hilft ihm wenig, er ist nun einmal zu hoch gewachsen. In Werebiwka ist Nachman Werebiwker ein Ureinwohner. „Unser Lachman," so nennen ihn die Bauern in Werebiwka, die ihn für einen nicht üblen Menschen, einen recht klugen Mann halten und es lieben, sich mit ihm hin und wieder ein bißchen über Dinge der Hauswirtschaft auszusprechen. Man berät mit ihm dem Getreide?" Nachman Ex-libris für Miss Landau von J. Starck (Bezalel-Schule „Was machen wir mit hat einen Kalender, er weiß, ob das Getreide dieses Jahr billig oder teuer sein wird. Manchmal unterhält man sich mit ihm über „Politik". Nachman fährt ja in die Stadt, da kommt er mit Menschen zusammen, weiß also, was in der Welt vorgeht. . o . Man kann sich Werebiwka kaum ohne Nachman Werebiwker vorstellen. Nicht nur sein Vater, Veitel Werebiwker, auch sein Großvater, der sei. Arjeh, ein kluger und witziger Jude, pflegte sich zu rühmen, daß das Dorf deswegen Werebiwka heiße, weil Arjeh Werebiwker dort wohne, denn ehe noch Werebiwka Werebiwka war, ist er, Arjeh, ein Werebiwker gewesen.. . So pflegte sein Großvater zu sprechen. . . . Die frühern Juden! Und meint ihr etwa, daß Arjeh Werebiwker nur so ins Blaue hinein geredet hat? Arjeh war kein gewöhnlicher Jude, der Witze machte, ohne sich dabei etwas zu denken. Er zielte damit auf die Judenverfolgungen. Schon damals sprach man davon, man würde die Juden aus den Dörfern verjagen, und man sprach nicht nur davon, sondern man vertrieb sie auch wirklich. Alle vertrieb und verjagte man. Und den alten Werebiwker? Ihn nicht. Man sagt, daß selbst der Gouverneur ihm nichts anhaben konnte, da Arjeh Werebiwker aus dem Gesetzbuch nachgewiesen hatte, daß man ihn nicht so leicht von Werebiwka losreißen könne. . . Die frühern Juden! II. Gewiß, wenn man ein solches Privilegium auf Werebiwka hat, eine Art Erbrecht, fühlt man sich fest und sicher und läßt sich durch nichts in der Welt aus dem Gleichgewicht bringen. Was fragt unser Nachman Werebiwker nach „Maßregeln", „Ansiedlungsrayons", „Zirkularerlässen"? Was fragt er z. B. nach dem Goi, dem „Rosche" Kuretschka mit seinen neuen Bescherungen, die er aus der Dorfkanzlei mitbringt. Kuretschka ist ein kleines Männchen mit kurzen Fingern, trägt einen Mantel, hohe Stiefel, eine silberne Kette mit einer Uhr, — ein halber Edelmann. Er ist Schreiber in der Dorfkanzlei,^ darum kennt er