Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No.16 DIE3§£ ELT 365 Ula nHdifciireh Don Sola Will, Wien Paffah pocht laut an den Uüren an: Poch, poch, wird bald mir nicht aufgetan? Wie klingt die 5timme fo froh und hell: mach' auf, mach' auf, mein 3frael! Heut wieder fich der Cag erneut, Der einft aus Sklavenjodi befreit Die Väter im Hgypterland. Kommt, knüpft heut neu das alte Band, Dafj wieder es binde, die freu noch gefinnf! — Da draußen brauft ftürmifch der Frühlingswind, Gin kleines Städtchen, weltverneinf, Wo Deutschland fich und Rußland eint. Gin kleines Häuslein am Ende der Stadt — So altersgebrechlich, fo lebensmatt! Das Dadi drückt fchier die ITlauern ein - — Doch drinnen, welch ein heller Schein? Das junge Weib, die Kindlein all, Wie rüften fie munter zum Paffahmahl! Gefchäffig rührt fich das Hausgefind — Da draußen brauft fröhlidi der Frühlingswind, „Gin kofcherer Peffach!" „Gut Feiertag t" Kein Winkel, der heut nicht gefäubert lag.----- Ilun brennen die Kerzen, es bricht [ich fo rein Huf feierlich-frohen Gelichtern ihr Schein! Der König des Seder, der Herr nur vom Haus, Sieht heuf felbff verfonnen und forgenvoll aus. Wie fehr auch zum Frohfinn, zur fiuff er fich zwingt, Doch füll mancher Seufzer der Bruff fich entringt. 3m Stübchen herinnen ift traut es und lind, Doch draußen brauft feindlich der eilige Wind. Hagadah! — Das ertfe Kapitel ertönt: „Hvodim hojinu"------Sind heut wir verföhnt?-- Was zittert die Hand und was flackert der Blick? Sind heut* wir Fchon ficher vor herbem Geldlich?----- 3n Cruhen die Schäle, im Haufe das Weib — Gibfs Feinde nicht, Ileider um lieben und Leib? Den Herren des Seder durchriefelt es kalt: „Geh, Weib, mach' im Ofen ein Feuer uns bald! fllich fröffeli,--im Stübchen ilt traut es und lind, Doch draufjen brauft tückifch der eilige Wind/' Das Weib geht gehorfam — gefchäftig hinaus. Sie fühlt nicht die Kälte, nicht Wetfergebraus! Doch weil nun der Herr es fo fordert und will, Bereitet den Ofen zu heizen fie ftill. Den Ofen, der damals, nach Hltväter Art, Vom äufjeren Hausflur bedienet noch ward. Sie öffnet das Cürdien - ein Schrei, fo fchrill Durchzittert des Häuschens froh-feftliche Still! Das warme Blut in den Hdern gerinnt - Da draußen brauft dräuend der ffürmende Wind. Der Herr des Haufes fpringf jählings vom Sil}: Der Schrei feines Weibes traf grell wie ein Blifj! Gr Mut zu der Ueuren in flngft und not----- Da liegt ihr zu Füfjen ein Kindlein tot. Sie deutet ffumm, fpradilos, zur lieiche hin — Hat flngft und Grfchrecken verwirrt ihr den Sinn? — Der blutige Leichnam, wie kam er hierher? — Faft Ecfieint s eine fpukhaff nur graufige ITIärf Wie kam in den Ofen das tote Kind —? — — — Da draußen faucht lauernd der raunende Wind. Den Vater des Haufes ein Schwindel befällt: Wer iff's, der die fötliche Falle geftellt —?-- Doch, hier gilt kein Zaudern — und [fählern gefaxt, Rafft fchnell er vom Boden die fchaurige halt Den ülantel nur über und fort aus dem Haus — Hinunter zum Flutte, zum Wellengebraus! Bald ift er zurück auch, noch bleich wie der üod, Doch hat er gebannt die Gefahr, die gedroht! Ulit den kippen fo blafc küf$t er Weib nur und Kind - Da draußen pfeift hämifch der lückifche Wind, Doch kaum nimmt am Seder der Herr wieder Plafj, Da ftürmf fie heran fchon, die feindliche Ha<3? £s pocht an die Fenffer, es Fchlägt an das Cor: Heraus gleich, ihr 3uden! — Kommt ihr bald hervor? Wo habt ihr das Kind, das uermifjf wird im Ort —? Kommt, bindet den Alfen und führt ihn mit fort! Wir wollen euch Ehriftenblut trinken fchon lehren! Die Folter wird bald euch, und gründlich, bekehren! 3hr feid uns verfallen mit Haus und Gefind---- Da draußen heult wütend der fchneidende Wind. Doch ruhig erhebt fich der Sederherr nur: „Was wollt ihr -? — So fuchf doch! Verfolgt eure Spur! Und könnt ihr des Frevels mein Haus überführen, — 3ch will eure Herzen durch Bitten nicht rühren!"----- Sie fachen, fie ftöbern, vom Keller zum Dach — Vom Boden zum Keller -- und weifen nichts nach! Verflucht! — So entkam uns der 3ude heut doch! Doch wartet, es kommt die Gelegenheit noch! Zulefjt wer lacht, nur der gewinnt — Da draußen johlt höhnifch der hämifche Wind. Das Haus ift geleert von dem feindlichen Schwall, Doch liegt wie Verwüftung es überall! Verfcheucht die Bewohner — der Herr kommt zurück, noch zitternd die flippe, doch feft fchon der Blick. Gr ruff Weib und Kind und Gefinde herein, Den Seder gelaffen nimmt wieder er ein: „Zurück zur Hagadah! Wo blieben wir ffeh'n —? Hvodim hojinu---üafj Dank Dir gefcheh'n, Daf$ heuf, Herr, verfchont Du mir Haus, Weib und Kind!"----- Da draufjen faucht wütend der eifige Wind. Verfallen das Häuschen, der Eigner längff tot! Die Enkel trieb weif in die Ferne die Ilof.------ Doch, freu dem Vermächtnis, noch heut, wie zuvor, Wenn ffill der Hagadah geneigt jedes Ohr, Erhebt fich vom Seder der ßausherr und fpricht: „Warum glüht im Ofen das Feuer noch nicht —? mich fröftelt — geh', Weib, heiz' die Öfen im Haus — Gott treibe die Feinde uns alle hinaus!" 3m Stübchen da drinnen ift warm es und lind - Doch draufjen brauft dräuend der Frühlingswind. H: :H