Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 16-17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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360 b\E% Gram wart ihr mir, daß ich euch in eurer Fronarbeit gestört habe, und gegrollt habt ihr mir, wenn euch meinetwegen ein Peitschenhieb mehr traf. Und ich, — ein Mann von unerschrockenem Geiste, der vor keinem Grauen zurückbebte, — ich weinte wie ein kleines Kind beim Anblicke dieser unglücklichen Sklaven, die dachten, daß sie dazu bestimmt waren, Bauten und Pyramiden für die ägyptischen Tyrannen zu errichten, und daß die Peitsche des Fronmeisters in alle Ewigkeit auf ihren Rücken und auf den Rücken ihrer Kinder niedersausen soll. Ich aber dachte, daß sie mit Frohlocken die Erlösungsbotschaft empfangen, daß sie dem Rufe zur Freiheit mit bebendem Herzen zujauchzen würden. Ich dachte, daß sie mir alle wie ein Mann folgen, daß sie ihr Leben für die Erlösung, die ich ihnen bringe, zu opfern bereit sein würden. Jedoch die Botschaft fand kleinmütige Herzen und kleinmütige Seelen. Niemand frohlockte, niemand eilte mir, vor Freude bebend, entgegen, niemand berauschte sich an meinen Worten, niemand folgte mir stürmisch nach. Ringsum sah ich nur ungläubige Gesichter, nur dumpfe, mißtrauische Blicke; überall schaute mir nur knechtische Furcht und knechtische Beschränktheit entgegen. ... Ich aber verzagte nicht. . Die Erlösungsbotschaft aus der Wüste ließ mir keine Ruhe. Tag und Nacht klang sie mir unaufhörlich in den Ohren. Oft war sie ein leises Flüstern, das gleich einer kaum hörbar tönenden Harfensaite mein Ohr berührte. Und mir schien, als ob ich wieder in einer Felsenschlucht säße und die Wüstennacht mir wieder alle Wunder ihrer geheimnisvollen Stille vorzauberte. Und wieder lauschte mein ganzes Wesen dem Rufe, der ljiir aus der Stille geklungen: „Mose! Mose! gehe hin und befreie dein Volk!4' Ein anderes Mal donnerte sie mir ins Ohr mit mächtiger Stimme, und mir war, als ob ich wieder vor mir den wütenden Wüstensturm sähe. Wie wahnsinnig jagen die Sandwogen im wirbelnden Tanze; die Sonne scheint blutrot, und von einem Rande der Wüste bis zum andern tost das schauerliche Wüstenlied, aus dessen gewaltigen Akkorden mir noch eine gewaltigere Stimme zurief: „Mose! Mose! gehe hin und erlöse dein Vol'k Israel!" Und ich kam zu euch, unablässig jeden Morgen euch an eurer Sklavenstätte aufsuchend. Jeden Morgen sprach ich auch die Worte, die der Gott der Freiheit und des Lichtes mir eingegeben hat. Ihr aber wolltet mich nicht hören. Euer Ohr war für meine Worte taub, und stumpf war euer Herz, sie zu fassen. Dann, — dann sank ich zu euch hinab und richtete an euch Worte, die eurem Geiste entsprachen und eurem Verstände angemessen waren. Zum Zauberer ward ich euch, zum Hexenmeister und .Wundermacher. Ihr habt von mir Zeichen verlangt, undjjch habe euch Zauberstücke und Wunderdinge vor- [ELT —- - No, 16 gespielt, gleich einem Zauberkünstler auf dem Markte. . . Und was ihr nicht Mose dem Propheten, Mose dem Erlöser geglaubt habt, das habt ihr Mose dem Wundermann geglaubt, der euch allerlei Zauberstücke vorgeführt hat, der einen Stock in eine Schlange und Wasser in Blut verwandelt hat. . . . Und indem ich so zu euch hinuntersank, brachte ich euch die Erlösung. * * * Jedoch nur euren Körper erlöste ich, nicht aber eure §eele. An dieser haftete noch der Schmutz der Sklaverei, von dem ihr euch euer ganzes Leben nicht befreien konntet. Ihr habt nur an die Zeichen und Wunderdinge geglaubt, die ich vor euren Augen vollbracht habe. Als ob es nicht der Wunder größtes wäre, wenn ein Volk seine Sklavenkette sprengt und zum Lichte der Freiheit emporstrebt; als ob nicht dies das größte Zauberstück wäre, wenn Knechte danach streben, sich ein Heimatland zu erobern und gleich allen Völkern zu leben, die selbständig sind und selbst über sich verfügen... Und darum mangelte euch der heilige Geist, um für eure Freiheit zu leiden und ihretwegen Entbehrungen zu erdulden; darum gebricht euch der Wille und die Kraft, irgendwelche Opfer für sie zu bringen. Jedes Unbehagen, jede Entbehrung, die euch auf eurem Zuge nach dem Lande der Väter begegnete, entmutigte euch, und ihr sehntet euch nach der Sklavenpeitsche und nach den Fleischtöpfen und dem Knoblauch, die euch samt dem Peitschenhieben verabreicht wurden... Und als ich für kurze Zeit aus eurer Mitte mich entfernte und zu Gott hinaufstieg, um euch seine Offenbarung zu bringen, da habt ihr sogleich den Gott der Freiheit um ein goldenes Kalb vertauscht. . . . Da leuchtete in meiner Seele die große und bittere Wahrheit auf: Das Geschlecht der Knechte soll dem Untergange geweiht und statt seiner das junge Geschlecht der Söhne zur Freiheit herangezogen werden! Und ich führte euch vierzig Jahre in der Wüste, bis ihr alle dahingerafft wurdet und bis jede Erinnerung an die ägyptische Knechtschaft ausgerottet wurde. Eure Kinder aber, die in der Wüste aufwuchsen, lehrte ich das wunderbare Freiheitslied der Wüste. Von ihrer Kindheit auf sog ihre Seele die geisterhaften Töne der schweigsamen Nächte, die donnernden Akkorde des Sturmes und alle Freiheit der unendlichen Fernen ein. . . . Und ihr Geist wurde mächtig und unerschrocken und -strebt stürmisch und feurig die Freiheit an. Sie sind bereit, für die Freiheit zu sterben und ihr Blut für das Land der Väter hinzugeben. Gesegnet seist du mir,du mutiges und stolzes Geschlecht der Kinder, das hinzieht, sich ein Heimatland zu erobern! Und erobern wirst du es, denn kraftvoll tönt in deiner Brust das Lied der Wüste. . . .