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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 16 die^ ELT 357 Leben interessierte. Aber selbst dieses Palästina, das in der Wirklichkeit für uns gar nicht mehr existierte, das nur noch das Land der Erinnerung und der Erwartung für die Zukunft war, besaß Anziehungskraft genug, um das jüdische Volk in der Diaspora zu einigen und zusammenzuhalten. Es war damals nur eine Art Fiktion, ein Traum, eine angenehme Erinnerung aus längst vergangener Zeit. Aber auch das genügte. Man muß die Macht der nationalen- und reli- ~ giösen Idee bewundern, die Jahrhunderte hindurch ohne jede reale Grundlage die nationale Einheit aufrecht erhielt. Es ist unzweifelhaft, daßsich in dem Interesse für Palästina immer der Volkswille für die weitere Existenz kundgab und verkörperte. Dabei kam es nicht immer in Betracht, wie weit diese Sehnsucht sich tatsächlich verwirklichen konnte. Das war durch die Verhältnisse bedingt, die zu verschiedenen Zeilen unüberwindbare Hindernisse in den Weg legten. Es ist aber klar, daß, wenn die frühern Jahrhunderte, beim starken Glauben an unsere nationale Zukunft und der mächtigen Sehnsucht nach der Verwirklichung dieser Hoffnungen, unsere modernen Mittel der Selbsthilfe und der Organisation gekannt hätten, viel mehr Bleibendes in Palästina geschaffen worden wäre. Und ebenso ist es unzweifelfaft, daß unsere Zeit viel mehr hätte leisten können, wenn nicht unterdessen in den meisten europäischen Staaten die Entnationalisierung der Juden solche Fortschritte gemacht hätte. Das Ziel ist aber klar. Das Judentum in der Diaspora konnte nur bestehen, wenn die in der Fremde lebenden Juden ihre Blicke auf Palästina gerichtet hatten. Ich möchte aber verhindern, daß der Begriff Diaspora mißdeutet werde. Die Juden außerhalb Palästinas betrachten sich keineswegs in den Ländern der Zerstreuung als Fremde. Das Heimats- R'efühl, das angeboren ist, ist nicht identisch mit Nationalität. Die jüdische Diaspora, die nahezu ebenso a't ist wie das jüdische Volk in der Geschichte, hat nicht immer ihre Ursache in gewaltsamen Ereignissen, in der Wegschleppung vieler Juden in die Fremde. Die Juden sind seit den ältesten Zeiten auch freiwillig ausgewandert; es wäre auch physisch unmöglich, daß sie alle auf palästinischem Boden Platz gefunden hätten. Diese Verhältnisse herrschen auch noch jetzt, und zwar in weit größerm Umfange. Palästina bleibt aber der geistige Stützpunkt des Judentums in der Diaspora, das sonst der Assimi- : lation verfallen muß. Seihst wenn die religiöse Seite des Judentums mehr betont wird, ist es durchaus falsch, die völlige Lostrennung von der geschichtlichen Vergangenheit anzustreben. Nach der Vernichtung des letzten Restes des jüdischen Staates behalfen sich unsere Vorfahren zum Zweck der Erhaltung mit der Fiktion: bald könnte das Heiligtum wieder errichtet werden. Es mußte nicht gleich in der nächsten Zeit sein, aber dadurch wurde der Gedanke zum Ausdruck gebracht, daß das Judentum den Boden der Geschichte nicht verlassen kann und den Glauben an die Zukunft haben muß. Ich schreibe diese Gedanken anläßlich des alljährlich wiederkehrenden Pessachfest es nieder. Es ist dabei die merkwürdige Beobachtung zu machen, daß obwohl die zeitgenössischen Juden sich und andern gern einreden möchten, daß das Judentum als religiöse Marokanischer Jude. Federzeichnung von J. Stark, Jerusalem (Bezalel) Erscheinung vom nationalen Boden gänzlich losgelöst denkbar sei, gerade dieses Fest, dessen nationaler Hintergrund so klar ist, sich solcher Beliebtheit auch in der Diaspora erfreut. Ich habe bereits erwähnt, daß sich in alter Zeit die Opposition gegen das Sukkothfest außerhalb Palästinas regte. Um die Zeit, als das Christentum entstand, mußte hingegen die Anhänglichkeit für das Pessachfest nicht nur in Palästina, wo die Zahl der Juden sehr abgenommen hatte, sondern auch in der Diaspora tief im Volke gewurzelt haben. Deshalb konnte das Christentum die andern jüdischen Feste entweder gänzlich aufgeben

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