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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sie kam vom Himmel, von den Sternen, aus den Tiefen des Weltalls, aus den grenzenlosen Fernen der Wüste, aus meiner Seele, — sie kam von überall her. Sie war keiner Menschenstimme ähnlich. So geisterhaft milde, so schauerlich süß, daß meine Seele vor Lust vergehen wollte. Zugleich aber war sie so schmerzenreich, so grenzenlos schmerzenreich. . . Und ich lauschte ihr nicht mit dem Ohre, sondern mit allen Fasern meines Herzens, mit meinem ganzen Wesen. Jauchzen und weinen wollte ich zugleich vor Lust und Wehe. „Mose! Mose!" Laut schreit meine Seele auf: „Hier bin ich, Herr!" Und die Stimme spricht: „Qehe hin und befreie dein Volk Israel aus der Knechtschaft! . . Wie eine Liebesweise bebte es in meinem Innern, und ich war gleich einem Blumenkelche, der den Samenstaub vom Winde soeben empfangen hatte, gleich einer Braut in den Armen ihres Geliebten. . . Hell leuchtete es in meiner Seele auf, und ich wurde mir plötzlich meiner Lebensaufgabe und meiner Bestimmung auf der Erde bewußt. Ein Erlöser seines Volkes zu werden, es vom Joche seiner Knechtschaft zu befreien, — ja, jetzt fühlte ich in mir die gewaltige Kraft, die zu einer solchen Tat erforderlich war! Jetzt gärte und wogte in meiner Brust das stürmische Verlangen, Felsen zu verrücken und Wunder zu schaffen! Mein Gedanke übersprang in einem Fluge Jahrtausende; Vergangenheit und Zukunft standen lebendig vor meinen Augen. Die Zukunft schien mir das Eisen zu sein, das ich mit dem Feuer meines Herzens zum Schmelzen bringen und mit dem Hammer meines Willens schmieden und formen kann. Ich fühlte, daß sein Dasein seit ewig her fortdauert und bis zur Ewigkeit fortdauern wird. . . Elende Knechte zu erlösen, aus ihnen eine ewig dauernde Schöpfung zu bilden, — gesegnet sei mir dieser Gedanke, der sich mir in der geheimnisvollen Stille der Wüste offenbart hat! Ich folge deinem Rufe, Gott der Freiheit! O Erlösungsbotschaft! Du offenbartest dich meiner Seele im schauerlichen Sturme der Wüste. Ein weißglühender Himmel wölbte sich über dem Sandmeere. Eine Feuerkugel schwebte in einem Feuermeere. Die Luft, die Sandkörner, die Felsen, — alles war fließendes Feuer. Ein stummes, bleischweres Schweigen erfüllte den Raum. Die Welt schien in Glut aufzugehen, in ein Feuerchaos sich zu verwandeln. Gierig verschlingt die Sandfläche das Funkenmeer, das sich über sie ergießt, und noch ist sie durstig, und noch glotzen ihre tausend goldgelben Augen den glühenden Feuerball mit einem Heißhunger an. . . Und plötzlich, sieh da, am Rande des Horizonts taucht ein schwarzer Flecken auf, der sich blitzschnell über der Wüste wälzend, herbeieilt. Sandwirbel jagen vor ihm hin, und hinterher wogt und siedet die ganze Wüste wie ein Meer. Und sieh, da erscheint er in seiner ganzen Gewalt, in seinem ganzen Wüten und Toben. . . Sturm der Wüste! Auf Sandwogen einherjagend, durchfliegt er die ganze üste und peitscht sie wütend der blutroten Sonnenkugel entgegen. Lebendig wird die ungeheure Fläche und stürmt mit Sausen und Brausen zum weißglühenden Himmel und tanzt einen schauerlich gewaltigen Hexentanz. . . Mächtig wird dieser Tanz vom grausen Sturme geleitet, dessen gelbe Sandmähnen gleich dem losen Haare einer Hexe flattern und dessen knochige Arme ab und zu aus dem wahnsinnigen Wirrwarr hervorblitzen. Er singt ein gewaltiges Lied, das alle Schranken des Ebenmaßes durchbricht und wild, erhaben und schauerlich klingt. Jeder Laut darin war von einer Kraft, Felsen zu zermalmen. Er vereinigte in sich das Rollen des Donners, das Brüllen des Meeres und das Tosen des Wasserfalles zu einer unvergleichlichen Melodie. Wilder Sang der Wüste! Du drangst in meine Seele ein, und fülltest sie mit stürmischer, glühender Kraft. Jeder Schlag meines Herzens und meiner Pulse war ein Widerhall deiner gewaltigen Akkorde. Ich wurde von einem reißenden Verlangen ergriffen, mich ebenfalls im Wirbel des Sturmes auszutoben und das Übermaß meiner Kräfte in seinem Wüten auszuschütteln. Und plötzlich . . . Inmitten des Tobens, des Wüstensanges und des Brüllens der tanzenden Sandwogen vernahm ich eine donnernde Stimme, die mir gewaltig zurief: ,,Mose! Mose!" Sie war keiner Menschenstimme ähnlich. Mächtiger als das Rollen des Donners und das Tosen des Meeres übertönte sie das Sausen des Sturmes. Sie kam von nirgends her. Aus jeder Sandwoge, aus jedem Gebrüll des Sturmes und aus jedem Schlage meines Hezens rief es laut hervor: „Mose! Mose!" Und ich rief aus allen Kräften: „Hier Herr, hier!'4 Und die Stimme sprach: „Gehe hin und befreie dein Volk aus seiner Knechtschaft." Mir war, als ob ein Sturm, doppelt mächtig, in meiner Brust aufwalle. Es war ein Ringen und Sausen von gewaltigen Kräften, die nach einem Ausgang suchen und sich in Taten verkörpern wollen. Das Feuer des Schaffens zehrte an meiner Seele, und ich fühlte in mir eine Macht, Welten zu zertrümmern und Welten zu formen. Nichts schien mir unerreichbar. Das Unmögliche wurde möglich, naheliegend und selbstverständlich. Und jauchzend empfing ich die Erlösungsbotschaft. Knechte von ihrem Joche zu befreien, aus ihnen ein großes Volk, das ewrig fortdauern soll, zu schaffen, — gesegnet sei mir diese Botschaft, die sich mir im Sturm der Wüste offenbart hat. Ich folge deinem Rufe, Gott der Erlösung! Und ich kam zu euch hin und brachte euch die Botschaft der Wüste. Ihr aber, die ihr in tiefer Sklaverei versumpft wart, denen die Pritsche des Fronmeisters ihr Wiegenlied sang und die die knechtische Unterwürfigkeit mit der Milch ihrer Mütter eingesogen haben, — ihr liehet mir kein Gehör. Ein Träumer, ein abenteuerlicher Phantast aus der Wüste war ich in euren Augen. Unfähig wart ihr, das freie Leben eines Volkes zu begreifen, das selber über sein Los verfügt und sein eigner Herr ist. Die ägyptische Peitsche ist tief in eure Seele eingedrungen und hat sie ganz verknechtet.

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