Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16 DIBBELT 363 DER RABBI DER TROGLODYTEN Eine Reiseskizze von Dr. Nah um Slouchz, Paris I. Bekanntermaßen gibt es in den Oasen der tripolitanischen Sahara eine Anzahl jüdischer Troglodyten, die in Höhlen wohnen und im prähistorischen Zustand sich befinden. In einer dieser Höhlen habe ich den Rabbi Califa kennen gelernt, den Arzt und Rabbiner der jüdischen Troglodyten. Welch eine interessante Persönlichkeit ist dieser Rabbi, der mitten im zwanzigsten Jahrhundert in den sozialen Bedingungen der Troglodytenepoche und in einem mittelalterlichen Geisteszustand lebt; der als Autodidakt praktischer Arzt ist, einen Beruf, den er von einer Reihe von Vorfahren geerbt, und daneben auch die Funktion eines Chacham-Baschi unentgeltlich ausübt! Dabei ist er auch Dichter, Verfasser von Piutim, — der letzte Repräsentant der jüdischen Poesie in der Sahara. Als Rabbiner, Arzt und Piutimdichter läßt er vor uns die grandiosen Schatten der Vergangenheit aufsteigen, die uns einen Jehuda Halevy, Maimonides usw. in Erinnerung rufen. Ich habe an anderer Stelle das Leben der jüdischen Höhlenbewohner erzählt. Ein glücklicher Zufall, — die türkische Revolution, — die die Sahara dem Eindringen von außen erschloß, hat mir das Porträt dieses merkwürdigen Rabbis verschafft. Ich glaube, daß es von Interesse ist, die Figur dieses letzten Mohikaners in unserer Presse zu fixieren, bevor das Eindringen der Kultur die letzte Spur unserer troglodytischen Brüder verwischt. Das Zentrum der Höhlenbewohner ist Djebel Qhorian, eine bergige Oase. Drin bildet das Städtchen Tigrena den Mittelpunkt, das ungefähr 800 Einwohner, verteilt auf 20 Höhlen, zählt, und in einem sehr malerischen Tale gelegen ist. An einem heißen Sommernachmittag kam ich in Tigrena an. Das Städtchen bietet den Anblick eines freien Platzes, der hie und da von Feigen-, Granatapfel- und Olivenbäumen bedeckt ist. Keine Spur von Behausung. Nur das Weinen der Kinder und das Wiehern der Tiere, das aus der Tiefe emporsteigt, ist auf den Hügeln der roten Erde vernehmbar. Von diesen Hügeln aus erblickt man auch die tiefen Gruben, die Höhlen, die zu den unterirdischen Wohnungen führen. Wir nähern uns einer dieser Offnungen, die von einer roten Holztüre verstellt ist, DER RABBI DER TROGLODYTEN und dringen in eine Art finsterer, steiler Qalerie ein, die bis zu dem „schwarzen" Hofe reicht, wo die Tiere sich aufhalten. Hier befinden sich die Stallungen und die Werkstatt des Schmiedes. Dann gelangen wir in eine Vertiefung der Höhle, die nach oben geöffnet ist. Es stellt dies den unterirdischen Hof dar, der von einem Stückchen Himmel von zehn bis zwölf Meter Licht und Luft erhält. Unterirdische Zimmer, an den Grubenwänden ausgehöhlt, dienen den Troglodyten zur Wohnung. In einem dieser Zimmer bin ich von Rabbi Califa empfangen worden. Eristvon mittlerem Wuchs, freundlichem Aussehen und trägt afrikanischeKIeidung: eine Weste, darüber einen weißen Talar, auf dem Haupte einen Turban, der ihn. vom Gemeinen und Laien unterscheidet. Sein Blick ist heiter, — fast majestätisch, — ein Merkmal der Rasse. Meine Ankunft hat ihn verwirrt und bewegt. Ein Jude aus Paris stattet ihm Besuch ab und spricht mit ihm Hebräisch! Welch ein Ereignis, ein Glück! Und wir sprachen Hebräisch in diesem prähistorischen Reiche, wo alles dazu angetan ist, um den Europäer zu verwirren. Rings um uns ein seltsames Gemisch von Böcken, Hühnern, Eseln, Männern, Weibern und Kindern, die ein wunderliches Konzert anstimmten — oder zusammengekauert schliefen. Und erst das Empfangszimmer des Arztes! Am Eingange ist eine Mesusa an einem Stückchen Spiegel befestigt, das als Schmuck dient und als Untersuchungswerkzeug für die Kranken. Vorne ein Brett, das mit Büchern bedeckt ist, unter denen arabische und hebräische Manuskripte neben medizinischen Werken des Mittelalters und Piutimsammlungen sich befinden. Kein Stuhl oder Tisch. Ein Strohteppich neben einem Pfahl, der die Stelle des Tisches vertritt, lädt zum Sitzen ein. Und im Hintergrunde hängt ein zerbrochener Stuhl an der Wand. Es ist, wie der Rabbi freundlichst erläuterte, ein Luxusstück, eine Zierde, die die Eingeborenen ansieht, — da die Stühle in Ghorian unbekannt sind. Ein jeder ließ sich auf den Boden nieder, um zu speisen. Man reichte mir besonders Gerstenbrot (denn Weizen wächst im Lande nicht), gebratenes Huhn und Shreb oder Dattelbranntwein, ein Getränk, von dem die Juden 3*