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Die Welt · 1910-04-22 · 16-17 (22.4.1910) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
16-17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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356 DJE^KELT No. 16 DAS JUDENTUM IN DER DIASPORA Von Dr. S. Bernfeld, Berlin Unser Volk wird unaufhörlich von einem schwierigen Problem beschäftigt, dessen Bedeutung fast gleichzeitig mit dem Eintreten der Juden in der Geschichte erkannt wurde. Seit etwa dritthalb Jahrtausenden lebt das jüdische Volk in der Zerstreuung, d. h. viele seiner Glieder befinden sich außerhalb der palästinischen Heimat, inmitten einer fremden Umgebung und von deren Kultur stark beeinflußt. Dabei war es immer eigentümlich, daß die Juden in der Fremde infolge der weitgehenden Zerstreuung unter sich selbst, also nicht nur von ihren palästinischen Volksgenossen, kulturell verschieden waren. Das jüdische Volk besitzt die Eigenschaft, daß es sich an die Umgebung sehr weitgehend anpassen kann, ohne jedoch sein eignes Wesen, seine Eigenart gänzlich aufzugeben. Und so. erblicken wir in sehr früher Zeit, ehe das nationale Gebilde vollständig fertig war, die Juden in der übergroßen Mehrzahl außerhalb der Heimat und doch in ihr den nationalen Stützpunkt findend. Die jüdische Diaspora reicht zeitlich sehr weit zurück; ihre Anfänge fallen in die Epoche, als das Judentum, der Inbegriff der nationalen Eigenart, noch nicht fertig war. Damals war die Absplitterung vom jüdischen Stamm leicht möglich. Etwas später, ungefähr im fünften vorchristlichen Jahrhundert, haben sich die Dinge so gestaltet, daß wohl nur ein kleiner Teil des jüdischen Volkes in Palästina weilte, der weitaus größere Teil aber in der Fremde, ostwärts hauptsächlich in Mesopotamien und südwärts vornehmlich in Ägypten. Außerdem fanden sich noch Juden in großer Zahl in Syrien und in Kleinasien, in Cyrene und auf der Insel Cypern, auch zahlreich zerstreut in den Ländern am Mittelmeer. Es ist dies die jüdische Diaspora, von der der jüngst verstorbene protestantische Theologe Hausrath mit so viel Gehässigkeit spricht, als von Schädlingen der hellenischen Kultur. Für die Juden bestand immer die Frage, wie in dieser Zerstreuung, in dieser kulturellen Mannigfaltigkeit die nationale Einheit und der innere Zusammenhang zu erhalten sei. Das war um so schwieriger, als unser Volk in der Fremde in kurzer Zeit seine nationale Sprache aufgab. Geschichtlich betrachtet, ist es immer für ein Volk am schwierigsten, die nationale Individualität zu wahren, wenn es seine Sprache verloren und die seiner Umgebung angenommen hat. Es ist an sich eine merkwürdige Erscheinung, daß unser Volk, das in der Fremde nichtnationale Sprachen (die jüdisch-deutsche Mundart und das spaniolische Idiom) Jahrhunderte hindurch so beharrlich gepflegt hat, die eigene hebräische Sprache in viel kürzerer Zeit aufgab. Wir können dieser geschichtlichen Analogie nicht weiter nachgehen, weil wir nicht zur Genüge die Verhältnisse kennen, aus denen jene Zustände hervorgegangen sind. Jedenfalls aber hat die wissenschaftliche Forschung ergeben, daß etwa im dritten vorchristlichen Jahrhundert die Judenheit in Palästina trotz ihrer numerischen Schwäche den Mittelpunkt des jüdischen Volkes bildete. Politisch und wirtschaftlich waren unstreitig die Juden in Mesopotamien bei weitem besser gestellt; sie waren reicher und in der Fremde auch politisch unabhängiger als die Volksgenossen in der eignen Heimat. Kulturell wiederum waren die Juden in Kleinasien und Ägypten den Volksgenossen in Palästina weit überlegen. Es gab Zeiten, wo sich unter den Juden in der Diaspora ein gewisses Unabhängigkeitsgefühl regte, es zeigte sich unter ihnen das Streben, sich von der Heimat auch religiös und national loszutrennen. Aber diese Regungen traten nur vereinzelt auf und waren nicht nachhaltig genug. Obgleich beispielsweise in Ägypten seit sehr alter Zeit, wie jetzt nachgewiesen wurde, noch vor der Perserherrschaft, ein jüdisches Heiligtum bestanden hat, konnte sich die ägyptische Judenheit niemals von der geistigen Oberherrschaft Palästinas freimachen. Es kam vor, daß die ägyptischen Juden das Sukkothfest nicht anerkennen wollten und sich an der Wallfahrt nach Jerusalem anläßlich dieses Festes nicht beteiligten. Der Prophet Zacharja führte gegen die ägyptischen Volksgenossen deshalb eine harte Sprache. Im allgemeinen aber ging das Streben im jüdischen Volke dahin, Palästina als geistiges und nationales Zentrum zu erhalten und zu befestigen. Ein ungenanntier Prophet fand so gleichsam einen Weg von Mesopotamien über Palästina nach Ägypten. Das Band, das sich um alle Glieder schlang, war die nationale und religiöse Idee, deren Kraft groß und stark war. Immerhin ist die Erscheinung noch zu erklären. Die palästinische Judenheit mit der religiösen Zentrale bildete den Grundstock des jüdischen Volkes. Auf Jerusalem, auf das nationale Heiligtum, waren die Augen aller Juden in der Zerstreuung gerichtet. Jeder suchte es möglich zu machen, den nationalen Boden aufzusuchen; dorthin flössen reichliche Spenden der in der Diaspora lefejenden Juden. Christliche Forscher berechnen die Zahl der Juden in Palästina um die Zeit des Krieges gegen Rom auf etwa 600 000 bis 700 000 Köpfe, während in Ägypten rund eine Million Juden lebten und in Mesopotamien noch viel mehr. Ich halte diese Zahl bezüglich der Juden in Palästina, die den Angaben des Josephus stark widersprechen,fürallzu niedrig. Und wenn ich auch nicht geneigt bin, die Angaben des jüdischen Historikers, die auf eine Einwohnerzahl von etwa drei Millionen Menschen in Palästina hindeuten (allerdings einschließlich der heidnischen Bevölkerung), für richtig zu halten, so glaube ich doch, daß man etwa zwei Millionen Juden annehmen darf. Die Gesamtzahl der Juden in der ganzen Welt darf man für jene Zeit auf ungefähr sechs bis sieben Millionen annehmen. Jedenfalls bildeten die palästinischen Juden auch numerisch einen beträchtlichen Teil des jüdischen Volkes. Und da bei ihnen das nationale Leben mächtig pulsierte, ist der Einfluß erklärlich, den sie auf die Juden der Diaspora Jahrhunderte hindurch ausübten. Aber seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden in Palästina immer mehr ab. Das national-religiöse Heiligtum lag längst in];Trümmern, und die Hoffnung, daß es bald wieder erstehen würde, verlor sich immer mehr. Auch sonst hörte Palästina allmählich auf, dergeistige Mittelpunkt des jüdischenVolkes zu sein. Es hat im Mittelalter Zeiten gegeben, wo in Palästina kaum hundert jüdische Familien lebten. Es sah mitunter so aus, als ob das Land jeden Zusammenhang mit den Juden verloren hätte; keine Nachricht kam von dort, die das jüdische Volk in seinem nationalen

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