Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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358 DIE^ELT No. 16 oder bis zur Unkenntlichkeit umgestalten. Hingegen mußte es das Pessachfest übernehmen. Und wenn auch die Idee der nationalen Auferstehung des jüdischen Volkes in die Vorstellung von der persönlichen Auferstehung des Messias umgewandelt wurde, mit dem Pessachfest konnte das Christentum nicht leicht fertig werden. Es ist bekannt, daß die christliche Kirche Jahrhunderte hindurch einen Kampf gegen das jüdische Pessachfest führte, an dem Christen so gern teilnahmen. Die Vorliebe der christlichen Bekenner für das jüdische Pessachfest geht auch daraus hervor, daß nur dieses mit allen Einzelheiten ausführlich von den Evangelisten geschildert wird. Auf verschiedenen Konzilien wurden Beschlüsse gefaßt, die Teilnahme der Christen an dem jüdischen Pessachfest zu verhindern, was man mit schweren Strafen zu erlangen suchte. Erst nach vielen Jahrhunderten konnte dieses nationale Fest in den christlichen Kreisen gänzlich unterdrückt werden. Die Juden hingehen haben dieses Fest, das wohl religiöse Formen angenommen hat, aber im nationalen Gedanken wurzelt, immer hochgehalten. .Das ist ein Beweis dafür, daß auch das Judentum der Diaspora, nicht nur die Juden, den nationalen Gedanken nicht aufgeben und nicht entbehren kann. Wo der Wohnort des Juden auch sein mag, und daß ein großer Teil der Juden immer außerhalb Palästinas leben wird, braucht nicht erst gesagt zu werden, immer bleibt Palästina als Träger des jüdischen Nationalgedankens der Mittelpunkt der zerstreuten Juden. Das Judentum in der Diaspora ist ohne Palästina ebenso.undenkbar wie die Wiederherstellung einer jüdischen Nationalität. Mit der Preisgabe Palästinas, des Landes unserer Geschichte und unserer Zukunft wird auch das Judentum, bewußt oder unbewußt, in der Zukunft preisgegeben werden. Die Fiktion also, daß das Judentum als Religion von der nationalen Idee losgelöst einen universellen Charakter annehmen könnte ohne den realen, historischen Boden, wird sich bald genug in ihrer ganzen Unhaltbarkeit zeigen. In der Diaspora kann das Judentum die nationale Grundlage am allerwenigsten entbehren. DAS LIED DER WÜSTE Von Dr. I. L. Boruch, Wilna Aus dem Hebräischen O Wüstenlied! O Kind der grenzenlosen Fernen! Du' offenbartest dich meiner Seele in der geheimnisvollen Stille der Nacht. Ein bodenlos-tiefblauer Himmel umspannte die unendlichen Weiten der Wüste und schaute auf sie mit seinen tausenden Gestirnen, mit seinen lichten Nebeln und mit dem Aufleuchten der im Entstehen begriffenen Sonnenwelten nieder. Der ganze Raum zwischen Himmel und Erde war von einem magischen Schein, von einem seidenweichen Blau und einem sanften Dämmern erfüllt. . . Die gelbe Sandfläche dehnte sich ins Unendliche und verlor sich in das Durcheinander von Dämmerung und Leuchten. Dort, am Endpunkte des Horizonts, scheint es, als ob der Himmel mit seinen Gestirnen und Lichtstraßen auf der Wüste ruhe und als ob die Wüstenfläche mitten unter den blinkenden goldenen Sternen schwebe. Verschoben waren die Grenzen des Oben und Unten, des Vorne und Hinten. Alles floß ineinander über, es war alles eins*. Und dies Alles, dies Eine war in tiefem, lautlosem Schweigen versunken, das über allen Welten brütete und jenseits von Raum und Zeit waltete. Oft schien dieses Schweigen schemenhaft in die Gestalt eines phantastischen Wesens sich zu verkörpern, das zwischen Himmel und Erde in den Lüften auftauchte. Auf seinem Haupte glänzte ein Sternenkranz, sein Gesicht war von einem Dämmerschleier umhüllt, und seine großen, schwarzen Augen waren weit geöffnet und schauten vor sich in die unendlichen Fernen hin. Vor dem stummen Blicke dieser Augen wurde alles doppelt schweigsam, alles versank in sich und hielt seinen Atem an. Regungslos starrte alles diese Zauberaugen an und verlor sich in ihren rätselhaften, geheimnisvollen Tiefen. Es schien, als ob die Felsen und Berge voll Grauen vor einem übernatürlichen Etwas näher aneinander rückten und als ob die Wüstenfläche sich tiefer ins Dunkel hüllte und das Firmament mit seinen Sonnenwelten für ewig erstarrt wäre. . . So still, so schweigsam war es um diese Stunde im ganzen Weltall! Und wieder war es, als ob durch den Raum ein Zaubervogel flöge. Lautlos teilte er mit seinen weichen, seidenenSchwingen die Luft, abwechselnd hervortauchend und wieder entschwindend. Oft schien er regungslos in den Lüften zu hängen. Seine gefalteten Schwingen warfen ihren Schatten über die Wüstenfläche und er schien zu schlummern. . . Und wiederum war es, als ob er die ganze Wüste von Rand zu Rand in einem Fluge durchkreuze, überall alles verzaubernd, alles in Mysterien verstrickend. . . So stumm, so schweigsam war diese Nacht! Und auch in meinem Innern, da waltete ein Schweigen. Es bemächtigte sich jeder Faser meiner Seele und hemmte den Strom meines Lebens. Und ich war ganz Gehör und sog in mir alle Tiefen des Daseins auf, alles Weben und Träumen der Zukunft. Es war alles in mir, und ich war in allem. Leise, leise schmiegte sich die sanfte, weiche Nacht an meine Seele, und in ihrem Innern regte sich und zitterte ein namenloses Ahnen, ein unerforschliches Sehnen. Mir war, als ob eine Welt eben geschaffen würde. . . Und plötzlich ... Eine Stimme flüsterte mir leise zu: „Mose! Mose!"