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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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leider einen allzu ausgiebigen Gebrauch machen. Dann trug man eine große Schüssel mit kochend heißem, dickem Brei auf. Es ist „Bazin", eine Nationalspeise der Eingeborenen, bestehend aus Mehl, Öl, rotem Pfeffer, und aus einem mir unbekannten Etwas, das dem Gerichte eine hellgelbe, wenig appetitliche Farbe verleiht. Man gab mir eine Art Holzlöffel, damit ich diese köstliche Speise koste. Ich tat, als würde ich davon zuerst nehmen und die Umsitzenden begannen nun den Schmaus. Zwanzig haarige, nackte Hände gruben sich in diesen Brei ein, eine jede ergriff ein Stück „Bazin", das sie so lange knetete und drückte, bis das Öl ordentlich überfloß. Erst nach dieser Operation erhält das Gericht seinen richtigen Geschmack. Dieses Schauspiels überdrüssig, fand ich ein Mittel, die Hand auf ein Piutimmanuskript zu legen, wo ich viele religiöse und weltliche Gedichte in hebräischer und judäo-arabischer Sprache traf. Ich sah bald ein, daß außer der Poesie ides Mittelalters eine ganze Schule von Piutimdichtern in diesem Troglodytenlande geblüht haben muß, und daß wir vor uns eine echte hebräische Poesie der jüdischen Trogiodyten haben. Auch gewann ich die- Überzeugung, daß mein ehrwürdiger Gastgeber, der mit milder Freude dem wenig appetitlichen „Bazin-"schmaus huldigte, selbst ein Peitan ist, ein saharischer Kollege vön Bialik und Tschernichowsky. Und was besonders rührend ist: seine Piutim haben durchweg einen zionistischen Charakter. Da mir Rabbi Califa eine Familiensammlung von Piutim übergeben hat, so bin ich in der Lage, einige Stichproben von der Poesie dieses merkwürdigen Rabbis zu geben. Gewiß, dieser letzte der Mohikaner ist kein großer Stilist (bei den Trogiodyten gab es früher einige wertvolle Lyriker), aber es ist rührend, , in diesem Bruder der Höhle einen zionistischen Glaubensgenossen zu finden, der einen ehrenwerten Platz in der Misrachigruppe einnehmen würde. Hier ein Beispiel: „Herr der Welt, vergib mir! Ewiger, erlöse mich! Belebt durch des Allmächtigen Wort, aufgerichtet durch des Herrn Fels führe Israel nach seinem Lande, auf daß die Verheißung in Erfüllung gehe. Vernichte mit Zorn deine Feinde, erbarme dich deines Knechtes, um der Thora willen, seiner Erbauung. Von den Bedrückern befreie mich, Erlöser, vom gähnenden Abgrund, von den Nachstellern, Erlöser! Erhebe Judas Glanz, der Propheten Sprüche: Und ich vernichte den Bedrücker. — Erbarme dich des Sohnes deiner Magd — alle Tage und Jahre!" In diesem Gedichte, in dem der Dichter Gott anruft, daß er die Feinde vernichte und Israel nach Palästina zurückführe, weil er selbst der Thora sich geweiht, spürt man die ewige^ Melodie des Paitan. Die folgenden Verse, deren Anfangsbuchstaben den Namen des Poeten bilden, drücken die Zionsliebe noch stärker aus: „Daßf meine Jugend wiederkehre, das Heiligtum in meinen Tagen erbaut, Zion mit Freude und Gesang aufgerichtet und mit Vorräten versehen werde. Da wird meine Seele in Liebe frohlocken. Denn Er half uns seiner Thora, der Opferung Jitzchoks willen. In Jerusalem, der heiligen Stadt, erbarmt Er sich der Armen und Bedrückten. Er führt uns zurück zum Lebensquell, erlöst sein Volk aus der Knechtschaft. Ich rufe dich an, allmächtiger Gott, mein Beschützer. Zeige mir deine Wunder. Eile, eile, entführe uns von hier, dann wird mein Beschützer in seinem Heiligtum thronen. Deine Gebote werden erfüllt. Am Erlösungstage kehren deine Diener zurück. Richte uns aus dem Abgrund auf, leuchte in der Finsternis. Dann freuen wir uns — frohlocken und singen." Die Lektüre dieser Piutim hat mich tief bewegt. Wie immer die äußere Form unserer Gefühle und der dichterischen Fassung sein mag, — das eine ist klar, das Wesen der jüdischen Romantik bleibt sich gleich. Und ich fühlte mich diesem Helden aus den Zeiten Jehuda Halevys verwandt, ich fühlte in ihm einen Bruder in Zion. Und auch er spürte, daß ein Gemeinsames unsere Gefühle verbindet Auch er zweifelte nicht, daß dieser „Roumi", der ä la Frangi gekleidet ist, wie ein Okzidentale denkt, aber Hebräisch spricht, ein Rassen-, ein Gefülilsverwandter ist, — ein Träumer wie er, der das Ende des jüdischen Elends und das Heranbrechen des großen Erlösungstages, den die Propheten angekündigt, schauen möchte. Und als Freund, als Bruder erzählte er mir sein Freud1 und Leid, die harten Verfolgungen, die er von den Seinigen, von den degenerierten und phonitischen Eingeborenen, von den Behörden zu erdulden hat. Er erzählte mir die Geschichte seiner Vorfahren, der Familie Van deren erste Vertreter vor langer Zeit, vor ungefähr sieben oder acht Jahrhunderten, aus Marokko gekommen waren. In dieser Zeit bildeten die Juden die Mehrheit der Bevölkerung in Ghorian. Und sein Urahne, Arzt und Rabbiner, ward Fürst des Landes. Sein Schloß „Kon Tigrena" befindet sich noch heute vor dem Städtchen. Dann kamen fortwährende Kriege, Einfälle der Beduinen und endlich um das Jahr 1850 die Pest, die die jüdischen Trogiodyten dezimierte. Heute sind die Juden, die einzigen Handwerker im Lande, wenig zahlreich und bedrückt. Er selbst, der Rabbi, hat viel zu leiden. Sein einziger Sohn ist vor kurzem gestorben und ließ ihm ein kleines Kind zurück: „der einzige Trost". Der türkische Militärarzt, eifersüchtig auf seine Erfolge, ließ ihn verfolgen, weil er die Medizin ohne Diplom ausübt. Aber Gott ist barmherzig! Seine Kompetenz wurde von der Regierung selber anerkannt. Aber er ist nicht beruhigt, der Rabbi. Er fühlt das Nahen „des Endes aller Tage". Ist es die rbw? Mit welcher Neugier vernahm er von mir die Neuigkeit von der jüdischen Renaissance, den zionistischen Kongressen und der Gründung jüdischer Kolonien in Palästina! Und in seinem primitiven Geiste, in dem die Namen Rothschild und die Alliance das einzige reelle Bild des jüdischen Lebens darstellen, — faßte er die Idee von der bevorstehenden Ankunft des Messias. Und er war glücklich, — entzückt! Und mit unzähligen Segenssprüchen und kabbalistischen Formeln dankte er mir dafür, daß ich in diese finstern Höhlen den Sonnenstrahl des neuen jüdischen Lebens — das man fast überall antrifft — hineinbrachte. . , . Und im gemeinsamen Vorgefühl des Freiheitsfestes und des herannahenden Frühlings trennten wir uns. Ich schlug den Weg zur Wüste, zum Vaterlande unseres Pessach ein.

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